Comeback der S-Bahn-Surfer: Der Irrsinn auf der S3
Die S-Bahn fährt in die Station Hammerbrook und die drei jungen Menschen, die sich auf dem Dach des Bahnhofs versteckt halten, zögern keine Sekunde: Sie springen auf das Zugdach und starten ihre lebensgefährliche Tour. Rechts ist kurz darauf der Elbtower im warmen Licht des Sonnenuntergangs zu sehen, ein Mann breitet im Stehen die Arme aus. Das „Train Surfing“ hatte seinen Höhepunkt in den 1990er Jahren, viele Tote waren damals zu beklagen. Doch jetzt erlebt es ein Comeback, wie Zahlen belegen, die der MOPO exklusiv vorliegen. Die Verkehrsunternehmen warnen vor den Aktionen, komplett verhindern können sie sie allerdings nicht.
In dem Video, das kürzlich auf Instagram und YouTube gepostet wurde, sind zwei junge Männer und eine Frau zu erkennen. Nach Anfahrt des Zuges im Bahnhof Hammerbrook legen sie sich noch kurz hin – dann steht einer aus dem Trio auf und fährt im Stehen bis zur nächsten Station, der andere sitzt scheinbar entspannt auf dem Dach und filmt die Szenerie.
„Train Surfing“: Hochbahn verzeichnet immer mehr Fälle
An den Elbbrücken springen die drei vom Zug und rennen die Treppe der Haltestelle herunter, an dieser Stelle endet das Video. Und das ist kein Einzelfall: Am vergangenen Samstag beobachtete eine MOPO-Kollegin zwei Jugendliche in der U1. Ein Mädchen hängte sich in Ohlsdorf an den hintersten Waggon, ein Junge filmte es dabei von innen. Als die Kollegin die beiden ansprach, liefen sie an der nächsten Station davon – der Junge meinte nur, dass solche Videos im Internet ein Riesenhit seien.
Auch die Hochbahn verzeichnet immer mehr Vorfälle dieser Art: Lag die Zahl in den vergangenen Jahren bei unter zehn, kletterte sie im Jahr 2023 auf 16. Im ersten Halbjahr 2024 waren es sogar schon 20 registrierte Fälle von „Train Surfing“. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.
„Train Surfing“ hatte seine Hochzeit in den 1990er Jahren
„Das Mitfahren auf dem Dach oder auf den Kupplungen von Zügen ist lebensgefährlich“, sagt Hochbahn-Sprecher Christoph Kreienbaum. „Im Falle eines Unfalls, den diese Menschen in Kauf nehmen, werden aber auch andere Menschen zu Opfern. Das sind die Zugfahrerinnen und Zugfahrer, die Rettungskräfte und Fahrgäste – darunter können auch Kinder sein. Und das nehmen diese Idioten billigend in Kauf für ihren Kick.“
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Der Hamburger, der das S-Bahn-Video veröffentlichte, spricht auf seinem Instagram-Account wiederum von einem Traum, den er sich verwirklicht habe. Er sei Mitte 20, vor einigen Jahren hätten noch Drogen, Kriminalität und Gewalt sein Leben dominiert. „Damals träumte ich davon, einfach auf einen Güterzug zu steigen und aus diesem Teufelskreis auszubrechen.“
„Train Surfing“ hatte seine Hochphase in den 1990er Jahren, ein brandgefährlicher und damals häufig tödlicher Trend. In den Zügen wurden daraufhin Sperren eingebaut, die ein Öffnen der Türen während der Fahrt unmöglich machen.
2018 starb ein 14-Jähriger in Hamburg beim „Train Surfing“
Ganz verhindern lassen sich solche Aktionen laut Kreienbaum allerdings nicht. Viele filmen sich dabei, um das Video in sozialen Medien zu veröffentlichen. Im Jahr 2018 kam in Hamburg zuletzt ein 14-Jähriger dabei ums Leben: Er hatte sich an die Außenwand der U3 geklammert und krachte am Baumwall gegen einen Stahlträger. Aber auch in diesem Jahr starb bereits ein 21-Jähriger in Düsseldorf, der auf eine anfahrende S-Bahn sprang. Beim Versuch, wieder abzuspringen, rutschte er ab und fiel unter den Zug.
Juristisch ist der gefährliche Eingriff in den Bahnverkehr immer eine Straftat. Die Deutsche Bahn setzt laut eigener Aussage gemeinsam mit der Bundespolizei auf Präventionsarbeit. Laut einer Sprecherin sind 24 DB-Experten in Schulen, Kitas und an Bahnhöfen unterwegs, um für das richtige Verhalten an Bahnanlagen zu sensibilisieren.