Das steckt hinter dem traurigen kleinen Haus im Herzen Ottensens
Ein einstöckiges Häuschen, weiß mit blauen Fenstern, duckt sich zwischen zwei viel größeren Nachbarn. Ungeliebt und vernachlässigt sieht es aus, wie es da mit seinen beschmierten Fenstern am Alma-Wartenberg-Platz steht, im Sommer einer der beliebtesten Corner-Treffpunkte der Stadt. Als das Häuschen 1860 erbaut wurde, gehörte Ottensen zum dänischen Hoheitsgebiet und wandelte sich gerade vom Dorf zum Industriestandort, der jede Menge Wohnraum für Arbeiter brauchte. Was über die Geschichte des traurigen kleinen Hauses von Ottensen bekannt ist.
Bahrenfelder Straße 158, so lautet die Adresse des kleinen Häuschens. Das Nachbarhaus mit schöner Gründerzeitfassade zeugt davon, dass mit der Industrialisierung auch durchaus Wohlstand in das einstige Dorf kam. In dem kleinen Haus lebte aber sicher keine reiche Fabrikbesitzer-Familie.
Als es 12 oder 13 Jahre alt war (Ottensen war inzwischen preußisch und von Altona eingemeindet), wurde in seiner Sichtweite eine Friedenseiche gepflanzt, wie es sie nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 überall im Deutschen Reich gab. In Ottensen stand der Baum an der Gabelung der Bahrenfelder Straße und der Friedensallee, umgeben von einem hohen, schmiedeeisernen Gitter. „Friedenseichenplatz“ hieß die Fläche noch bis in die 1980er Jahre, obwohl die Eiche im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Später wurde der Platz nach der Frauenrechtlerin Alma Wartenberg benannt.
Erbauer ist unbekannt
Wer das Häuschen einst erbauen ließ, wer darin wohnte, all das ist im Nebel der Geschichte untergegangen. Häuser wie dieses, unten eine Ladenfläche, oben Wohnräume, die gab es damals buchstäblich an jeder Ecke. Ein paar uralte Akten aber hat das Stadtteilarchiv Ottensen gesichert. So ist zu erfahren, dass der Eigentümer 1881 das Erdgeschoss umbauen wollte – „Herausnahme und Versetzung von Trennwänden“, so der Antrag. Wurde vom damaligen Bauamt nicht genehmigt.
1887 der nächste Anlauf: Das Wohnhaus sollte einen Keller bekommen. Ein Herr J.F.S. Stock wollte unter der Ladenfläche Lagerräume für Leder schaffen, so geht es aus dem Antrag hervor. Die Zeichnung zeigt die Fassade, wie sie auch heute noch aussieht: zwei Eingangstüren, eine rechts, eine links, dazwischen Schaufenster und im ersten Stock sechs kleinere quadratische Fenster.
Der Keller wurde nicht genehmigt und auch mit dem Antrag auf eine Änderung der Fassade blitzte der Eigentümer im Jahr 1898 ab, wie aus historischen Unterlagen der Bauprüfabteilung Altona hervorgeht.
Vermutlich ein Ledergeschäft war also Ende des 19. Jahrhunderts in dem kleinen Haus untergebracht. Eine Postkarte aus den 1960er Jahren zeigt eine große Markise, die leider jeden Hinweis darauf, was dort verkauft wird, verdeckt. Eine Straßenbahn rattert vorbei. Erst ein Foto aus den 1980er Jahren zeigt wieder, was aus dem kleinen Haus geworden ist: Ein Imbiss mit dem Namen „Deniz Grill“, über viele Jahre äußerst beliebt, wenn man die voll besetzten Tische betrachtet. Die Fassade, später weiß gestrichen, ist backsteinrot.
Zwangsversteigerung 2013
Wie es weiterging? 2013 wurde das Häuschen zwangsversteigert. Restaurant im Erdgeschoss, oben zwei Wohnungen mit insgesamt 120 Quadratmetern, „für das Baujahr unterdurchschnittlich gepflegt“, wie der Gutachter feststellte. Aufgerufener Kaufpreis damals: 530.000 Euro.
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2019 wollte ein Investor einen Neubau an die Stelle des Gebäudes setzen, der Bezirk lehnte den Abriss ab, das Häuschen steht unter Denkmalschutz. 2022 landete der nächste Antrag auf Abriss beim Bauamt – und wurde ebenfalls abgelehnt. Vom letzten Mieter der verlassenen Ladenfläche zeugt nur noch ein Schild, das einen Mittagstisch für 12,90 Euro mit Fischgerichten anbietet.
Neuster Antrag aus diesem Jahr: Die Fassade soll verändert werden. Darüber ist bislang nicht entschieden. Die Cholera von 1892 hat das kleine Haus tapfer überstanden, Straßenkämpfe in der Weimarer Republik, zwei Weltkriege und die Wandlung der Nachbarschaft zum Szenequartier – aber nun, so scheint es, wird es immer trauriger.