Frauenstreik in Hamburg: „Herr Merz, es geht hier nicht um Lifestyle“
Einen Tag nach dem Internationalen Frauentag wurde am Montag in vielen deutschen Städten Frauen und Unterstützer:innen zu einem bundesweit gestreikt. Unter dem Motto „Enough – genug“ wollten Initiativen und Aktivist:innen auf bestehende Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen aufmerksam machen. In Hamburg wurde am frühen Abend demonstriert. Die Stimmung: solidarisch und friedlich.
Der Aufruf stammt unter anderem vom sogenannten Töchterkollektiv. Die Organisator:innen verstehen den Streik als politischen Protest gegen die anhaltende Benachteiligung von Frauen und marginalisierten Gruppen. „Ohne uns steht vieles still“, heißt es im Aufruf. Frauen tragen seit Jahrzehnten entscheidend zum Funktionieren der Gesellschaft bei – in Familien, sozialen Berufen und in der Pflege. Dennoch bleiben Gewalt, ökonomische Abhängigkeit und politische Benachteiligung Realität.
Demonstration in Hamburg: klare Ansage an Friedrich Merz
In Hamburg versammelten sich, laut Polizei, rund 1500 Demonstranten am Rathausmarkt. MOPO-Redakteurin Laura Stief war vor Ort. Die Stimmung vor Ort sei friedlich, solidarisch und angenehm gewesen. Auf den bunt gestalteten Bannern der Demonstranten lasen sich Sätze wie „Patriarchy kills“ (Patriarchat tötet) oder „Girls just wanna have fundamental rights“ (Mädchen/Frauen wollen einfach fundamentale Rechte haben).
Auf der Demonstration, die vom Töchterkollektiv organisiert worden war, das sich nach der „Stadtbild“-Aussage von Friedrich Merz gegründet hatte, wurde auch auf den Bundeskanzler Bezug genommen. „Herr Merz, es geht hier nicht um Lifestyle. Es geht darum, den Laden am Laufen zu halten. Es geht darum, die Familie am Laufen zu halten. Und da, wo Sie schwächeln und lieber die Reichen noch reicher machen, da sollten Sie sich besser beim Ausbau von Kinderbetreuung und Pflegeeinrichtungen engagieren!“, sagte die Gewerkschaftlerin Tanja Chawla in ihrer Rede zu Merz’ „Lifestyle-Teilzeit“-Kommentar.
Frauenstreik Protest gegen Ungleichheit und Gewalt
Im Zentrum des Aktionstags stehen mehrere Themen: die ungleiche Verteilung sogenannter Care-Arbeit, Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sowie Gewalt gegen Frauen. Care-Arbeit umfasst Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder Hausarbeit – Aufgaben, die oft unbezahlt oder unterbezahlt bleiben und überwiegend von Frauen übernommen werden. Die Organisator:innen kritisieren, dass diese Arbeit gesellschaftlich kaum anerkannt wird.

Auch die Diskussion über Femizide – also Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts – sowie über häusliche und sexualisierte Gewalt ist Teil des Protests. Die Aktivist:innen fordern mehr Schutzmaßnahmen und ein stärkeres politisches Engagement. Ein historisches Beispiel zeigt, dass Streiks Wirkung entfalten können: Beim landesweiten Frauenstreik in Island im Oktober 1975 legten 90 Prozent der Frauen die Arbeit nieder und setzten damit Entwicklungen in Gang, die die Gleichstellungspolitik des Landes nachhaltig beeinflussten.
Kritik an strukturellem Rassismus
Neben Geschlechterungleichheit thematisiert der Streik auch Diskriminierung durch Rassismus und prekäre Arbeitsbedingungen. Besonders betroffen seien Schwarze Frauen, Women of Color und Frauen mit Migrationsgeschichte. Sie erfahren häufig Mehrfachbenachteiligung – etwa durch Sexismus, rassistische Diskriminierung oder unsichere Arbeitsverhältnisse. Viele arbeiten überdurchschnittlich oft in schlecht bezahlten Bereichen wie Pflege, Reinigung oder Betreuung. „Der Streik soll verdeutlichen, welche Belastungen und Ungleichheiten oft unsichtbar bleiben – und welche Strukturen sie begünstigen“, erklären die Veranstalter:innen.
Aktionen in zahlreichen Städten
Neben Hamburg sind Demonstrationen und Aktionen in vielen weiteren Städten geplant, darunter Berlin, München, Köln, Frankfurt, Leipzig, Stuttgart, Düsseldorf und Dresden. Auch kleinere Städte wie Kiel, Jena, Potsdam, Erfurt, Aachen, Flensburg oder Karlsruhe beteiligen sich. Der Streik richtet sich nicht nur an Frauen: Alle Menschen, die von Ungleichheit betroffen sind – etwa durch Sexismus, Rassismus, Prekarität, Behinderung oder Queerfeindlichkeit – sowie solidarische Unterstützer:innen sind eingeladen, teilzunehmen.
Politisches Signal
Der Streik findet bewusst an einem Werktag statt. Ziel ist es, die Bedeutung von Frauen für das Funktionieren der Gesellschaft sichtbar zu machen. Die Aktivist:innen betonen, dass es sich nicht um eine symbolische Aktion handelt. „Der Frauenstreik ist keine symbolische Geste. Er ist ein kollektiver Moment, in dem wir uns weigern, so weiterzumachen wie bisher“, heißt es im Aufruf.
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Nach Einschätzung der Initiator:innen wächst die Bewegung, weil sich das politische Klima verändert hat: Frauenrechte, queere Rechte und demokratische Werte stünden zunehmend unter Druck. Mit dem Streik wollen die Teilnehmer:innen nicht nur auf Missstände aufmerksam machen, sondern auch politischen Druck erzeugen. Ihr Ziel: mehr Gleichstellung, mehr Sicherheit und eine Gesellschaft, „in der rassistische und geschlechtsspezifische Ungleichheit nicht länger als normal gelten“.
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