Brutaler Wandel im Viertel: „Der Charme der Schanze geht verloren“

Das Schulterblatt im Hamburger Stadtteil Sternschanze ist vor allem von Gastronomie geprägt.
Das Schulterblatt im Hamburger Stadtteil Sternschanze ist vor allem von Gastronomie geprägt.

56 Jahre lang wurden im „Olympischen Feuer“ („O-Feuer“) am Schulterblatt Gyros und Tzatziki serviert, doch seit Ende September sind die Türen des beliebten Restaurants für immer geschlossen, die Scheiben abgeklebt. Das „O-Feuer“ ist eine von mehreren alteingesessenen Institutionen, die die Sternschanze zuletzt verlassen mussten – ein Grund dafür sind die schwindelerregenden Mieten, die sich fast nur noch Ketten leisten können. Der Stadtteil hat sich immer wieder neu erfunden – kann das noch einmal klappen?

Ist die Schanze gekippt? Ja, davon ist Cornelia Templin überzeugt. „Früher war das hier ein Studentenviertel, so ein bisschen vernuschelt“, erinnert sie sich. Seit 27 Jahren wohnt sie hier und saß für die Linken in der Bezirksversammlung. Inzwischen ist sie dort als „zugewählte Bürgerin“ vertreten und auch im Stadtteilbeirat Sternschanze aktiv. „Wir vom Beirat haben die Politik lange gewarnt, dass das hier in die falsche Richtung kippt, jetzt sind vor allem kleine Läden massiv von Verdrängung betroffen“, sagt sie.

Cornelia Templin ist langjährige Anwohnerin in der Schanze und Mitglied im Sternschanzenbeirat.
Cornelia Templin ist langjährige Anwohnerin in der Schanze und Mitglied im Sternschanzenbeirat.

Den Stadtteil Sternschanze gibt es offiziell erst seit 2008. Bis in die 80er Jahre waren dort viele Firmen ansässig, darunter Schlachtereien, eine Pianofabrik oder der Schreibgeräte-Hersteller Montblanc. Diese zogen nach und nach weg – und mit ihnen die Arbeiter. Danach eroberten Studenten die Schanze, denn die Mieten waren unfassbar günstig. Die Stadt vernachlässigte ihre Wohngebäude in dem Viertel seit Jahren und brachte dort hauptsächlich Alleinerziehende oder Migranten unter.

War die Besetzung der Roten Flora ein erster Kipppunkt der Schanze?

Ein Ereignis, das einige als den ersten „Kipppunkt“ der Schanze beschreiben, ist die Besetzung der Roten Flora durch Autonome im Jahr 1989. „Das Thema war europaweit in den Medien und das ist sicherlich ein Ausstrahlungspunkt, der den Stadtteil touristifiziert hat“, sagt Anja Saretzki, Lehrbeauftragte an der Leuphana Universität Lüneburg.

Inzwischen beobachte man dort zudem eine neue Form des Städtetourismus: „Dieser beinhaltet nicht mehr die klassischen Sehenswürdigkeiten, also eine Alsterrundfahrt und den Michel, sondern man geht los in die Stadtteile und taucht ein ins lokale Leben. Das betrifft besonders innenstadtnahe Stadtteile mit einer hohen Altbausubstanz, wie in der Sternschanze.“

Dazu käme noch der sogenannte „Binnentourismus“, ergänzt die Professorin Ursula Kirschner, ebenfalls von der Leuphana Universität Lüneburg. „Das heißt, dass in erster Linie junge Menschen aus anderen Hamburger Stadtteilen in die Sternschanze kommen, um zu feiern. Das ist die Gruppe, die am meisten Aufsehen erregt, weil sie eben für nächtliche Unruhe sorgt.“

Sternschanze: Lärm ist das Hauptthema für Anwohner

Für die Anwohner der Sternschanze ist der Lärm das Hauptthema des Viertels, erzählt die Anwohnerin Cornelia Templin. Das liegt laut ihrer Aussage auch an den übermäßig vielen Gastronomie-Betrieben, deren Dichte in der Sternschanze weit über dem Hamburger Durchschnitt liegt. 2009 hatte die Bezirkspolitik immerhin reagiert: Seitdem dürfen neue Gastro-Betriebe nur noch in bestehende Restaurant-Flächen einziehen. Laut Anja Saretzki verlagert sich die Gastronomie allerdings seit Jahren „immer weiter in den öffentlichen Raum“.

