Der Anheizer von Bahrenfeld: „Der ist irre, komplett durchgedreht!“
Boris Böhringer ist komplett verrückt. Das sagen zumindest seine Kollegen über ihn. Er selbst nennt es Lebensfreude und den Wunsch, mit Menschen gemeinsam zu lachen. Böhringers Beruf ist es, dem Publikum von Fernsehshows als Anheizer gute Laune zu machen.
In blauem Jackett und braunen Schnürstiefeln läuft Boris Böhringer (54) breit grinsend durch das Gebäude der „Fernsehmacher“ im Phoenixhof an der Stahltwiete (Bahrenfeld). Auf dem Weg ins Aufnahmestudio 2 begegnen ihm mehrere Produktionsmitarbeiter. Jeden einzelnen grüßt er überschwänglich. „Schön dich zu sehen, Boris!“, sagen sie, oder „Oh Gott, er ist wieder da“. Mehrfach kommt die Warnung: „Der Typ ist irre. Er ist komplett durchgedreht.“ Böhringer selbst bezeichnet seine Energie als Lebensfreude. Er hat einen ungewöhnlichen Beruf: Anheizer. Böhringer bringt das Publikum von verschiedenen Fernsehsendungen zum Lachen, lockert es für die Show auf und begleitet es durch die Aufnahme, bringt es zum Klatschen. Das hat er unter anderem auch für den Jahresrückblick von Markus Lanz gemacht und diverse Quiz-Shows.
So sucht sich der Anheizer seine Opfer
Heute ist sein Arbeitsplatz bei der „Küchenschlacht“ (ZDF). In der Show müssen fünf bis sechs Personen in 35 Minuten ein Gericht zu einem bestimmten Thema kochen – an diesem Tag sind es Leibspeisen. Bevor es losgeht, wird im Studio der Produktionstag durchgesprochen. Vier Sendungen werden vorproduziert. Böhringer hört geduldig zu, danach läuft er hoch zum Tontechniker Thomas. Sie besprechen einen Einstiegssong, legen sich auf „Take The ‚A‘ Train“ von Duke Ellington fest und tanzen umher.
„Die meisten Warm-Upper gehen einfach raus auf die Bühne, reden ihren immer gleichen Text und gehen wieder“, sagt Thomas. „Aber nicht Boris. Er gibt Vollgas. Das macht ihn einerseits anstrengend“, er lacht, „aber er ist mir daher auch der Liebste.“ Die beiden verstehen sich so gut, dass sie eine jährliche Verabredung mit Böhringers Tochter zum Currywurstessen bei den Karl-May-Festspielen haben, bei denen Thomas ebenfalls arbeitet.
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Kurz darauf beginnt der erste Dreh. Während die Gäste auf den roten Sitzbänken Platz nehmen, beobachtet Böhringer sie über eine Kamera. Zuvor hat er sich die Namensliste angesehen. Er sucht nach Auffälligkeiten. Verhält sich ein Gast ungewöhnlich, hat jemand etwas Besonderes an, oder einen außergewöhnlichen Namen? So sucht er sich eine Person für den Anfang seiner Performance. In der ersten Aufzeichnung fällt seine Wahl auf das Rentnerpaar Birgit und Peter aus München. Ihre Besonderheit: Birgit trägt eine leuchtend rosa Weste und wirkt laut Böhringer „chefig“. Das reicht. Er schnappt sich das Mikrofon und beginnt aus dem Vorraum seine Show. Noch sieht ihn niemand. Aber hören werden sie ihn.
Böhringer: „Anfangs ging es nur um Aufmerksamkeit“
Mit seiner tiefen, vollen Stimme donnert er ins Mikrofon: „Meine lieben Leute! Willkommen! Jetzt geht es los, machen Sie mal die Rücken gerade. Gerade hab ich gesagt! Ja, Sie da im rosa Pulli!“ Und so beginnt ein Schwall voller Worte, der nicht immer Sinn ergibt, aber sichtlich Stimmung macht. Lächelnde Gesichter schauen Böhringer auf dem Bildschirm entgegen, während er auf und ab tanzt, immer in Bewegung, pausenlos und nie stumm. Dann läuft er los ins Studio, stellt sich vor sein Publikum und quatscht fröhlich weiter, solange, bis die Sendung losgeht. Während der Aufzeichnung steht er in einem für die Kameras nicht sichtbaren Bereich vor dem Publikum. Er tigert er auf und ab, lacht laut, wenn etwas Lustiges passiert, und klatscht darauf los, bis ihm das Publikum folgt.
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Angefangen hat der gebürtige Bremer zur Jahrtausendwende. „Eigentlich habe ich Musik gemacht. Einem Bekannten, der meine Auftritte besuchte, fiel auf, dass ich zwischen den Stücken viel mit dem Publikum scherzte“, erzählt Böhringer. Daraufhin habe er angefangen, kleinere Veranstaltungen zu moderieren und landete schließlich in der Heimat von Birgit und Peter, in München. Dort war ein Produktionsleiter auf ihn aufmerksam geworden.
25 Jahre später ist Böhringer immer noch dabei und nach wie vor überzeugt von seinem Beruf. Neben seiner Tätigkeit als Anheizer ist Böhringer noch als Schauspieler im Theater tätig, zuletzt war er im Schmidt-Theater. Außerdem macht er Musik mit einem befreundeten Gitarristen, sie covern bekannte Songs. „Seit ich klein war, wollte ich etwas in dem Bereich Schauspiel oder Entertainment machen“, sagt er und wird dabei nachdenklich. „Es hat fast schon etwas Tiefenpsychologisches. Es geht anfangs nur darum, Aufmerksamkeit zu kriegen.“
Heute sei das anders, so der 54-Jährige. „Jetzt ist es mir vor allem wichtig, eine Verbindung zwischen den Leuten herzustellen“, sagt er. „Das Leben ist kürzer als man denkt. Ich will einfach nur eine gute Zeit mit Leuten haben und gemeinsam lachen.“