Hamburg
Das Rätsel um das Sekten-Zelt am Dammtor-Bahnhof
„Psychiatrie – Tod statt Hilfe“ ist das Motto einer Ausstellung am Bahnhof Dammtor. Doch Vorsicht! Hinter den Veranstaltern steckt ein Scientology-naher Verein.
Vor dem Bahnhof Dammtor steht ein großes, weißes Zelt. Ein Bierzelt, könnte man meinen, wäre da nicht das riesige Banner mit der Aufschrift „Öffentliche Warnung vor der Psychiatrie“. Neben dem Schriftzug ist die Karikatur eines Kindes. Es hat den Kopf in die Hände gestützt, den Blick nach unten gerichtet. Durch eine Art Trichter werden ihm Psychopharmaka in den Kopf geschüttet. Dahinter stecken wohl Scientologen.
Das Zelt gehört der KVPM, der „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V.“. Sie wurde 1969 von Scientology-Mitgliedern gegründet. Die Scientologybeauftragte Ursula Caberta ordnete die KVPM 2002 als „radikaler Arm von Scientology, der vordergründig Missstände anprangere, auf diese Weise aber Menschen in die Organisation hineinzuziehen versuche“ ein.
Ausstellung am Bahnhof Dammtor – Psychiatrische Praktiken als Zerstörer der Religion
Auf der Scientology-Website heißt es über die KVPM, sie setze sich gegen die „Unwissenschaftlichkeit psychiatrischer Diagnosen“ und die „profitorientierte Allianz zwischen der Psychiatrie und der Pharmaindustrie“ ein.
Die Ausstellung trägt den Titel „Psychiatrie – Tod statt Hilfe“. Die Stimmung im Zelt ist dystopisch. Auf großen schwarzen Plakaten werden grausame Fotos von gefolterten Menschen gezeigt. Auf einem Banner steht: „In Wahrheit ist die Psychiatrie nichts weiter als ein Geschäft, das sich mit der Kontrolle der Gesellschaft und der in ihr lebenden Menschen, aber nicht mit Heilung befasst.“
Filme und Magazine sollen die Besucher von der Gefahr der Psychiatrien und Psychopharmaka oder Antidepressiva überzeugen. Im Stil eines 80er-Jahre-Horrorfilms erzählen die Hefte eine Geschichte von bösen Psychiatrien und Psychiatern, von der Willenlosigkeit von Patienten und praktisch dem Untergang der Gesellschaft. In einem der Magazine77 steht sinngemäß, dass psychiatrische Praktiken „die solide Grundlage, von der unsere Gesellschaft abhängt, zerstören und die einzige Hoffnung auf Rettung der Gesellschaft zerschlagen würde: die Religion.“
Scientology-naher Verein bittet um Spenden
Sichtlich schockiert laufen einige Besucher von Plakat zu Plakat, von Tisch zu Tisch. „Oh Gott“, murmelt eine Frau jenseits der 60, während sie einen Text über ADHS liest. Eine andere Frau zieht ihre Enkelin hinter sich her und spricht darüber, dass man keine Pillen nehmen sollte.
Auf den Tischen liegen Magazine und DVDs – gratis. Es wird lediglich um Spenden gebeten, damit die Finanzierung der Ausstellung sichergestellt wird. In einem Spendenbehälter am Eingang liegen bereits einige Münzen und zwei Fünf-Euro-Scheine. Auch Visitenkarten von dem Präsidenten der KVPM kann man sich mitnehmen. „Sie können sich ruhig bedienen“, sagt ein freundlich lächelnder Mitarbeiter. Nur einige von ihnen tragen KVPM-Shirts. Andere arbeiten in Alltagsklamotten, sprechen Leute im Bereich der U-Bahn-Station Stephansplatz auf die Ausstellung an.
Verfassungsschutz: Mögliche Einstiege in die Sekte
Die Ausstellung wurde im Rahmen einer angemeldeten Versammlung durch die Polizei genehmigt. Name: „Anlässlich des 27. Weltkongresses IACAPAP – Schluss mit Zwang und Gewalt in der Kinderpsychiatrie! Wir fordern ein Verbot von Elektroschocks in Deutschland.“ Es habe bislang keine Zwischenfälle dort gegeben, so ein Sprecher der Polizei. Die Veranstaltung sei vom Versammlungsrecht gedeckt, solange dort keine Straftaten begangen würden. Für Freitag ist zudem von 13 bis 18 Uhr ein Aufzug unter dem gleichen Motto angekündigt, der durch die Innenstadt gehen soll. 2000 bis 3000 Teilnehmer hat der Veranstalter angemeldet.
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Die KVPM führt seit Jahren Kampagnen gegen Psychiatrie und Pharmakologie, auch in Hamburg besitzt sie eine Ortsgruppe. Aus Sicht des Hamburger Verfassungsschutzes soll die Kampagne gegen Psychiatrie den Boden für scientologische Alternativen bereiten – und damit für einen möglichen Einstieg in die Organisation.
Gerade bei Menschen, die Hilfe suchen, in Krisen stecken, unter Sucht leiden oder psychisch belastet sind, können solche Botschaften verfangen. So kann zunächst Misstrauen gegenüber etablierten Hilfesystemen geweckt werden. Anschließend bietet Scientology die eigene Antwort an.
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