Der große Daten-Check: Führen mehr Radwege zu Stau-Chaos in Hamburg?
Über kaum ein Thema wird in Hamburg so kontrovers diskutiert wie die Umwandlung von Autospuren in Fahrradwege. Es wird oft von einem befürchteten „Verkehrsinfarkt” oder „Stau-Chaos“ gesprochen. Aber trifft das wirklich zu? Die MOPO hat einige Straßen in der Hansestadt analysiert, basierend auf Daten des Navigationsgeräteherstellers „TomTom“, und dabei unterschiedliche Ergebnisse festgestellt.
Plötzlich war sie da: Im September 2020 griff Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) selbst zur Farbe, als er die erste offizielle Pop-Up-Bikelane auf der Straße Beim Schlump in Eimsbüttel eröffnete. Zwischen Gustav-Falk-Straße und Bogenstraße fuhren Radfahrer seitdem auf ehemaligen Kfz-Spuren, abgetrennt vom Autoverkehr durch auffällige gelbe Markierungen auf der Fahrbahn.
Knapp anderthalb Jahre später, im März 2022, entschied sich die Verkehrsbehörde, diesen zunächst temporären Radweg zur Dauerlösung zu machen. Dabei hatten Anwohner zuvor vor einem massiven Stau-Chaos gewarnt, das jedoch bis heute ausgeblieben ist.
Die MOPO hat Daten des Navigationsgeräteherstellers „TomTom“ aus dem Juni 2019 mit Daten aus dem Juni 2024 verglichen, wobei die vier EM-Spieltage in Hamburg im Jahr 2024 ausgenommen sind. Beide Zeiträume liegen außerhalb der Sommerferien.
Die Daten zeigen: Montags bis freitags zwischen 6 und 10 Uhr fahren Autofahrer zwischen Gustav-Falk-Straße und Bogenstraße in Richtung Hallerstraße heute etwa zwei Kilometer pro Stunde langsamer als früher und verlieren auf der 600 Meter langen Strecke dabei circa neun Sekunden. Zwischen 15 und 19 Uhr sind es etwa fünf Sekunden.
Radweg Hallerstraße: Auto-Geschwindigkeit bleibt gleich
Es blieb in Hamburg allerdings nicht bei der einen Pop-Up-Bikelane am Schlump, denn die Corona-Pandemie führte zu einem regelrechten Boom des Fahrradverkehrs: Im Jahr 2023 fuhren 28 Prozent mehr Radfahrer durch die Hansestadt als noch 2019, allerdings vier Prozent weniger als 2022.
Laut Senator Tjarks liegt das an den 40 Prozent mehr Regentagen. „Klar ist, dass der Radverkehr weiterhin der mit Abstand am schnellsten wachsende Verkehrsträger ist.“ Die CDU wollte diese Erklärung wiederum nicht gelten lassen, Fraktionschef Dennis Thering warf dem Grünen-Politiker eine einseitige Verkehrspolitik vor – allein ausgerichtet zugunsten des Fahrrads.
Allerdings fordert auch die CDU in ihrem eigenen Mobilitätsprogramm, Radwege möglichst von den Autospuren abzutrennen. Nur wo? Eine weitere Pop-Up-Bikelane wurde 2022 auf der Hallerstraße eingerichtet. Laut den Tracking-Daten von „TomTom“ hat sich die Geschwindigkeit der Autos in beide Richtungen zwischen 6 und 10 Uhr sowie zwischen 15 und 19 Uhr abends so gut wie gar nicht verändert.
Radweg auf der Reeperbahn führt zu längeren Autofahrten
Auf Hamburgs Rotlichtmeile Reeperbahn sind die Unterschiede wiederum deutlicher: Seit November 2022 können Radfahrer in Richtung Millerntor auf einem ehemaligen Kfz-Streifen radeln – in die andere Richtung ist das seit Oktober 2023 möglich. Laut den „TomTom“-Daten benötigen Autofahrer zwischen 6 und 10 Uhr in Richtung Millerntor im Juni 2024 circa 53 Sekunden mehr Zeit als im Juni 2019, zwischen 15 und 19 Uhr sind es 71 Sekunden Unterschied. In die Gegenrichtung sind es im morgendlichen Berufsverkehr 39 Sekunden länger, in der abendlichen Rushhour 76.
Laut der Verkehrsbehörde ist seitdem allerdings die Zahl der Unfälle mit Verletzten zurückgegangen – zuvor war die Reeperbahn für viele Radfahrer eine der Horror-Straßen Hamburgs und führte sogar die „Flop 10“ des Radverbands ADFC an. „Verkehrssicherheit geht vor Verkehrsfluss – so steht es in der Straßenverkehrsordnung“, begründete der Münchener Mobilitätsreferent Georg Dunkel gegenüber dem „Spiegel“ den Umbau von Straßenraum.
Radwege sorgen in Hamburg oft für Streit
Und dennoch sorgen neue Radwege oft für hitzige Diskussionen. In Berlin stellte Verkehrssenatorin Manja Schreiner (CDU) als eine ihrer ersten Amtshandlungen längst beschlossene Radprojekte auf den Prüfstand. Denn ihr Kollege und heute regierender Bürgermeister Kai Wegner sah den Autoverkehr durch immer mehr Fahrradspuren ausgebremst.
Der Verkehrsingenieur Torsten Perner rechnete allerdings bereits im MDR vor: „Auf einer Fahrradspur kriegen Sie dreieinhalbtausend Menschen pro Stunde lang, mit dem Auto aber nur tausend. Und das ist der Grund, warum es etwa in Kopenhagen weniger Stau gibt als in deutschen Städten.“ Das Gleiche gilt für die Fahrrad-Hochburg Amsterdam. Während die Durchschnittsgeschwindigkeit der Autos dort bei 40 km/h liegt, beträgt sie in Hamburg etwa 23 km/h.
Tatsächlich ist der Verkehrsfluss in einer Großstadt wie Hamburg von sehr vielen Faktoren abhängig: Neben der Infrastruktur spielen vor allem auch Baustellen oder das Wetter eine große Rolle. Trotzdem bleiben neue Radwege ein Aufreger-Thema – manchmal sogar, bevor sie überhaupt gebaut werden: In der Reventlowstraße wollte die Altonaer Bezirkspolitik nach Beschwerden von Geschäftsleuten das geplante 700 Meter lange Stück Veloroute wieder einstampfen, doch Bezirksamtschefin Stefanie von Berg (Grüne) weigerte sich. Es entbrannte ein erbitterter lokaler Streit – bis Senator Tjarks im Mai schließlich ein Machtwort sprach: Der Radweg wird gebaut.