Der Engel aus dem Grindelviertel: Warum eine junge Frau gerne Tote wäscht
Sie hat einen Beruf, der Licht bringt, aber auch ganz viel Schatten. Seren Gören verbringt den ganzen Tag mit Menschen, die sich in einer Ausnahmesituation befinden. Die verzweifeln, weinen und meist sehr traurig sind. Und obwohl die 30-Jährige noch jung ist und von Natur aus fröhlich, hat sie entschieden, sich dieser Verantwortung zu stellen. Seren Gören ist Bestatterin. Eine mit einem großen Herzen. Jetzt wurde der „Engel aus dem Grindelviertel” mit dem Hamburger Handwerkspreis ausgezeichnet.
Seren Gören steht für eine neue Generation im Bestattungswesen. Nicht nur, weil sie jung ist und eine Frau. Sondern auch, weil sie Offenheit, Modernität und Wärme ausstrahlt – im Gegensatz zu der tristen Verschlossenheit vieler herkömmlicher Bestattungsinstitute.
Hamburg-Rotherbaum: Junge Bestatterin gibt dem Trauerprozess ein modernes Gesicht
Schon wer an ihrem Laden am Hallerplatz (Rotherbaum) vorbeigeht, spürt, dass hier etwas anders ist. Statt blickdichter Fensterscheiben mit Todeskreuz-Symbolik gibt es eine große Glasfront, hinter der ein freundlicher Raum mit hübscher Deko zu sehen ist. Statt Särgen sorgen Trockenblumen und Federn, die von der Decke hängen, für Atmosphäre. Zwei weiße Sessel ergänzen gewissermaßen wie Wolken das Setting, das für die Besucher eine Verbindung zu „dem da oben“ darstellen soll.
„Himmelsprojekt“ hat Gören denn auch ihr Unternehmen genannt, mit dem sie sich erst vor anderthalb Jahren selbstständig gemacht hat – und sich dabei einen großen Traum erfüllte. „Ich wusste, seit ich 14 Jahre alt war, dass ich Bestatterin werden möchte“, erzählt die junge Frau.
Bei ihrer Familie in Kaltenkirchen löste sie damals mit ihrem Interesse für Sterben, Tod und Trauer eher Skepsis aus. Dennoch erlaubten die Eltern ihr, ein Schulpraktikum bei einem Bestatter zu machen, der die Begabung der Jugendlichen für den Trauerberuf sofort erkannte.
Hamburger Handwerkskammer fordert Meisterpflicht fürs Bestattungswesen
Trotzdem befolgte Seren Gören nach dem Schulabschluss den Rat ihrer Eltern, erst mal „etwas Vernünftiges“ zu machen, und absolvierte eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten. „Ich wusste, dass ich keinen Tag in dem Beruf arbeiten wollte.“ Als sie fertig war, klopfte sie noch einmal bei dem Bestatter an, der sie mit Handkuss nahm und ihr half, über den zweiten Bildungsweg in den Beruf zu finden, der gerade immer beliebter wird: Laut Statistischem Bundesamt machten Ende 2024 insgesamt 890 Personen eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft – so viele wie nie zuvor. 57 Prozent davon waren Frauen – auch das ein Spitzenwert.
Inzwischen hat Seren Gören sogar einen Meister – und ist allein damit schon eine Besonderheit im Bestattungswesen. Die Hamburger Handwerkskammer fordert zur Qualitätssicherung die Einführung einer Meisterpflicht für diejenigen, die sich um die Toten kümmern.
„Eine Bestattung ist ein einmaliger Moment – sie lässt sich nicht nachbessern oder rückgängig machen. Deshalb ist eine fachgerechte und qualifizierte Ausführung, wie sie Bestattermeisterin Seren Gören bietet, unerlässlich“, so Hjalmar Stemmann, Präsident der Handwerkskammer. Der Meister stehe für ein Qualitätsversprechen. „Nur so kann ein würdevoller Abschied gewährleistet werden – besonders im sensiblen Umgang mit kultureller Vielfalt und psychischen Ausnahmesituationen“, so Stemmann über die Nachwuchsbestatterin, die am Dienstagabend den Hamburger Handwerkspreis überreicht bekam, wo sie sich in der Kategorie „beliebtester Handwerksbetrieb” gegen zahlreiche Konkurrenten durchgesetzt hatte.
Junge Bestatterin Seren Gören mit Hamburger Handwerkspreis ausgezeichnet
Die kulturelle Sensibilität wurde Seren Gören quasi in die Wiege gelegt. Sie hat einen kurdisch-türkisch-jesidischen Familienhintergrund und bewegt sich schon ihr Leben lang im Spannungsfeld verschiedener Religionen, Sprachen und Traditionen. Für ihren Betrieb bedeutet das: Sie bietet jede Art von Beerdigung an – egal welcher Kultur oder welcher Rituale. Ihr geht es allein um die Menschlichkeit.
„Jeder Sterbefall ist anders“, sagt die junge Frau mit dem feinen Gespür. „Ich kann den Angehörigen ihre Trauer nicht abnehmen. Aber ich kann auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen und damit einen Weg ebnen, damit sie wieder zurück ins Leben finden.“ So wollen manche Familien ganz dicht bei dem Toten sein und jeden Schritt von der Waschung, Ankleidung, Einäscherung bis hin zur Beerdigung begleiten. Andere möchten mehr Distanz. Kinder dürfen bei Seren Gören Pinsel in Farbtöpfe stecken und den Sarg ihrer Eltern oder Großeltern anmalen.
Am schlimmsten aber ist es für Seren Gören, wenn sie Kinder selbst beerdigen muss. Wenn sie deren Eltern am Grab stehen sieht. „Ich möchte dabei sein, wenn meine Tochter ‚zugedeckt‘ wird, hat ein Vater einmal zu mir gesagt. Damit meinte er das Schließen des Grabes. Solche Sätze gehen einem nicht aus dem Kopf“, sagt Gören.
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Über 100 Menschen hat Seren Gören schon beerdigt, seit sie am Hallerplatz ist. Das hat auch etwas mit ihr selbst gemacht. „Neulich hatte ich eine 30-Jährige. Da kommen einem schon Gedanken wie: Das hätte auch ich sein können, weil es so nah an den eigenen Lebenslinien ist“, sagt die Bestatterin. „Das lehrt einen, dankbar zu sein.“