Cannabis-Apotheker in Hamburg: „Meine Kunden sind total entspannt“

Ein Apotheker in Hamburg wiegt Cannabis-Blüten ab
Ein Apotheker beim Abpacken von Cannabis-Blüten (Symbolfoto).

Wer die Apotheke im Zentrum Hamburgs betritt, riecht es sofort: Hier werden nicht nur Aspirin und Hustensaft verkauft, sondern auch etwas anderes. Etwas, das einen gedanklich in einen Amsterdamer Coffeeshop katapultiert. Der würzige Geruch von Cannabis erfüllt den Verkaufsraum, der zur Pilgerstätte Hamburger Kiffer geworden ist. Nie war es so einfach, an die Blüten zu kommen. Ob das so bleibt, ist fraglich. Die neue schwarz-rote Regierung will sich die vor einem Jahr in Kraft getretene Legalisierung noch einmal vorknöpfen. Der Inhaber der Apotheke warnt: Das wäre ein falsches Zeichen!

Seinen Namen und die Adresse der Apotheke möchte der Pharmazeut nicht in der Zeitung lesen. Erst kürzlich war ein Kollege in Süddeutschland überfallen und von Bewaffneten gezwungen worden, seine Schränke zu öffnen. Deshalb will der Mann mit dem weißen Kittel auch nicht verraten, wie viele Kilogramm Grünzeug er in petto hat. Einen Blick auf die Vorräte darf die MOPO-Reporterin trotzdem werfen.

Eine alarmgesicherte Stahltür führt zum Cannabis-Lager im Keller der Hamburger Apotheke

Eine schmale Treppe führt hinab in den Keller. Dort versperrt eine gelbe Stahltür den Zugang zum Eldorado aller Joint-Bauer. Das Schild „Bitte nicht rauchen“ klebt schon seit Jahrzehnten an der Tür, bekommt seit der Umwandlung des Kellers zum Cannabis-Lager aber eine ganz neue Bedeutung.

Hinter der alarmgesicherten Tür wartet eine Auswahl in den Regalen, von der Hanffreunde nur träumen können: 45 Sorten feinstes Gras. Mit lustigen Namen wie „Busy animal“ oder „Lavender clouds“. Die günstigste kostet 5 Euro pro Gramm, die teuerste 13 Euro.

Stahltür zum Cannabis-Lager
Hinter dieser alarmgesicherten Stahltür befindet sich das Cannabis-Lager einer Hamburger Apotheke.

Damit liegen die Apotheke und die zehn weiteren, die in Hamburg Medizinisches Cannabis im Sortiment haben, nicht nur deutlich unter den Schwarzmarkt-Preisen. Sie liefern auch höchste Qualität. Das Schwarzmarkt-Gras vom Dealer dagegen ist oft versetzt mit Haarspray, Chemikalien oder Tierexkrementen, wie Studien gezeigt haben.

Hamburger Apotheker über seine Cannabis-Kunden: „Die sind entspannt und nett“

Medizinisches Cannabis kann schon länger verschrieben werden. Doch seit die Ampel-Koalition eine Teillegalisierung der Droge durchgesetzt hat, gibt es einen regelrechten Boom. Das Prinzip ist simpel: Ärzte stellen ein Rezept aus, mit diesem lässt sich in stationären Apotheken oder online ganz legal Gras erwerben. Und zwar aus kontrolliertem Anbau, sauber versteuert, ohne Dealer, ohne Mafia, ohne Gewalt. Ein Milliardenmarkt, von dem Produzenten, Apotheker, der Staat und vor allem die Kunden profitieren.

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„Meine Kunden berichten, dass sie früher schlimme Ausfälle wegen der Zusatzstoffe hatten. Sie sind froh, dass sie jetzt sauberes THC bekommen. Und das ganz legal“, sagt der Apotheker. Aber was sind das eigentlich für Kunden?

