Hamburg

Die Elphi ist nichts dagegen: Hier versenkt die Umweltbehörde mehr als eine Milliarde Euro

Katharina Fegebank und der damalige Umweltsenator Jens Kerstan (beide Grüne) stehen 2024 in einer Baustelle des Fernwärmetunnels. (Archivbild)
Katharina Fegebank und der damalige Umweltsenator Jens Kerstan (beide Grüne) stehen 2024 in einer Baustelle des Fernwärmetunnels. (Archivbild)

Mehr als eine Milliarde Euro teurer: Neues Senatsdokument zeigt, wie massiv mehrere Großprojekte im Zuständigkeitsbereich der Umweltbehörde aus dem Ruder laufen. 

An den Baustellen der Umweltbehörde explodieren die Kosten: Erst der Skandal um die Kläranlage VERA II bei Hamburg Wasser, dann das Müll-Debakel bei der Stadtreinigung – nun wird deutlich: Noch viel mehr Projekte sind betroffen, teils mit horrenden Steigerungen von mehr als 100 Prozent. Bei der Bilanz muss man schlucken. 

Teuer, teurer, Umweltbehörde: Insgesamt werden 35 der 59 laufenden Großprojekte öffentlicher Unternehmen unter Aufsicht der Umweltbehörde ab 20 Millionen Euro teurer als angenommen. Das geht aus der Senatsantwort auf eine Anfrage des CDU-Politikers Sandro Kappe hervor, die der MOPO vorliegt.

Kostenexplosion: Um diese Großprojekte geht es

Es geht zum Beispiel um die Stadtreinigung, Hamburg Wasser, die Hamburger Energienetze oder die Hamburger Energiewerke, die alle in die Zuständigkeit der Umweltbehörde fallen und unter anderem Projekte für die Energie- und Wärmewende umsetzen. Das „Abendblatt“ berichtete zuerst.

Der Blick auf die Zahlen verheißt nichts Gutes: Das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) an der Schnackenburgallee (Bahrenfeld) wird voraussichtlich um mehr als 500 Millionen Euro teurer. Eine aktuelle offizielle Kostenprognose gibt es nicht – doch es dürfte auf eine Kostensteigerung von mehr als 200 Prozent hinauslaufen. Das Projekt wurde ursprünglich mit einer Kostenschätzung von 234 Millionen Euro in die Öffentlichkeit gebracht, doch nun liegen die Kosten womöglich bei rund 750 Millionen Euro oder mehr.

Das Plus beim Kraftwerk Dradenau (Waltershof) liegt wie Anfang Juni kommuniziert bei 334,4 Millionen Euro und 74 Prozent. Die Klärschlamm-Verbrennungsanlage VERA II (Waltershof) verteuert sich mit rund 152 Millionen Euro mehr um 105 Prozent. Auch die Anbindung an das Fernwärmesystem West mit dem Tunnel unter der Elbe wird mit 66,4 Millionen Euro mehr deutlich teurer als ursprünglich geplant.

Auch andere Ausschläge sind enorm: Das Umspannwerk Bahrenfeld verteuerte sich um 172 Prozent (21,9 Millionen Euro), die Quartierserneuerung Tonndorf um 152 Prozent (41 Millionen Euro) und das Hauptumspannwerk Ost um 140 Prozent (56,3 Millionen Euro).

CDU: Zahlen sind „erschreckend“

Zwar gibt es auch Projekte, die finanziell im Rahmen bleiben oder die sogar günstiger werden. Doch die Gesamtbilanz setzt den Senat unter erheblichen Erklärungsdruck. CDU-Politiker Sandro Kappe nennt die Zahlen erschreckend. „Ursprünglich waren Großprojekte der öffentlichen Unternehmen der BUKEA (Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft) mit einem Investitionsvolumen ab 20 Millionen Euro in Höhe von 3,66 Milliarden Euro geplant. Inzwischen wird – ohne Berücksichtigung weiterer Kostensteigerungen beim ZRE – mit 5,1 Milliarden Euro gerechnet. Das entspricht Mehrkosten von rund 1,43 Milliarden Euro beziehungsweise einer Kostensteigerung von 39 Prozent.“

Das Kohlekraftwerk Wedel soll ersetzt werden.

Besonders die Entwicklung beim Energiepark Hafen/Kraftwerk Dradenau falle ins Auge, so Kappe. Das Projekt zählt zu den wichtigsten Energievorhaben Hamburgs, denn die neue Kraft-Wärme-Kopplungsanlage soll das Kohlekraftwerk Wedel ersetzen. Doch aus den ursprünglich geplanten 452,4 Millionen Euro sind schon 786,8 Millionen Euro geworden. „Diese Mehrkosten werden sich am Ende auch auf die Fernwärmekosten auswirken“, warnt Kappe. Für ihn setze sich eine Entwicklung fort, die inzwischen System habe.

