Geschäftsführerin Svenja Weber (50) hat harte Zeiten miterlebt. Trotzdem gab sie nicht auf. „Es gab keine Alternative. Ich musste das machen.“

Geschäftsführerin Svenja Weber (50) hat harte Zeiten miterlebt. Trotzdem gab sie nicht auf. „Es gab keine Alternative. Ich musste das machen.“ Foto: Florian Quandt

Gerettet: Der Ort, an dem Dunkelheit die Augen öffnet

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Svenja Weber erinnert sich noch genau an den Moment, als Anna auf einmal selbstbewusst vor ihr stand. Die Auszubildende, die nur wenig sehen kann und sich anfangs kaum etwas zutraute. Von Maßnahme zu Maßnahme war sie geschickt worden, bis sie schließlich im Dialoghaus in der Speicherstadt landete.  An diesem Tag sagte sie zu ihrer Chefin: „Bei euch darf ich zum ersten Mal ich selber sein.“ Solche Sätze sind es, die Geschäftsführerin Svenja Weber (50) antreiben. Auch in harten Zeiten.

Als Svenja Weber im November 2022 im Dialoghaus anfing, war die Situation schwierig. Nach der Corona-Pandemie war das Sozialunternehmen angeschlagen. So sehr, dass die Insolvenz im vergangenen Jahr nicht abgewendet werden konnte. „Die letzten zweieinhalb Jahre waren echt hart“, sagt Svenja Weber. „Es gab Abende, da konnte ich nicht mehr.“ Trotzdem hat sie weitergemacht. „Es gab einfach keine Alternative. Ich musste das machen.“

Projektidee entstand wegen eines blinden Kollegen

Dabei hatte sie ursprünglich einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Ausbildung zur Werbekauffrau, danach zur Kauffrau für audiovisuelle Medien, Werbebranche, später Start-up-Szene – und schließlich landete sie beim Sozialunternehmertum. Sie hatte von dem Projekt „Das Geld hängt an den Bäumen“ gelesen und war sofort begeistert. Zunächst engagierte sie sich ehrenamtlich, später wurde sie Geschäftsführerin. „Ich finde Sozialunternehmertum total wichtig. Solche Unternehmen inspirieren Menschen, nicht nur Profit zu denken, sondern auch Gesellschaft.“ Dieser Gedanke prägt auch ihre Arbeit im Dialoghaus.

Das Projekt geht auf Andreas Heinecke zurück. Als er sich Anfang der 80er Jahre um einen blinden Kollegen kümmern sollte, bemerkte er, wie viele Vorurteile Menschen gegenüber dem Unbekannten haben. Daraus entstand die Idee eines Perspektivwechsels: eine Ausstellung in völliger Dunkelheit, geführt von blinden Guides. Was als temporäre Ausstellung in Frankfurt begann, wurde vor 25 Jahren in Hamburg dauerhaft etabliert – und entwickelte sich zu einem internationalen Modell. Heute gibt es Dialogformate in 22 Ländern. 

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Im Dialoghaus an der Straße Alter Wandrahm arbeiten aktuell 76 Menschen, 41 haben eine Behinderung. Vor der Insolvenz waren es noch 96. Die schwierigste Zeit sei die Phase vor der Insolvenz gewesen. „Diese Unsicherheit zermürbt.“ Gerettet wurde das Dialoghaus, das mittlerweile zur neu gegründeten Dialog Impact gGmbH gehört, schließlich durch Unterstützung der Stadt, von Stiftungen, Förderern und Einzelpersonen. Auch Mitarbeitende verzichteten auf einen Teil ihres Gehalts, damit möglichst viele im Team bleiben konnten. 

Svenja mit ihren Mitarbeitenden Silvana Kasmollari (49, l.) und Bernd Oberpichler (53). Florian Quandt
Svenja mit ihren Mitarbeitenden Silvana Kasmollari (49, l.) und Bernd Oberpichler (53).
Svenja mit ihren Mitarbeitenden Silvana Kasmollari (49, l.) und Bernd Oberpichler (53).

Einer von ihnen ist Daniel aus dem Marketing. Er kann nur noch zwei Prozent sehen und betreut den gesamten Social-Media-Auftritt des Hauses. „Er macht einen tollen Job“, sagt Svenja Weber. Trotzdem erlebt er im Alltag Bevormundung. „Auf der Straße wird er ungefragt untergehakt, um ihm zu helfen.“ Eine nett gemeinte Geste mit gegenteiliger Wirkung. „Wir gehen immer davon aus, dass die Menschen hilfebedürftig sind.“

Das Dialoghaus will solche Perspektiven verändern. Besucher erleben bei „Dialog im Dunkeln“ oder „Dialog im Stillen“, wie es ist, sich auf andere Sinne zu verlassen. Hinzu kommen pädagogische Programme, das Angebot „Dinner in the Dark“ und Workshops zur Teamkommunikation.

