Branche schrumpft: „Arbeitsplätze in Hamburg verschwinden still und leise“
Deutschlands Industrie schrumpft: Allein 2025 verlor sie im Schnitt 392 Jobs pro Tag. Werkschließungen machen Schlagzeilen. In Hamburg ist es leiser, doch die Arbeitslosenquote steigt und steigt – nun schon auf 8,2 Prozent. Der Unternehmer und Chef des Industrieverbands Hamburg Andreas Pfannenberg warnt: Deindustrialisierung passiert auch hier – still, schleichend. Und er erklärt, warum es für ihn keine Versöhnung mit dem Zukunftsentscheid geben kann.
MOPO: Alle reden von Deindustrialisierung und Personalabbau. Aus Hamburg hört man wenig. Wie schlimm ist es hier?
Andreas Pfannenberg: Wir haben in Hamburg einen Querschnitt der Industrien und sind dadurch repräsentativ. Deutschland hat bei den Produktionszahlen seit 2019 rund zehn Prozent eingebüßt. Die Grundstoffindustrie leidet extrem, sie hat sogar 20 Prozent verloren.
Wenn Hamburg repräsentativ ist – warum hören wir dann hier nichts von Werkschließungen und Massenentlassungen wie in anderen Industrieregionen?
Die Industriearbeitsplätze verschwinden still und leise. Sie können das in den Statistiken sehr genau ablesen. In der Verwaltung und im Gesundheitssektor gibt es deutlich mehr Beschäftigte, in der Industrie weniger.
Welche Unternehmen haben Hamburg schon verlassen oder Investitionen gestoppt?
Keiner schließt plötzlich die Türen. Aber nicht zu investieren ist der schleichende Tod: Wenn ich heute nicht in Innovation und neue Produktionsanlagen investiere, fahre ich sie noch, bis sie auseinanderfallen und gehe dann. Ein Beispiel ist Aurubis, die sehr kritisch auf Neuinvestitionen am Standort Hamburg gucken wollen und auch vor dem negativen Einfluss auf Arbeitsplätze durch den Klimaentscheid warnen.
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Solche Entscheidungen hängen an viele Faktoren. Was macht Ihnen am meisten Sorge?
Nummer eins sind die Energiepreise. Für zwei Jahre soll es jetzt Subventionen geben, aber Planungssicherheit für die nächsten fünf bis zehn Jahre fehlt. Nummer zwei ist die Bürokratie, die uns lähmt.
Hat die Bundesregierung den Ernst der Lage erkannt?
Ich glaube ja, denn es gibt einen ständigen Austausch zwischen Politik und Industrie. Aber eine hohe Subventionierung der Stromkosten ist langfristig volkswirtschaftlich einfach nicht bezahlbar.
Was ist dann die Lösung?
Der Bürokratieabbau bleibt ein verschenkter Wachstumsschub. Spürbare Entlastungen wären ein Konjunkturprogramm zum Nulltarif, also schnellere Genehmigungen und weniger Vorschriften.
Wie schauen internationale Investoren auf Hamburg?
Sehr verhalten. 43 Prozent aller Unternehmen denken darüber nach, Kapazitäten aus Deutschland zu verlagern – vor zwei Jahren waren es noch 33. Und internationale Unternehmen mit Produktion in Hamburg stellen ihre Investitionen speziell wegen des Zukunftsentscheids auf den Prüfstand und rechnen neu.
Welche?
Konkrete Namen kann ich nicht nennen.
Der Bürgermeister verspricht, dass durch den Zukunftsentscheid keine Arbeitsplätze verloren gehen. Glauben Sie ihm?
Ich bewerte positiv, dass der Wille da ist, aber Investitionen werden auf Basis der Faktenlage getätigt, nicht auf Wunsch des Bürgermeisters. Und wir haben kaum belastbare Fakten. Nichts ist schlimmer in der Wirtschaft als Unsicherheit.
