Das Leben als Tatortreinigerin: „Ich hatte immer eine Faszination für Mord“

Eine Frau im weißen Anzug mit Reinigungsutensilien
Nadine Herrmann-Riesinger reinigt beruflich Tatorte.

„Tatortreiniger“ – Da denken viele wohl direkt an die gleichnamige Comedy-Serie mit Bjarne Mädel, der als „Schotty“ in weißem Ganzkörperanzug über den Fernsehbildschirm huscht. Aber auch im echten Leben muss nach Mord, Selbstmord und Totschlag irgendwer die Tatorte säubern. Etwa Tatortreinigerin Nadine Herrmann-Riesinger. Der MOPO verrät sie, warum sie lieber Tatorte schrubbt, als am Schreibtisch zu hocken, welcher ihr schlimmster Tatort war – und wie der perfekte Mord gelingt.

Der Dönerverkäufer auf der Reeperbahn grüßt Nadine Herrmann-Riesinger im Vorbeigehen, während sie erzählt, wie sie bei einem Imbiss ein paar Hundert Meter weiter im Einsatz war, „aber das war nur eine kleine Schießerei“, sagt sie gelassen. Ihre blonden Haare stecken leicht zerzaust in einem Kapuzenpullover ihres Lieblingsvereins, des FC St. Pauli, die hellblauen Augen schauen freundlich unter schweren Wimpern hervor. Verbrechen sind Herrmann-Riesingers Alltag.

Früher musste die Tatortreinigerin das Schlachthaus putzen

Die Tatortreinigerin kommt erst, wenn es richtig hart wird: bei Mord, Selbstmord und Messi-Haushalten, die besonders schwer sauber zu kriegen sind. Hauptberuflich arbeitet sie im Management einer großen Reinigungsfirma. Aber nur Schreibtischarbeit reicht ihr nicht: „Ich brauche die Tatorte als Ausgleich“, sagt sie, während sie mit einer Dose Energydrink auf einer sonnigen Bierbank vor ihrem Stammkiosk Platz nimmt. Hinter ihr das Tor zur Herbertstraße, auch dort schrubbte sie nach einer blutigen Schlägerei bereits eine Bar.

Ein Koffer mit Reinigungsmittel
Zu gefährlich: Etwa 80 Prozent ihrer Reinigungsmittel kann man nur mit einem speziellen Zertifikat kaufen.

Schon während ihrer Ausbildung als Glas- und Gebäudereinigerin musste sie als Strafe regelmäßig das örtliche Schlachthaus putzen. „Das härtet ab!“, weiß die 52-Jährige. 1992 machte sie dann eine Weiterbildung und erhielt das offizielle Zertifikat als geprüfte Tatortreinigerin. Pro Stunde verdient sie zwischen 120 und 150 Euro. Ihr Nebenjob wird auch finanziell immer wichtiger, da Unternehmen seit einigen Jahren immer öfter bei der Reinigung sparen.

Das Leben als Tatortreinigerin: Manche Szenen bleiben in Erinnerung

Im Normalfall wird sie von Polizei, Angehörigen oder Eigentümern an den Tatort gerufen. Vor Ort muss sie ihr Vorgehen sorgfältig dokumentieren. Unter anderem um sicherzugehen, dass nichts verschleiert wird. „Man muss immer aufpassen, dass man nicht aus Versehen für die falsche Seite arbeitet“, erklärt Herrmann-Riesinger. Ihr Wissen kann leicht missbraucht werden. Bekannte fragen sie oft: Wie gelingt der perfekte Mord? „Ruf dir einfach ’ne Tatortreinigerin“, sagt sie dann.

Einige Tatorte brennen sich ein – die Bilder, der Geruch: wie bei dem Mann, der sich in seiner Badewanne in den Kopf schoss. Die Leiche lag bereits seit zwei Wochen in dem Wasser, als Herrmann-Riesinger gerufen wurde. „Dann musste ich erst mal rein in die Brühe und den Stöpsel ziehen. Das hat ganz schön gerochen“, erinnert sie sich. „Was muss passieren, dass jemand so verzweifelt?“, fragt sich Herrmann-Riesinger in diesen Situationen immer.

Der private Ausgleich: Herrmann-Riesinger ist großer Fußballfan

Angst macht ihr diese düstere Welt trotzdem nicht. „Ich hatte schon immer eine Faszination für das Dunkle, für Mord und Selbstmord“, erzählt sie. „Ich mag dieses Verrückte, dieses Gefährliche, Verruchte.“ Ein Grund, warum sie sich auf dem Kiez inzwischen heimischer fühlt als in Berlin, wo sie aufgewachsen ist.

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Ihre Ablenkung und größte Leidenschaft spielt nur ein paar Hundert Meter entfernt am Millerntor: „ihr“ FC St. Pauli. Nach Feierabend weicht der weiße Ganzkörperanzug wieder ihrem schwarzen Kapuzenpulli mit dem kleinen Totenkopf-Logo. Dann zählen für ein paar Stunden nicht mehr die Schüsse in vereinsamten Badezimmern, sondern nur noch die Schüsse aufs Tor.