Für die Guides sei das allerdings auch eine emotionale Anstrengung. „Jeder erzählt jeden Tag seine persönliche Geschichte“, sagt die Geschäftsführerin. Nicht alle Gäste seien respektvoll – besonders bei Schulklassen komme es manchmal zu dummen Sprüchen. In Trainings lernen die Guides, solche Aussagen nicht persönlich zu nehmen. 

„Hier sind so viele Menschen, die aus dieser Gesellschaft ausgespuckt worden sind“

„Hier sind so viele Menschen, die aus dieser Gesellschaft ausgespuckt worden sind – weil sie sichtbar oder unsichtbar nicht passen.“ Dabei könne Behinderung jeden treffen. „Nur drei Prozent sind angeboren, 97 Prozent entstehen im Laufe des Lebens.“ Die Mutter von zwei Kindern wünscht sich eine Gesellschaft, die mehr aufeinander achtet. „Ich glaube, dass wir gemeinsam stärker sind“, sagt sie. „Und dass Vielfalt uns hilft, bessere Lösungen zu finden.“

Die Geschäftsführerin blickt zuversichtlich in die Zukunft. Obwohl wieder eine große Herausforderung auf sie und das Team zukommen wird. Weil die Kaimauer, an der das Dialoghaus steht, saniert werden muss, steht ein Umzug an. Eine Machbarkeitsstudie prüft derzeit den möglichen Umzug in ein Parkhaus an der Ecke Reichenstraße/Willy-Brandt-Straße. Wenn alles klappt, könnte der neue Standort 2029 eröffnen. 

Svenja Weber (Geschäftsführerin des Dialoghauses) mit Marcus Buschka (Haspa). Florian Quandt
Svenja Weber (Geschäftsführerin des Dialoghauses) mit Marcus Buschka (Haspa).
Svenja Weber (Geschäftsführerin des Dialoghauses) mit Marcus Buschka (Haspa).

„Unglaublich wichtig, Inklusion erlebbar zu machen“

Gutes verdient Unterstützung. Mit der Aktion „Die Bessermacher“ wollen wir nicht nur engagierte Menschen zeigen. Die Projekte bekommen auch finanzielle Hilfe und langfristige Unterstützung.

Die Haspa Hamburg Stiftung bringt Stiftungen und Projekte zusammen. Auch das Dialoghaus wird bereits seit Jahren unterstützt – insbesondere seit der Insolvenz im vergangenen Jahr.

Zusätzlich übernimmt nun Marcus Buschka, Vorstand der Haspa Hamburg Stiftung, die Patenschaft für das Projekt. „Ich finde es unglaublich wichtig, das Thema Inklusion erlebbar zu machen, um Verständnis füreinander zu schaffen. Das ist im Dialoghaus einfach einmalig.“

Das Dialoghaus wird auch finanziell unterstützt. Die gemeinnützige GmbH benötigt eine neue Vorlese-Software für die blinden und sehbehinderten Mitarbeitenden. Die Haspa kümmert sich um die Finanzierung aus den Mitteln des Haspa-Lotteriesparens.


Die Bessermacher – eine Aktion von MOPO und Haspa MOPO
Die Bessermacher – eine Aktion von MOPO und Haspa (Logo)


Die Bessermacher ist eine Aktion von der MOPO und der HASPA.

Lesen Sie HIER noch mehr über Bessermacher:innen in und um Hamburg.


LotterieSparen für den guten Zweck

Jedes Jahr werden über das Haspa LotterieSparen rund 2,3 Mio. Euro für gemeinnützige Einrichtungen in und um Hamburg ausgeschüttet. Die Teilnehmer kaufen Spar-Lose für je 5 Euro. Davon gehen 4 Euro direkt auf das Sparkonto, 75 Cent fließen in eine Verlosung mit Geldpreisen bis zu 30.000 Euro – und mit 25 Cent werden gemeinnützige Einrichtungen gefördert. So können jedes Jahr mehr als 500 Fördermaßnahmen umgesetzt werden. Unterstützt werden Sportvereine, Bildungs-, Pflege- und Senioreneinrichtungen, Hilfsorganisationen, Museen, Theater und viele mehr. Die Teilnahme ist ganz einfach über das Online-Banking und auf haspa.de/lotteriesparen möglich.

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