Warum machen fünf Jahre so einen Unterschied?
Das Geld für Investitionen muss jetzt nicht in 20, sondern bereits in 15 Jahren verdient werden und deshalb kostet es 25 Prozent mehr. Und der Verbraucher ist oft nicht bereit, für „Made in Hamburg” noch mehr auszugeben. Aber Gewinne sind die Voraussetzung für Investitionen, weshalb der Zukunftsentscheid ein weiterer Sargnagel für die Industrie ist.
Ist es nicht normal, dass sich industrielle Rahmenbedingungen verändern – und Unternehmen trotzdem investieren müssen?
Natürlich ist es das. Aber wenn Wettbewerbsbedingungen in Hamburg so viel schlechter sind, wird das Konsequenzen haben.
Ihnen ist aber schon klar, dass an Klimaneutralität langfristig kein Weg vorbeiführt?
Langfristig ja, aber wir brauchen gleiche Wettbewerbsbedingungen. Deshalb hat sich die Hamburger Industrie bereits zur Klimaneutralität bis 2045 bekannt. Jetzt soll das Ziel schon 10 Jahre vor dem ausgegebenen EU-Ziel erreicht werden. Und wer garantiert, dass es nicht übermorgen einen neuen Volksentscheid mit einem 2035-Ziel gibt?
Aber irgendwer muss vorangehen, sonst richtet man sich irgendwann nach dem mit dem laschesten Klima-Ziel.
In keinem Industrieland der Welt wird bereits so klimafreundlich produziert wie bei uns in Deutschland. Aber wir allein werden das Weltklima nicht retten können. Mit der Klimaneutralität bis 2040 liegt Hamburg 20 Jahre vor den Chinesen. Wenn nicht hier am Standort, wird in einem anderen Land produziert, wo sehr viel mehr CO2 ausgestoßen wird.
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Kritiker sagen, die Industrie nutze die Angst vor Deindustrialisierung als Druckmittel gegen Klimaschutz. Geht es nur um Profit?
Profit ist kein Selbstzweck, Unternehmen haben auch Verantwortung für ihre Mitarbeiter. Wenn wir so weitermachen, haben wir langfristig Probleme, sie zu beschäftigen.
Ist es nicht auch Verantwortung gegenüber Mitarbeitern, frühzeitig auf klimafeste Geschäftsmodelle umzusteigen?
Genau das machen wir ja. Es gibt Unternehmen, die bis 2040 klimaneutral werden können. Anders wird es, wenn man das Gesamtbild der Wertschöpfungskette sieht. Damit die Industrie in Hamburg in Gänze klimaneutral wirtschaften kann, müssen viele Produktionsstätten zügig auf einen CO₂-freien, neuen technischen Standard gebracht werden.
Muss man dann nicht auch sagen: Die Industrie hat’s verschlafen?
Das ist mir zu einfach. Die Industrie hat zwischen 2003 und 2023 den CO2-Ausstoß schon um 60 Prozent reduziert. Sie ist Treiber von Innovationen und ohne sie kann die Klimaneutralität nicht erreicht werden. Die Politik ist das Thema nicht geschickt angegangen. China konnte zuschauen, wo Europa mit Subventionen beginnt, und diese Industrien selbst aufbauen. Und während wir hier hohe Klimastandards fordern, kommen Produkte aus dem Ausland wie China oft zu günstigeren Tarifen auf den Markt.
Was müssten Stadt oder Bund tun, um Hamburgs Industrie mit dem Zukunftsentscheid zu versöhnen?
Meiner Ansicht nach ist es der falsche Weg, weshalb es so keine Versöhnung geben kann. Ein gutes Ziel mit der Brechstange erreichen zu wollen, schadet nicht nur der Industrie, sondern auch den Menschen und dem Wohlstand unserer Stadt. Aber Gesetze kann man ändern und ich werde mich weiterhin entschieden gegen den Klimaentscheid stellen.