Bürokratie-Irrsinn: Arzt aus der Ukraine kann Job an Hamburger Klinik nicht antreten
Überall in Hamburg wird händeringend nach Ärzten gesucht. Und trotzdem scheitern manche Anstellungen an der Bürokratie. Einem Arzt aus der Ukraine, der mit seiner kleinen Familie in einem verlassenen Haus in Rahlstedt lebt, steht deswegen jetzt das Wasser bis zum Hals.
Als die Raketen in der Nachbarstraße einschlugen, beschloss der Arzt Abdullah Abdulrhman, seine Praxis in der ukrainischen Millionenstadt Dnipro zu schließen und seine hochschwangere Frau in Sicherheit zu bringen – nach Hamburg.
Ukraine-Krieg: Als die Raketen einschlugen, flohen der junge Arzt und seine schwangere Frau nach Deutschland
Das war im März 2022. Kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Drei Wochen später kam Abdulrhmans Tochter Aischa im AK Altona zur Welt. Und für die Familie begann ein neues Leben – zum zweiten Mal.
Eigentlich stammen Abdullah Abdulrhman und seine Frau Wijdan Mansiyah aus Bengasi in Libyen. Vor nun mehr als zehn Jahren war der junge Libyer für sein Medizinstudium nach Osteuropa gekommen. Nach dem Abschluss arbeitete er in einem Krankenhaus. Später gründete er eine eigene Praxis als Kardiologe. Über das Internet lernte er die Medizinstudentin Wijdan Mansiyah kennen, die ihm bald darauf in die Ukraine folgte. Die beiden liebten ihr Leben in der Stadt am Dnepr. Dann kam der Krieg.
Abdulrhman erzählt seine Geschichte ohne zu stocken, in fließendem Deutsch. Sprachen liegen ihm. Auch das Russische hatte er schnell gelernt. Der junge Arzt hat alle notwendigen Sprachniveaus erreicht, um in Deutschland zu arbeiten. Nur der Weg in seinen eigentlichen Beruf ist hier mit Hürden verbunden.
Um Geld zu verdienen, begann der Arzt zunächst, als Krankenpfleger in einem Dialysezentrum zu arbeiten
Um seine Familie ernähren zu können, begann Abdulrhman im Februar diesen Jahres zunächst, als Dialysekrankenpfleger an einem Medizinischen Versorgungszentrum in Wandsbek zu arbeiten. Ein halbes Jahr später der Schock: Weil Abdulrhman aus einem Drittstaat stammt, wurde er von der Ausländerbehörde zur Ausreise aufgefordert. Im August kam ein Brief, in dem ihm die drohende Abschiebung angekündigt wurde.
Ein Anwalt konnte das zum Glück verhindern. Weil es keine Direktflüge mehr nach Libyen gibt, ist eine Abschiebung gar nicht möglich. Außerdem braucht Hamburg Fachkräfte wie den freundlichen Mediziner, der in seiner Freizeit eine Fußballmannschaft des VSG Stapelfeld trainiert.
Ende Oktober bekam Abdulrhman endlich die Chance, in seinen eigentlichen Beruf als Arzt zurückzukehren. An der Schön Klinik Eilbek bekam er eine Stelle auf der Intensivstation angeboten. Am 1. Dezember sollte es losgehen. Doch daraus wurde nichts – weil die Berufserlaubnis fehlt. Der Mediziner wartet seit dem 26. Oktober auf eine Antwort der Sozialbehörde. Normalerweise braucht die Behörde für die Überprüfung der Unterlagen und die Ausstellung der Erlaubnis zwei bis vier Wochen. Doch im Fall Abdulrhman geschieht – nichts.
Trotz Fachkräftemangels: Junger Arzt kann Job an einer Hamburger Klinik nicht antreten
Inzwischen ist die kleine Familie in eine akute Notlage geraten. Denn für die Stelle an der Schön Klinik hat Abdulrhman seine Stelle als Dialysepfleger gekündigt. Für das Arbeitslosengeld ist er deshalb drei Monate lang gesperrt. Seit Dezember bekommt die Familie nicht einmal mehr das Kindergeld für Aischa. Und Wijdan ist wieder schwanger – im 6. Monat.
„Wir gehen kaum noch vor die Tür, damit wir kein Geld ausgeben“, erzählt Abdulrhman. Ein pensionierter Lehrer aus der Nachbarschaft, der die Familie in einem leerstehenden, heruntergekommenen Haus von Verwandten untergebracht hat, hilft, wo er kann. Doch genützt hat alles bisher nichts.
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Die Sozialbehörde will den Vorgang aus „aus Datenschutzgründen leider nicht kommentieren“. Nur so viel: In den meisten Fällen würden die ausländischen Qualifikationen zügig geprüft und die Berufserlaubnis binnen kürzester Zeit ausgestellt. Nur in Ausnahmefällen, insbesondere bei grenzüberschreitenden Ausbildungen, sei man dazu gezwungen, den Sachverständigenrat der Gutachtenstelle für Gesundheitsberufe heranzuziehen. Ob das bei Abdullah Abdulrhman der Fall ist, wird nicht offen gelegt. Aber: eine solche Prüfung könne „mehrere Monate in Anspruch nehmen“.
Belastende Situation: Der Familie geht das Geld aus
Solange können Abdullah Abdulrhman und seine Familie nicht mehr warten. „Wenn ich bis Ende der Woche nichts höre, werde ich zurückkehren in den Job als Dialysepfleger“, sagt der junge Arzt. Er befindet sich in einer Zwickmühle. Zwar ist die Schön Klinik bereit, noch eine Weile auf ihn zu warten. Aber das Dialysezentrum will ihn nur wieder anstellen, wenn er sich für mindestens drei Monate festlegt.
Für die Familie wird das Warten zur Zerreißprobe. Das Geld reicht nur noch bis zum Ende des Monats. „Es ist eine sehr belastende Situation“, sagt Abdulrhman.