„Den haben sie nie gefasst“: Zugbegleiterin spricht darüber, was sie täglich erlebt

Zugbegleiterin in einem Regionalzug (Symbolbild).
Eine Zugbegleiterin in einem Regionalzug (Symbolbild).

Der gewaltsame Tod eines Zugbegleiters, erschlagen von einem Fahrgast ohne Ticket, erschüttert das Land – und wirft ein grelles Licht auf das, was tausende seiner Kollegen in ihrem Alltag erleben. Pro Tag werden rund acht Angriffe auf Bahnmitarbeiter gemeldet, sagt ein Sprecher des Konzerns – und da sind all die Unflätigkeiten, die die Männer und Frauen an vorderster Front abbekommen, nicht mitgezählt. Eine Hamburger Zugbegleiterin berichtet der MOPO, was sie in 20 Jahren auf der Schiene mit schreienden Vätern, betrunkenen Frauen und bewaffneten Halbstarken schon erlebt hat.

Schätzungsweise gut 15.000 Zugbegleiter gibt es in Deutschland, angestellt bei der Deutschen Bahn (DB) und privaten Bahnunternehmen. Quereinsteiger verdienen bei der DB zwischen 45.000 und 49.000 Euro im Jahr, laut einer aktuellen Stellenausschreibung bei der Arbeitsagentur für Arbeit. Eine Zugbegleiterin berichtet:

Als ich von dem Tod von Serkan C. in Rheinland-Pfalz hörte, war ich tief erschüttert – und ich musste sofort an einen Kollegen denken, der vor einigen Jahren in Niedersachsen von einem Fahrgast so heftig ins Gesicht geschlagen worden ist, dass er jahrelange Zahnbehandlungen hatte und massive psychische Probleme. Er wollte den Wagen wechseln, ging dazu auf den Bahnsteig und sagte „Moin“ zu dem Mann, der ihm entgegenkam. Einfach nur „Moin“ und der Typ schlug zu und ging weiter. Den haben sie nie gefasst, der läuft immer noch da draußen rum.

Zugbegleiterin: Tägliche Pöbeleien

Ich selbst habe mal erlebt, dass ein Fahrgast bei der Kontrolle ein Küchenmesser mit 20 Zentimeter langer Klinge gezückt hat. Er müsse sich schützen, meinte er. Ich habe sofort die Polizei gerufen. Das Komische: Der Mann hatte eine Fahrkarte. Ein andermal kamen wir am Endbahnhof an und da warteten schon zehn Bundespolizisten, weil der Lokführer zwei junge Männer im Wagen hinter sich gesehen hatte, die mit ihren Waffen herumfuchtelten.

Ich wurde bei einer Fahrkartenkontrolle auch schon angespuckt, so eine Erinnerung brennt sich wirklich ein. Ich habe mir gesagt: „Der meint dich nicht persönlich, der meint die Zugbegleiterin“. Daran hab ich schon zu knapsen gehabt.

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Was ich täglich erlebe, so drei-, viermal: Pöbeleien, wenn jemand keine Fahrkarte hat, oder der Zug Verspätung hat oder zu voll ist. Dabei versuche ich immer, zu deeskalieren: Kein Fahrausweis? Dann können wir sofort 60 Euro kassieren, oder der Person erlauben, am nächsten Halt auszusteigen und sich ein Ticket zu kaufen. Meistens biete ich das an.

Neulich gab es einen Vater, der mit seinem vielleicht achtjährigen Sohn unterwegs war, ohne Fahrschein. Ich sage: „Sie können an der nächsten Station ein Ticket nachlösen“, da schrie der mich an, beschimpfte mich dermaßen, dass ein paar Mädchen sich einmischten und mir beisprangen.

Fahrgast flippte aus

Ein anderer Mann meinte mal, er müsse nicht nachlösen, wenn er mich anflirtet. Als ich da nicht drauf eingegangen bin, ist der ausgeflippt. Ich sagte: „Wenn Sie jetzt nicht aussteigen, rufe ich die Polizei!“ Das hat den gar nicht beeindruckt. Manche Leute sind echt verrückt, und ich habe das Gefühl, das ist durch Corona schlimmer geworden, als wäre da bei vielen so das soziale Netz weggefallen.

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Besonders anstrengend für mich und andere Fahrgäste sind betrunkene ältere Frauengruppen, ehrlich wahr. Bei Männern gibt es meistens einen, der auf die anderen aufpasst, und oft versuchen sie es noch auf die flirtige Art, bevor sie aggressiv werden, betrunkene Frauen sind sofort aggro.

Die meisten, die uns im Nahverkehr Ärger bereiten, sind Fahrgäste zwischen 25 und 45, wobei es auf die Nationalität nicht ankommt, nach meiner Erfahrung. Wir können von unserem Arbeitgeber Bodycams bekommen, wenn wir wollen. Ich habe keine, weil ich nicht noch mehr Gedöns mit mir herumtragen will. Was mir wichtig ist: Ich mag meinen Job immer noch. In einem Nahverkehrszug sitzen vielleicht 300 Menschen und die allermeisten davon sind freundlich.