Das traurige Familien-Geheimnis der „Königin von der Reeperbahn“

Inge auf ihrer Platte. Sie lebte Jahrzehnte an der Kreuzung Reeperbahn/ Hamburger Berg.
Inge auf ihrer Platte. Sie lebte Jahrzehnte an der Kreuzung Reeperbahn/ Hamburger Berg.

Sie war laut, wenn es sein musste, und herzlich, wenn man es brauchte. Wer sie kannte, wusste: Inge ließ sich nichts gefallen. Sie hatte ihre Ecken und Kanten, aber auch ein Lachen, das manchmal die dunklen Ecken der Stadt ein wenig heller machte.“ Es sind bewegende Zeilen, die Nicky Wichmann, die Chefin des „Amsterdam-Headshop“ an der Reeperbahn, verfasst hat. In Gedenken an Inge – die „Königin der Reeperbahn“, die kürzlich im Alter von 54 Jahren verstorben ist und durch TV-Formate weit über den Kiez hinaus bekannt war. Doch wer war die Frau, die einen an einem Tag von ihrer Platte jagte und am nächsten Tag breit grinsend empfing? Was kaum jemand wusste: Inge war Mutter. Die MOPO sprach mit ihrer Tochter. Und mit ihren Geschwistern, die jahrelang versucht hatten, Ingelies, wie sie eigentlich hieß, zu finden.

Natürlich kannte Kevin K. (40) „Reeperbahn-Inge“. Immer wieder hatte er sie im Fernsehen gesehen. Dass es sich bei der Frau, die Jahrzehnte an der Kreuzung Reeperbahn/ Hamburger Berg Platte machte, um seine Schwester Ingelies handeln könnte, ahnte er nicht. Mitte der 80er-Jahre hatte Ingelies die Familie zuletzt besucht. Da war Kevin gerade mal ein knappes Jahr alt, Ingelies 15. Erst als die Polizei vergangene Woche vor seiner Tür stand, erfuhren er und seine andere Schwester, dass die verstorbene „Reeperbahn-Inge“ ihre Schwester war. „Ich war völlig schockiert und konnte es nicht fassen. Sie war so nah und doch so fern. Ich kenne die ‚Reeperbahn-Inge‘, aber meine Schwester Ingelies habe ich nie kennengelernt.“ Jahrelang habe er versucht sie zu finden. Doch ohne Erfolg.

Mit 14 kam Ingelies in ein Heim

Es macht Kevin traurig, dass er keinerlei Erinnerung an seine Schwester hat. „Ich wusste, dass es sie gibt. Meine Mutter hat mir gesagt, dass ich eine Schwester habe, die im Heim lebt. Ich hatte immer die Hoffnung, dass sie irgendwann einfach vor der Tür steht.“ Warum Ingelies mit 14 Jahren ins Heim kam, weiß er nicht. Darüber wollte die mittlerweile verstorbene Mutter nicht sprechen. Doch die Probleme müssen massiv gewesen sein. Die Mutter war damals Alkoholikerin, hatte wechselnde Männer und ihre Kinder unterschiedliche Väter.

Inge selbst hatte das Unaussprechliche ausgesprochen. In Interviews hatte sie berichtet, dass ihr Vater wegen sexuellen Missbrauchs an ihr vor Gericht stand. Mit 14 kam sie ins Heim, hielt es jedoch nicht aus und landete später auf der Straße. Sie ging anschaffen in St. Georg und St. Pauli. „Ich habe im Puff gearbeitet, als Bardame. Ich habe auf dem Straßenstrich gearbeitet, habe zig Vergewaltigungen durch eigene Leute sowie durch Freier erlebt.“

Inge, die eigentlich Ingelies hieß, als Jugendliche bei ihrem letzten Familienbesuch. Auf dem Arm ihr Bruder Kevin, ein knappes Jahr alt.
Inge, die eigentlich Ingelies hieß, als Jugendliche bei ihrem letzten Familienbesuch. Auf dem Arm ihr Bruder Kevin, ein knappes Jahr alt.

Inge muss Unerträgliches erlebt haben. Mit Alkohol und Drogen versuchte sie zu vergessen, zu ertragen. Zu wissen, welch Leid und Entbehrung seiner Schwester widerfahren ist, schmerzt ihren Bruder. Doch er ist auch dankbar, endlich die Gewissheit zu haben, was aus Ingelies geworden ist. Insbesondere, weil er vor einigen Tagen auf einmal eine Nachricht bekam. Von einer jungen Frau, die Kontakt zu ihm suchte – es war Inges Tochter.

„Dass es mich gibt, wusste fast niemand. Ich glaube, damit wollte meine Mutter mich schützen“, sagt die Tochter. Sie wuchs behütet bei liebevollen Pflegeeltern auf. Dass Inge ihre Mutter war und der Vater unbekannt, weiß die junge Frau seit sie denken kann. Ihre Mutter kannte sie dennoch nicht. Die Tochter ist dankbar, wie viele Menschen Anteil am Schicksal von Inge nehmen. „So viele liebe Worte, so viel Positives zu sehen, berührt mich sehr.“

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In Gedenken an die „Königin der Reeperbahn“ plant der Verein „Mobile Bullysuppenküche“ gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen, Pastor Sieghard Wilm und der Familie eine Trauerfeier in der St. Pauli-Kirche. Julia Radojkovic von der „Mobile Bullysuppenküche“ kannte Inge seit mehr als zwölf Jahren. „Sie war eine einzigartige Frau. Ihre Lebensgeschichte hat mich sehr berührt, denn sie steht symbolisch für das Martyrium aus Missbrauch und Gewalt, das viele Frauen erleben und das sie in die Obdachlosigkeit treibt. Wir müssen hinschauen. Und uns kümmern.“