„Den Hintern hochbekommen“ gegen das Tabu: Hier wird einsamen Hamburgern geholfen
Mitra Kassai und Einsamkeit, irgendwie gehen die beiden Begriffe nicht zusammen. Die Kulturmanagerin sprüht nur so vor Energie – aber die Sorge vor Einsamkeit später im Alter trieb sie schon früh um. Statt sich weiter zu sorgen, gründete sie „Oll Inklusiv“ und bietet nun die tollsten Aktivitäten an für „Senioren und Senioritas“. Der Weg aus der Einsamkeit kostet die Teilnehmer nichts. Nur ein bisschen Mut für den ersten Schritt. Und der ist wichtiger denn je: Seit der Pandemie ist Einsamkeit zur Volkskrankheit geworden – und aus Sicht mancher Experten sogar zur Gefahr für die Demokratie.
„Einsamkeit hat viele Namen“, schnulzte es einst im Schlager und das stimmt immer noch: Einsamkeit kann jeden treffen, aber es auszusprechen – „ich bin einsam“ – das ist eine Riesenhürde. Dafür schämt man sich.
Seit der Pandemie fühlen sich so viele Menschen in Deutschland einsam, dass die Bundesregierung eine Strategie gegen Einsamkeit beschlossen hat, denn: Einsamkeit kann zur Bedrohung für die Demokratie werden. „Einsame Menschen neigen eher zu extremen politischen Einstellungen und glauben eher an politische Verschwörungserzählungen“, schreibt die Bertelsmann Stiftung. Laut deren Studie sind besonders junge Erwachsene einsam (46 Prozent!), außerdem Menschen mit niedriger Bildung, Arbeitslose, Geschiedene, Frauen eher als Männer.
Mitra Kassai: Einsamkeit ist ein Tabu
Sich abgeschnitten zu fühlen von allen anderen, das ist ein tiefer Schmerz und hat nichts zu tun mit dem „Ich bin froh, wenn ich mal für mich bin“-Seufzer vielbeschäftigter Menschen. Die wollen mal alleine sein. Einsam sein will keiner. „Einsamkeit ist sehr tabuisiert“, sagt Mitra Kassai (52).
2017, als Einsamkeit noch kein Thema für Bundesministerien war, hat die Ottenser Musikmanagerin „Oll Inklusiv“ gegründet („man muss sich die Welt so gestalten, wie man sie selbst haben will“). Inzwischen nutzen 7000 „Senioren und Senioritas“ ab 60 Jahren die App, chatten im Bereich „Klönschnack“, schauen, was an Terminen ansteht (Ausflug zum Mexikanischen Fest in der Schanze, Yoga, Breakdance, Barkassenfahrt).
Die „Oll Inklusiv“-Bande tanzt nachmittags in Clubs, geht zu Konzerten und war sogar schon mal in Wacken. Ehrenamtliche holen Bewohner mit Elektro-Rikschas aus Altersheimen ab und kutschieren sie durch die Stadt.
Das Wichtigste im Kampf gegen Einsamkeit, sagt Mitra, sei der erste Schritt: „Den Hintern hochbekommen“. Dann könne nichts mehr schiefgehen: „Im schlimmsten Fall hat man eine Erfahrung gemacht.“ Und im besten Fall wird man Teil einer Gemeinschaft: „Man muss bei uns nichts bezahlen, jeder ist willkommen, außer Nazis“, sagt Mitra.
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Sich und anderen seine Einsamkeit einzugestehen, das fällt in jedem Alter schwer, weiß Ute von Chamier, Geschäftsführerin der Hamburger Initiative „Redezeit für dich“, bei der sich rund 300 Coaches ehrenamtlich als Zuhörer anbieten. Anonym finden Betroffene hier jemanden zum Reden, es wird ausdrücklich nicht gecoacht, sondern zugehört. „Wie die Telefonseelsorge, nur in cool“, beschreibt von Chamier das Konzept.
Viele klicken auf der Website lieber „Berufliche oder private Krise“ statt „Einsamkeit“: „Einsamkeit ist einfach sehr stigmatisiert“, sagt Ute von Chamier, „da schiebt man für sich und andere lieber andere Themen vor.“ Einsamkeit hat nicht nur viele Namen, sie versteckt sich auch geschickt.