Bob Dylan erklärt Hamburg zur Handy- und Fotografen-freien Zone

Bob Dylan
Bob Dylan hat nicht nur alle Handys aus seinem Konzert verbannt, auch Pressefotografen durften nicht rein – deswegen hier ein Archivbild.

Bob Dylan spielte am Mittwoch sein erstes von drei Deutschland-Konzerten in Hamburg. Dabei gab der Poet und einzige Musiker unter den Literaturnobelpreis-Trägern den Fans Rätsel auf. Denn zuvor hatte der wiederholte Hinweis der Barclays Arena in den sozialen Netzwerken, dass es sich um ein „handyfreies Konzert“ handle, für gemischte Reaktionen gesorgt.

Was für die einen ein Segen ist, mit voller Konzentration auf die Aufführung, sorgte bei anderen für Diskussionen: kein Selfie, kein Video und kein spontanes Teilen auf Social Media möglich! Aber so schmerzvoll ist das Handyverbot dann gar nicht. Die Sache dauert nur wenige Sekunden, dann verschwindet jedes Mobiltelefon vor den Türen der Barclays Arena in einer versiegelten Tasche.

Bob Dylan in der Barclays Arena – handyfreie Zone!

So behalten die Besucher:innen ihr Gerät zwar bei sich, kommen aber nicht ran. Bob Dylan (bürgerlich Robert Allen Zimmerman) will seinen Fans, aber wohl in erster Linie sich selbst, ein ungestörtes, intensives Live-Erlebnis ermöglichen. Vielleicht will er auch einfach nur die nachträgliche Verbreitung seiner stimmlichen Darbietung und seines Antlitzes verhindert wissen. Dass sein Livegesang seit geraumer Zeit immer wieder in der Kritik steht, dürfte an ihm nicht vorbeigegangen sein. Auch die Presse darf ihn nicht fotografieren. So praktiziert er seine Konzerte nun schon eine ganze Weile.

Eigen war er eh schon immer. Die Kunst der Totalverweigerung beherrscht der mehrfache Grammy-Preisträger und Oscar-dekorierte Musiker wie kein Zweiter seines Fachs. Nicht einmal der Nobelpreisverleihung wohnte er 2016 persönlich bei.

Es sind Bobs Regeln, und wir dürfen froh sein, uns ihnen zu fügen. Das tun die meisten offensichtlich gerne: Der Oberrang der Arena ist zwar abgehängt, ansonsten ist die durchweg bestuhlte Arena voll.

US-Legende Bob Dylan in Hamburg: Keine Leinwände auf der Bühne

Zappenduster ist es im Saal, als die US-amerikanische Singer-Songwriter-Legende in sein Wohnzimmer einlädt. Vorhänge hängen im Bühnenhintergrund wie Gardinen von der Decke, zwei große und vier kleine Strahler erzeugen eine wohlige Atmosphäre. Davor befinden sich die fünf Musiker in dunkler Garderobe und teilweise mit Hüten inmitten eines Sammelsuriums aus Instrumenten. Aber welcher davon ist Bob?

Da er keine Leinwände hat, ist er nur schwer vom anderen Ende der Halle auszumachen, was zu Diskussionen unter den Zuschauern führt. „Das ist doch frech, dass man das Bühnengeschehen kaum erkennen kann“, sagt ein älterer Mann und geht gleich wieder. Spätestens beim dritten Song sind wir uns ganz sicher: Bob Dylan ist der dritte von rechts, der sitzend im dunklen Anzug und heute mal ohne größere Kopfbedeckung seine Songs intoniert, verschanzt hinter Instrumenten der spärlich beleuchteten Bühne.

Auch wenn er nicht mit dem Publikum kommunizert, scheint er an diesem Abend guter Laune zu sein. Er bietet wenig von dem für ihn typischen näselnden Gesang, sondern über weite Strecken Storytelling wie in einer Spoken-Word-Performance. In den besten Momenten klingt er mit seinem rauen Timbre wie ein alter Bluessänger. Dabei kommt seine Stimme so kraftvoll und intensiv rüber, dass man nicht darauf kommen würde, dass Dylan 84 Lenze zählt und es vermutlich sein letztes Hamburg-Gastspiel sein wird: Es gibt Gerüchte, dass er nur noch bis Ende des Jahres 2025 live auftritt – bestätigt ist das nicht.

Das sind die einzigen Worte von Bob Dylan ans Publikum

Mit den ersten zwei Songs „I’ll Be Your Baby Tonight“ und „It Ain’t Me, Babe“ entführt er uns in die 1960er, auch für Dylan eine Zeit des Umschwungs. Nicht die bekanntesten seiner Lieder, das Publikum übt sich in geduldiger Spannung. „It Contain Multitudes“ ist der Opening-Track seines 39. Studioalbums „Rough And Rowdy“ (2020), Namensgeber für die laufende Tour.

Nach „When I Paint My Masterpiece“, „Black Rider“ und „My Own Version Of You“ brandet immer wieder großer Jubel auf; Leute rufen Worte rein. Bob quittiert das mit einem knappen „I love you“. Hat er das jetzt wirklich gesagt? Es werden die einzigen an sein Publikum gerichteten Worte bleiben. Nicht einmal für eine Bandvorstellung reicht es.

Der langsame Electric-Blues „Crossing The Rubicon“ aus dem Jahr 2020 wird von Dylans Mitmusiker mit verstärktem Kontrabass begleitet. Der Sound ist fantastisch. „Desolation Row“ bäumt sich zum elfminütigen Epos auf. Immer mehr kommt nun Dylans Markenzeichen-Instrument, die Mundharmonika, zum Einsatz. So wie bei „Key West“. Herrlich klingt das. Langsam aber sicher sind wir angekommen im Dylaniversum.

Bob Dylan in Hamburg: Nur wenige bekannte Songs

Auch die, die weniger mit dem umfangreichen Werk von Dylan vertraut sind, den einen Song kennen hier alle: „It’s All Over Now, Baby Blue“, singt der Meister und Hamburg schwelgt in Nostalgie. 1965 wurde darüber sinniert, ob er mit dem Lied seine Trauer über die gescheiterte Beziehung zu Joan Baez zum Ausdruck bringen würde oder nur den Fans der Folkmusik erklären wolle, wieso er sich aus dem Folklager zurückzieht.

Da Dylan nie über die Inhalte seiner Songs redet, wird er das Geheimnis wohl mit ins Grab nehmen. Das Lied wird an diesem Abend das bekannteste des Dylanschen Backkatalogs bleiben. Kein „Like A Rolling Stone“, kein „Blowin‘ In The Wind“, kein „Make You Feel My Love“, kein „Don’t Think Twice, It’s All Right“. Wie gesagt, seine Regeln!

Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Als seine Silhouette nach anderthalb Stunden langsamen Schrittes und mit winkender Hand von der Bühne verschwindet, gibt es keine Beschwerden. Viel mehr das Bewusstsein, einer echten Legende zugesehen zu haben, die auch nach 60 Jahren kein bisschen leise sein will.