Der Apotheker lacht: „Als ich vor einem Jahr mit dem Verkauf angefangen habe, habe ich damit gerechnet, dass es ein schwieriges Publikum werden könnte“, gibt er zu. Das Gegenteil sei der Fall: „Es sind ganz normale Leute. Und die sind ausnahmslos alle ganz entspannt und nett.“

Nur einen Bruchteil von ihnen rechnet der Apotheker der „Spaßkifferfraktion“ zu, wie er sie nennt. Die große Mehrheit seien Menschen mit Tinnitus, Schichtarbeiter mit Schlafschwierigkeiten und Patienten mit chronischen Schmerzen. „Ein Kunde ist vor Jahren in eine Schießerei geraten und hat einen Querschläger abgekriegt“, berichtet der Pharmazeut von einem Fall, der ihm nahe geht. Der Mann habe jahrelang schwere Schmerzmittel genommen. „Das geht auf die Leber. Seitdem er Gras raucht, geht es ihm gut.“

Es sind Fälle wie diese, die den Apotheker dazu gebracht haben, Cannabis in sein Programm aufzunehmen. Er selbst hat noch nie in seinem Leben gekifft, wie er sagt. Seine Eltern seien auch vom Fach gewesen. „Das Thema Drogen wurde in meiner Jugend mit mir diskutiert“, sagt er. Er habe damals daher Alkohol und Zigarre vorgezogen. „Ich bin ein echter Spießer.“ Auch von seinem Team würde niemand mal einen buffen. „Wir trinken eher mal ein Glas Wein zusammen.“

CDU will die Cannabis-Teillegalisierung wieder zurücknehmen

Konservative, die in Alkohol ein Alltagsgetränk sehen und Drogen wie Cannabis verteufeln, möchten die Teillegalisierung zurücknehmen. Oder zumindest einschränken. Vor allem kritisieren sie den leichten Zugang zu der Dampfware. Denn nach dem Hochladen des Personalausweises zur Altersüberprüfung reichen schon ein paar Klicks auf der Internetseite eines Telemediziners und simple Begründungen wie „Schlaflosigkeit“ oder „Stress“ für ein (Privat-)Rezept. Nur in seltenen Fällen werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen.

Der Apotheker kann im viel kritisierten „Cannabis auf Knopfdruck“ nichts Verwerfliches erkennen. „Beim Praxis-Besuch würden die Leute die gleichen unüberprüfbaren Gründe anbringen. Wer kiffen möchte, der kifft – egal ob es legal ist oder nicht.“ Wichtig sei, dass – egal ob Telemedizin oder Arztpraxis – der Jugendschutz nicht umgangen werden kann. Die ebenfalls gefährdete Gruppe von jungen Leuten im Alter zwischen 18 und 25, deren Gehirn noch im Wachstum ist und die deshalb beim Konsum eher mit psychischen Folgen rechnen müssen, sieht der Apotheker wenig. „Von meinen Kunden ist kaum einer nach dem Jahr 2000 geboren worden.“

Zwar erlebt der Pharmazeut seit der Teillegalisierung einen enormen Kundenzuwachs und macht gute Geschäfte. Er weiß jedoch, dass das Bild dadurch verzerrt wird. Abwasserstudien aus Stuttgart etwa haben gezeigt, dass der Cannabiskonsum infolge der Gesetzesänderung nur geringfügig zugenommen hat. Der Wert ist Montag bis Sonntag der gleiche, was zeigt, dass Gras keine Partydroge ist. Am Wochenende kommen nur die anderen Drogen dazu.

Cannabis-Verkauf ist für Apotheken ein lukratives Geschäft

Auch in den Beratungsstellen gibt es deutschlandweit nicht mehr Süchtige als früher. Die Kliniken verzeichnen keine Zunahme von Behandlungen aufgrund von Cannabisabhängigkeit oder psychischen Störungen. Der Apotheker findet: Nur bei den Grenzwerten für Autofahrer könnte etwas nachgebessert werden.

Was in der Diskussion um die Legalisierung aus seiner Sicht immer vergessen wird, sind die enormen Steuereinnahmen. Allein im vierten Quartal 2024 wurden nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte 32 Tonnen Cannabis importiert, so viel wie im ganzen Jahr 2023. Schon bald soll der Gesamtumsatz der Branche auf eine Milliarde Euro anwachsen. Auch der Apotheker profitiert: „Es ist eine willkommene Ergänzung zum seit 20 Jahren nicht erhöhten Apothekenhonorar.“

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Den Hanf-Geruch in seinem Geschäft nehmen er und seine Kollegen gar nicht mehr wahr. Lange haben sie versucht, die Ausdünstungen durch Lüften oder Raumsprays zu vertreiben. Inzwischen haben sie es aufgegeben. Und wenn Menschen heute beim Eintreten fragen, „Ist es das, was ich glaube?“, dann antwortet der Mann hinterm Tresen fröhlich: „Kommen da Erinnerungen an Jugendsünden hoch?“ Um Kundenrückgänge braucht sich die Cannabis-Apotheke keine Sorgen zu machen. Im Gegenteil.