Der Wal und der Jahrmarkt des Irrsinns
Als das große Meerestier in der Förde gesehen wird, schickt die Marine des Kaisers die Panzerkorvette „Württemberg“, und örtliche Fischer laufen aus. Sie hetzen den Finnwal auf eine Sandbank nahe dem Ort Westerholz, wo man ihm eine Sprengpatrone ins Maul schiebt. Danach bleibt der Kadaver liegen. Zu schwer, um ins tiefere Wasser gezogen zu werden.
Es ist Ende Februar 1911, und ein Jahrmarkt der Sensationen beginnt.
Zehntausende Schaulustige reisen an, um den knapp 20 Meter langen „Walfisch“ zu sehen. Kleinbahnen sind überfüllt, die „Vereinigte Dampfschifffahrtsgesellschaft“ muss Extradampfer im Pendeldienst einsetzen, und die „Flensburger Nachrichten“ berichten vom Fotografen Thomsen, der „hierselbst dafür Sorge trug“, dass in zahlreichen Läden Bilder im Verkauf sind: „Der Walfisch! Photographien 1,50 Mark, Postkarten 20 Pfennig“.
So viele Neugierige reisen an, dass sich die Flensburger Kleinbahn vom zusätzlichen Erlös am Ende zwei neue Loks kaufen kann, die den Spitznamen „Wal-Loks“ bekommen. Der Trubel geht als „Westerholzer Wal-Affäre“ in die Geschichte der beschaulichen Region ein.
115 Jahre später – es ist wieder ein Jahrmarkt, ein Jahrmarkt des Irrsinns
115 Jahre später strandet wieder ein großer Wal, ein Buckelwal diesmal, weiter östlich, auf einer Sandbank vor der Insel Poel – und wieder wollen alle etwas vom Tier abhaben. Zuerst war er bei Niendorf in der Lübecker Bucht auf Grund gelaufen, aber von Rettern freigebaggert worden.
Hunderte Demonstranten machen sich auf den Weg, um für seine „Befreiung“ zu demonstrieren. Wobei niemand weiß, wie und warum das funktionieren kann, denn zum rettenden Ausgang in die Nordsee sind es Hunderte Kilometer, und der Wal ist verwirrt und krank und geschwächt. Manche Medien „live-tickern“ vom Strand, obwohl es nicht viel zu tickern gibt, denn der Wal liegt einfach nur da und soll in Ruhe sterben. Also, eigentlich.
Eine „Aktivistin“ springt von einer Fähre in die Ostsee, um hinzuschwimmen. Am Ufer pendelt eine Schamanin den Wal aus. Influencer influencen und beschuldigen Experten, keine Ahnung zu haben. Sogar Greenpeace, die mit der Rettung von Walen bekannt wurden, sind auf einmal die Bösen. Im Walkampf um Klicks und Spenden ist jedes Mittel recht. Die Rolle von „Photograph Thomsen“ haben TikTok und Instagram übernommen.
Der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern und die Bürgermeisterin von Poel berichten von Hass und sogar von Morddrohungen; dabei trifft sie nicht mal Entscheidungen, der Wal liegt einfach nur vor ihrer Insel.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
Alle aktuellen Folgen dieser Kolumne finden Sie hier.
Dass dem Wal nicht mehr geholfen werden kann, steht in einem Gutachten angesehener Wissenschaftler, doch in den sozialen Netzwerken kursieren „Gegengutachten“, die irgendwer mit künstlicher Intelligenz zusammendengelte. Gefälschte Urkunden sind in Umlauf, die eine Verschwörung beweisen sollen: den Millionen Euro schweren Verkauf des Kadavers an ein Museum. Mehrfach kommt es zu Tumulten, weil wütende Demonstranten die Absperrung der Polizei durchbrechen.
Es ist April 2026. Es ist wieder ein Jahrmarkt, ein Jahrmarkt des Irrsinns.
Anmerkungen oder Fehler gefunden? Schreiben Sie uns gern.