Bürokratie-Wahnsinn, Preis-Explosionen: Sind Hamburgs Wochenmärkte noch zu retten?
Früher, sagt Malte Jahn (39), Obmann der Händler vom Isemarkt, habe er seine Kräuter in Tageszeitungen eingewickelt. Inzwischen muss er für viel Geld moderne Waagen kaufen, die mit dem Kassensystem verbunden sind – und das ist nur eine von unzähligen neuen Vorschriften. „Bürokratie-Irrsinn“, so nennen die Händler die teuren Vorgaben aus der Politik, die viele kleine Betriebe schon in die Knie gezwungen hätten. Teilweise stehen kaum noch eine Handvoll Stände auf einst wuseligen Wochenmärkten. Jetzt bekommt die geplagte Hamburger Marktwirtschaft Unterstützung.
Malte Jahn, Ex-Tigerdompteur und seit vielen Jahren als „Kräuter-Malte“ auf dem Isemarkt in Harvestehude bekannt, zählt aus dem Stand zahlreiche neue Verordnungen auf, die ihm und seinen Kollegen das Leben als Marktbeschicker schwer machen: Die neue Verpackungsverordnung etwa, die Tüten vorschreibe, Pfandnachweise, Kartenlesegeräte oder die neuen Kassen: „Die Waagschalen müssen jetzt mit der Kasse gekoppelt sein“, so Jahn zur MOPO. „Für meinen zwölf Meter langen Stand brauche ich drei neue Waagschalen, die jeweils bis zu 5000 Euro kosten.“
Die Folge: Auf Wochenmärkten, auf denen sich einst die Kunden drängten, Nachbarn trafen und mit Händlern und Bekannten schnackten, klaffen heute große Lücken in den Reihen der Marktstände. Auf dem Schlump etwa, so MOPO-Reporter aus der Nachbarschaft, steht an manchen Markttagen nur noch ein einsamer Gemüsehändler – Sinnbild des Marktsterbens. Auch Malte Jahn sieht die Zukunft seines Kräuterstandes mit Sorge: „Wenn meine Kinder mich fragen, ob sie meinen Wochenmarktstand übernehmen können, da überlege ich, ob ihnen davon abrate.“
Zahide Erciyes (52) von „Kayseri Manti“ bietet türkische Teigwaren auf dem Wochenmarkt auf dem Schwabenplatz (Hammerbrook) an: „Wegen der neuen Verpackungsverordnung müssen wir teurere Pappteller anbieten, von denen 100 Stück zehn Euro kosten“, schildert sie der MOPO. „Wenn dann ein Pärchen einen zweiten Teller wünscht, büßen wir da natürlich ein.“ Den Extra-Teller zu berechnen käme nicht in Frage: „Dann kommen die ja nicht wieder.“
CDU bringt Antrag in Bürgerschaft
Nun springt die CDU für die Händler in die Bresche und bringt einen Antrag in die Bürgerschaft ein: Der Senat möge den Wust an Vorgaben überprüfen und möglichst viele aufheben, sich außerdem auf Bundesebene für weniger Bürokratie auf deutschen Wochenmärkten einsetzen und darüberhinaus Fördermöglichkeiten für Händler prüfen.
Dirk Piazza (47) verkauft Obst und Gemüse auf dem Schwabenplatz und betreibt außerdem einen Imbiss auf dem Markt. Die modernen Waagen hat er schon vor zehn Jahren angeschafft, Kartenzahlung bietet er seit zwei Jahren an: „Die neuen Verordnungen belasten uns kaum“, sagt er und ergänzt ein großes Aber: „Für die älteren Kollegen, die nicht so digital sind und diese neuen Kassensysteme noch nicht haben, für die ist das natürlich schwierig. Daran gehen die nicht so digitalen Händler kaputt.“
Tatsächlich, bestätigt auch Malte Jahn, könnten ein neues Kassensystem für die obligatorische Kartenzahlung und der höhere Mindestlohn viele Kollegen zur Aufgabe zwingen. Sechs neue Vorschriften gab es allein in diesem Jahr. Für das kommende Jahr ist auch noch eine Mautgebühr für kleinere Transporter angekündigt, die bisher nur die großen Lkw zahlen mussten. Die Kosten an die Kunden weiterzugeben, ist kaum möglich, die sind wegen der Inflation eh schon am Limit.
Markthändler sauer über „Irrsinn“
Malte Jahn ist sauer und spricht für seine Kollegen: „Wir als Wochenmarkthändler haben kleine Betriebe von vier bis acht Personen, die sich eigentlich um den Anbau kümmern. Jetzt müssen wir uns aber auch noch um den Büro-Wahnsinn kümmern. Das ist der größte Irrsinn, den es gibt.“ Früher habe ein halber Bürotag pro Woche für den Verwaltungskram gereicht, heute bräuchten die Händler zwei Tage am Schreibtisch, um alles wie vorgeschrieben zu dokumentieren.
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Pro Meter zahlen die Standbetreiber mit Dauerzulassung je nach Markt und Wochentag zwischen 2,80 Euro (kleiner Markt in der Woche) und 4 Euro (etwa am Freitag in Ottensen). Der Bezirk Wandsbek sorgte gerade für einen Preisschock, als er im April 2023 den Meterpreis für alle zehn Wandsbeker Wochenmärkte auf 4,50 Euro anhob.
40 Prozent Ermäßigung auf die Standmiete fordert Malte Jahn von der Stadt: „Wir fordern, als Händler als kulturelles Erbe von Hamburg anerkannt zu werden, sonst stirbt die Wochenmarkt-Kultur aus.“ Hamburg ist mit 60 Wochenmärkten in Deutschland Rekordhalter. Noch.