Shin-Won Kang, Inhaber des veganen koreanischen Restaurants „Kkokki loves vegan“ an der Schanzenstraße, betont, wie wichtig es sei, die Beschwerden der Anwohner ernst zu nehmen und vor allem im Sommer Rücksicht auf die Lautstärke zu nehmen. Er ist seit 1986 mit verschiedenen Gastro-Betrieben in dem Viertel präsent: „Früher war die Schanze berühmt für ihre gute Lage, wo Studenten mit wenig Geld gewohnt haben“, erzählt er. „Heute sind hier viele mit hoher Kaufkraft unterwegs und die Miete hat sich verdreifacht.“

Shin-Won Kang (60) in seinem „Kkokki loves vegan“-Restaurant in der Sternschanze
Shin-Won Kang (60) in seinem „Kkokki loves vegan“-Restaurant in der Sternschanze

Gastro-Flächen seien eben besonders beliebt, erklärt Anton Hansen vom Hamburger Immobilienmakler „Engel & Völkers“. „Café, Bowls, Sandwiches, Kioske – das sind die Läden, die laufen. Klamotten ziehen nicht mehr, das zieht sich auch durch die gesamte Hamburger Innenstadt, nicht nur die Sternschanze.“ Die Preise variierten in dem Viertel „total“: Im eher am Rand gelegenen Paulihaus am Neuen Pferdemarkt sei es mit 20 Euro pro Quadratmeter noch relativ günstig. „Bei einer Gastro-Fläche am Schulterblatt ist man aber ganz schnell bei 65 Euro pro Quadratmeter.“

Dazu käme: „Die meisten Mieter wollen sich nicht mehr langfristig an eine Gewerbeimmobilie binden“, sagt Hansen. Das widerspreche aber den Forderungen vieler Vermieter, die mindestens fünf Jahre Laufzeit vereinbaren wollten. „Da gehen dann eher die Ketten mit.“

Seit Ende September ist das ehemalige „Olympische Feuer“ in der Schanze verlassen.
Seit Ende September ist das ehemalige „Olympische Feuer“ in der Schanze verlassen.

Das ist auch das Schicksal des ehemaligen „O-Feuer“: Als Nachfolger wird in diesem Jahr die Fast-Food-Kette „Loco Chicken“ des Berliner Rappers Luciano einziehen. Das Viertel verlassen musste zudem nach mehr als 50 Jahren der Musikladen „Rotthoff“ im Hotel Pacific am Neuen Pferdemarkt. Eigentümer Mark Rothoff hatte erzählt, dass er nach der Sanierung des Hotels zwar hätte zurückkommen können – allerdings wären die Räume dann kleiner und die Miete etwa viermal so hoch gewesen.

„Der Leerstand in dem Stadtteil wird immer größer, wer hat denn noch Lust, hier bummeln zu gehen?“, sagt Anja Franck, die zusammen mit Sylvia Scheffler den Kaffee- und Teeladen „Stüdemann’s“ am Schulterblatt betreibt. „Der Charme der Schanze geht verloren“, davon ist sie überzeugt. Seit 1954 gibt es den Laden bereits, seit 1988 ist er in Familienbesitz.

Anja Franck (58) ist Inhaberin des Tee- und Kaffeeladens Stüdemann's.
Anja Franck (58) ist Inhaberin des Tee- und Kaffeeladens Stüdemann’s.

Ein großes Problem seien die Baustellen rund um den Bahnhof Sternschanze, aber auch der Mangel an Parkplätzen. „Wir haben viel weniger Laufkundschaft in diesem Jahr und einen Umsatzeinbruch von 25 Prozent“, erzählt die 58-Jährige. „Immerhin müssen wir nicht, wie viele andere hier, mit überhöhten Mieten kämpfen, weil unser Vermieter eine Stiftung ist.“

Aber nicht nur Einzelhändler sind in der Sternschanze von hohen Mieten betroffen, das Gleiche gilt für diejenigen, die dort wohnen möchten. Vor allem unter Vermietern von möblierten Zimmern hat sich eine Art Goldgräberstimmung breitgemacht: Elf Quadratmeter werden teilweise für mehr als 1000 Euro im Monat angeboten.

Auf der anderen Seite gibt es noch einige langjährigen Anwohner, wie Cornelia Templin, die das Glück von günstigen Altmietverträgen haben und deren Vermieter die Miete nur moderat erhöhen. „Der Rest meines Hauses ist aber nur noch mit WGs bevölkert“, erzählt sie. Anders könne man sich die Preise dort wohl gar nicht mehr leisten. Hinzu kommt: Viele Wohnungen in dem Stadtteil fallen bald aus der 20-jährigen Sozialbindung – sie können danach also deutlich teurer vermietet werden.

Sternschanze: Hohe Mieten und immer mehr „Autoposer“

Währenddessen beobachten Anwohner und Partygänger in den vergangenen Jahren vermehrt protzige Autokarren, die sich durch die kleinen Straßen des Stadtteils schieben. „Autoposer“ werden sie genannt, deren Fahrer sich nach der Sperrung des Jungfernstiegs im Jahr 2020 neue Straßen (inklusive Publikum) suchen mussten. Laut der Dienstgruppe „Autoposer“ der Polizei handelt es sich dabei aber um normale, „hochmotorisierte“ Fahrzeuge, die nicht noch zusätzlich illegal aufgemotzt wurden.

Für Templin ist die Sternschanze längst „gefallen“, sagt sie. „Vielleicht kann das Viertel aber künftig als abschreckendes Negativ-Beispiel für andere herhalten.“