„Das alte Bild vom gut verdienenden Apotheker trifft längst nicht mehr zu“

Mann in hellblauem Hemd vor Apotheke
Holger Gnekow, Präsident der Hamburger Apothekerkammer

Viele Hamburger standen kürzlich vor verschlossenen Apotheken: Protesttag! Ihre Geschäfte sind nicht mehr rentabel zu führen, klagen Apotheker bundesweit und fordern mehr Geld von den Krankenkassen. Die MOPO sprach mit Holger Gnekow, Präsident der Hamburger Apothekerkammer, über das Image vom reichen Apotheker, wahnsinnig teure Medikamente und Angestellte, die kaum den Mindestlohn verdienen.

MOPO: Herr Gnekow, Apotheker gelten als sehr gut verdienende Zeitgenossen. Warum haben sie gestreikt?

Holger Gnekow: Wir haben protestiert, nicht gestreikt, weil das alte Bild von den gut verdienenden Apothekern längst nicht mehr zutrifft. Inzwischen haben wir nicht mehr die Mittel, unsere Mitarbeiter auskömmlich zu bezahlen. Das Hauptproblem ist, dass das Honorar für verschreibungspflichtige Medikamente seit 2013 nicht mehr angepasst worden ist. Seitdem bekommen wir 8,35 Euro Honorar pro Medikament und drei Prozent auf den Einkaufspreis. Lohnkosten, Mieten, Energie-, Transport- und sonstige Betriebskosten sind seitdem aber massiv gestiegen. Und bei Kassenpatienten gehen von den 8,35 Euro auch noch 1,77 Euro Rabatt ab.

Die Krankenkassen verweisen darauf, dass ihre Ausgaben für Apotheken seit 2013 von 1,5 auf 7,1 Milliarden Euro gestiegen sind. Das ist doch viel mehr Geld.

Nur auf den ersten Blick. Die Kassen zahlen insgesamt mehr, weil mehr Medikamente verordnet werden und weil viele Arzneimittel selbst teurer geworden sind. Das bedeutet aber nicht, dass die Apotheken wirtschaftlich besser dastehen. Die Zahlungen sind um 26 Prozent gestiegen, unsere eigenen Kosten aber um 60 Prozent. Der Betrag, den die Krankenkassen an die Apotheken zahlen, für die Dienstleistung, dass wir die Arzneimittel vorrätig haben und beraten, bleibt in der Gesamtsumme immer noch relativ gering. Die Ärzte zum Beispiel haben gerade 2,8 Prozent Honorarerhöhung bekommen. Wenn andere Bereiche im Gesundheitswesen Honorarsteigerungen bekommen, dann muss das auch für Apotheken gelten. Sonst geraten wir immer weiter ins Hintertreffen.

Was fordern Sie konkret?

Im Koalitionsvertrag ist vorgesehen, das Honorar von 8,35 Euro auf 9,50 Euro anzuheben. Darauf berufen wir uns. Das ist ja keine spontane Wunschliste der Apothekerschaft, sondern etwas, das politisch bereits festgeschrieben worden ist. Noch wichtiger wäre aber, dass es künftig regelmäßige Erhöhungen gibt.

Diese Erhöhung für die Apotheker würde die Kassen im Jahr 874 Millionen Euro zusätzlich kosten.

Das große Thema sind hochpreisige Arzneimittel aus neuen Therapien. Für die betroffenen Patientinnen und Patienten ist das oft ein großer Segen. Aber diese Medikamente sind extrem teuer, und inzwischen verursacht rund ein Prozent der Verschreibungen fast die Hälfte der Arzneimittelausgaben.

Verdienen Apotheken an solchen Hochpreis-Arzneien nicht gerade besonders gut, weil sie drei Prozent auf den Einkaufspreis bekommen?

So einfach ist es nicht. Ja, die drei Prozent fallen bei höheren Preisen stärker ins Gewicht. Aber Apotheken tragen auch das komplette wirtschaftliche Risiko. Diese Medikamente müssen vorfinanziert werden. Wenn eine Packung beschädigt wird, verfällt oder falsch bestellt wurde, geht es sofort um mehrere Tausend Euro. Viele Apotheken bieten solche Arzneimittel deshalb nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr an, weil sie dieses Risiko finanziell nicht stemmen können.

Die Erhöhung des Mindestlohns stellt die Apotheker vor Probleme. Wie kann das sein?

Wenn der Mindestlohn wie geplant im Januar 2027 auf 14,60 Euro steigt, kann es passieren, dass tarifliche Einstiegsgehälter für pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte, die PKA, darunterliegen. Das ist ein Unding. Aber auch insgesamt sind die Gehälter in Apotheken nicht besonders hoch – weder bei PKA noch bei PTA (Pharmazeutisch-technischer Assistent, d.Red.) oder Apothekerinnen und Apothekern.

Das sind doch Ausbildungsberufe, die verdienen so wenig? Welche Tätigkeiten machen die denn?

Die PTA sind meist die Beschäftigten, die Kundinnen und Kunden vorn am Verkaufstisch sehen. Sie beraten und geben Medikamente ab. Die PKA kümmern sich eher um kaufmännische Aufgaben wie Einkauf, Lager und Organisation im Hintergrund.

Welche Rolle spielen Online-Apotheken?

Versandapotheken greifen sich bevorzugt die unkomplizierten, gut planbaren Dauerverordnungen heraus – also die lukrativen Standardfälle. In den Apotheken vor Ort bleiben dann die aufwendigen Fälle: Beratung, Rezepturen, Betäubungsmittel, kühlpflichtige Medikamente, Notdienst und akute Versorgung. Das ist Rosinenpickerei.

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Im Volksmund heißt es ja: „Das ist ja eine Apotheke“, wenn ein Geschäft besonders teuer ist. Wie kommt’s zu diesem Ruf?

Dieser Spruch stammt aus einer anderen Zeit. Viele sehen eine kleine Medikamentenschachtel und denken: viel Geld für wenig Inhalt. Aber die wirtschaftliche Lage der Apotheken hat sich stark verändert. Der Begriff „Apothekerpreise“ passt heute nicht mehr.