So erklärt der Senat die Mehrkosten

Der Senat erklärt die Kostensteigerungen vor allem mit der aktuellen Lage in der Bauwirtschaft und den Folgen des Ukraine-Kriegs: Material, Energie, Dienstleistungen und Personal werden teurer, die wirtschaftliche Lage ist angespannt – das wirkte sich unmittelbar auf die Kosten laufender Projekte aus und sei nur begrenzt beeinflussbar. Auch im Rest Deutschland seien Projekte um rund 70 Prozent teurer geworden.

Zudem argumentiert der Senat, dass sich bei Projekten dieser Größenordnung regelmäßig fachlich sinnvolle Erweiterungen oder Anpassungen ergäben, die zwar zu höheren Budgets führen könnten, zugleich aber nachhaltigen Mehrwert schafften und die Zukunftsfähigkeit der Investitionen stärkten.

Doch reicht das als Erklärung für Mehrkosten von mehr als einer Milliarden Euro – und mehrfache Kostensteigerungen über 100 Prozent? „Niemand bestreitet die Auswirkungen von Inflation, Energiekrise oder Lieferengpässen“, sagt Sascha Mummenhoff vom Bund der Steuerzahler. „Doch diese Erklärung reicht längst nicht mehr aus. Wenn sich Projektkosten wiederholt um 100, 150 oder sogar mehr als 200 Prozent erhöhen, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Qualität der Planung, des Projektcontrollings und der politischen Aufsicht.“

Kritik auch an den Aufsichtsräten

Auch für Kappe geht es nicht mehr nur um die Frage, warum einzelne Projekte teurer wurden. „Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wo war der Aufsichtsrat?“, sagt der CDU-Politiker.

Der Satz „Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken“ beschreibe die Situation treffend. „Die Verantwortung endet nicht bei der Geschäftsführung. Wer im Aufsichtsrat sitzt, trägt Verantwortung für die Kontrolle milliardenschwerer Projekte. Dieser Verantwortung muss er auch gerecht werden.“ Doch die Kontrolle scheine nicht ausreichend funktioniert zu haben. Das sei besonders unverständlich, weil nach den Problemen bei VERA II ein verschärftes Kostenmonitoring angekündigt worden sei.

Brisant: Bei der Frage, was die Aufsichtsräte bei den konkreten Kostensteigerungen tatsächlich getan haben, gibt der Senat keine detaillierte Auskunft – zum Schutz der Unabhängigkeit und Vertraulichkeit der Aufsichtsratssitzungen.

Die Umweltbehörde ist seit dem Amtsantritt von Jens Kerstan im Jahr 2015 grün geführt. Seit Mai 2025 hat Katharina Fegebank als Umweltsenatorin die politische Verantwortung für die Projekte übernommen. Sie habe seit Herbst 2025 und dann noch mal im Frühjahr 2026 eine „noch engere Kontrolle von Großprojekten“ veranlasst, heißt es vom Senat. Zudem unterlägen die Unternehmen Prüfungen durch unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften.

Bund der Steuerzahler sieht Senatorin Fegebank in Verantwortung

„Politische Verantwortung beginnt nicht erst mit der Übernahme eines Ressorts“, sagt dazu Sascha Mummenhoff. „Wer über Jahre als Zweite Bürgermeisterin Teil der Senatsspitze war, trägt Mitverantwortung für die Entwicklung der vergangenen Jahre.“ Er sieht auch die Informationspolitik des Senats kritisch: „Transparenz bedeutet, Probleme von sich aus offenzulegen und nicht erst dann, wenn sie sich nicht länger verbergen lassen.”

„Am Ende bezahlen die Hamburgerinnen und Hamburger diese Entwicklung – über höhere Müllgebühren, steigende Energiepreise oder den städtischen Haushalt“, sagt Kappe. Der CDU-Politiker fordert professionell besetzte Aufsichtsräte mit ausreichender fachlicher Expertise, verbindliche Kontrollmechanismen, unabhängige externe Projektprüfungen bei Großvorhaben sowie klare Verantwortlichkeiten bei gravierenden Kostenüberschreitungen. Nur so könne verlorenes Vertrauen zurückgewonnen und verhindert werden, dass sich solche Kostenexplosionen künftig wiederholen.

An den Baustellen der Umweltbehörde explodieren die Kosten: Erst der Skandal um die Kläranlage VERA II bei Hamburg Wasser, dann das Müll-Debakel bei der Stadtreinigung – nun wird deutlich: Noch viel mehr Projekte sind betroffen, teils mit horrenden Steigerungen von mehr als 100 Prozent. Bei der Bilanz muss man schlucken. 

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