Box-Weltmeisterin kämpft für andere
Dilar Kisikyol (34) weiß, wie man sich durchboxt: Als Drilling kam sie mit gerade mal 1500 Gramm zur Welt. „Da habe ich schon gekämpft“, sagt sie lächelnd. Heute macht sich die ehemalige Box-Weltmeisterin im Leichtgewicht, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ausstieg, stark für andere. Sie bietet Resilienz- und Antiaggressionstrainings für Schüler, trainiert Menschen mit neurologischen Erkrankungen und setzt sich ein für Frauen.
Dilar ist eine, die mit ihrer Art sofort ansteckt: offen, direkt, mit einem herzlichen Lachen, das den Raum erfüllt. Auf ihrem Stuhl hin- und her rutschend, eine Tasse Filterkaffee vor sich, berichtet sie von ihren Eltern. Wie sie ihr verboten, zum Boxen zu gehen. Stattdessen sollte sie zur Musikschule mit ihren drei Geschwistern. „Vielleicht wollten meine Eltern eine kurdische Musikband gründen“, scherzt sie. Weniger lustig: Sie mussten eine halbe Stunde am Tag Klavier üben. Nach ein paar Monaten kam die Erlösung. Die Klavierlehrerin sagte: „Das hat überhaupt keinen Sinn mit Dilar“ und schickte eine Abmeldung nach Hause.
Dilar gab nicht auf und bat ihre Mutter immer wieder, boxen zu dürfen. „Ich fand das einfach total cool.“ Erst als ein Nachbar zu Besuch war, der boxte, gab die Mutter nach. Mit 16 Jahren durfte Dilar das erste Mal zum Training. „Es war extrem anstrengend. Aber es hat irgendwas in mir entfacht.“
„Ich habe mich immer durchgebissen und musste hart kämpfen“
Mit dem Boxen kamen Selbstvertrauen und Motivation. Auch ihre „katastrophalen“ Noten wurden besser. Nicht zuletzt, weil ihre Mutter klare Regeln aufstellte: bessere Noten oder kein Training. Dilar schaffte beides. Schon ihren ersten Kampf gewann sie in der ersten Runde. Viele weitere Siege sollten folgen. „Ich habe mich immer durchgebissen und musste hart kämpfen.“
Trotz ihrer großen Leidenschaft fürs Boxen verlor sie die Schule nicht aus dem Blick. Dilar machte ihr Fachabitur, eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin und studierte Soziale Arbeit. Doch der Traum vom Profiboxen blieb. Als das Angebot einer Boxpromotion aus Hamburg kam, musste sie nicht lange überlegen und verließ 2019 ihre Heimatstadt Leverkusen.
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Ihr Traum wurde Realität. Trotzdem wusste Dilar: „Als Frau ist es schwierig in dem Business. Du kannst davon nicht leben.“ Deshalb baute sie sich parallel ein zweites Standbein auf und gab Kurse für Kinder, Frauen und Fitnessboxen. Ein Spagat, der sie viel Kraft kostete. „Wenn du zweimal täglich trainierst, zusätzlich Kurse gibst, Sponsoren suchst und ständig unter Erfolgsdruck stehst, bist du irgendwann einfach nur noch K.O.“ Trotzdem gewann sie jeden ihrer Kämpfe und wurde Weltmeisterin im Leichtgewicht.
Doch auf der Höhe ihrer Karriere kam im Herbst 2024 der Bruch. Die Erwartungen, der Druck, die körperliche Belastung – es war einfach zu viel. „Das war wirklich eine harte Entscheidung, aber ich bin einfach an meine Grenzen gekommen.“ Die ersten Wochen nach ihrem Ausstieg seien schlimm gewesen. Doch Dilar fiel nicht ins Leere.
Nach ihrem letzten Kampf kam der Bürgermeister von Kaltenkirchen auf sie zu und berichtete von einer freien Stelle als Schulsozialarbeiterin an der Gemeinschaftsschule. Dilar stieg mit ein. Seitdem macht sie mit sechs Gruppen Resilienz- und Antiaggressionstraining. Bei ihr lernen die Schüler Disziplin, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Selbstvertrauen. Häufig Kinder, die mit vielen Problemen zu kämpfen haben. „Nicht jeder hat dieselben Chancen. Selbst in einem Land voller Möglichkeiten.“ Dilar berichtet von einem Jungen, der vor Kurzem zu spät kam. Als sie ihn darauf ansprach, brach er in Tränen aus und sagte, dass er mit seinem kleinen Bruder zum Arzt musste, weil seine Mutter kein Deutsch spricht. Solche Situationen sind es, die ihr immer wieder zeigen, dass sie zurückgeben möchte. „Ich gebe das wieder, was der Boxsport mir gegeben hat. Jeder braucht etwas, wofür er brennt.“
„Es ist krass zu sehen, was die Kurse den Teilnehmern bedeuten“
Auch ehrenamtlich ist Dilar seit Jahren aktiv, als Frauen- und Inklusionsbeauftragte des Hamburger Amateurboxverbands. Mit ihren Boxprojekten „Du kämpfst“ engagiert sie sich für Integration, Inklusion und Female Empowerment. Gemeinsam mit drei erkrankten Frauen rief sie die Gruppe „K.O. Parkinson“ ins Leben. Der Kurs, in dem zehn an Parkinson erkrankte Frauen trainieren, hat auch Dilar viel über Zusammenhalt, Vorurteile und Gesundheit gelehrt. „Es ist krass zu sehen, was die Kurse den Teilnehmern bedeuten. Sie haben dadurch so viel mehr Kraft und Lebensqualität gewonnen.“
Nachdem immer mehr Anfragen von Männern kamen, wurde eine weitere gemischte Gruppe für Parkinson-Erkrankte gegründet. Zudem entstand der Boxkurs „Move Strong“ für Menschen mit Multipler Sklerose. Die Teilnehmer trainieren jede Woche kostenlos im HSV-Zentrum in Stellingen.
Und auch Projekte für Kinder macht die ehemalige Box-Weltmeisterin immer wieder. Einmal bekam sie nach einem solchen Kurs den Brief eines Mädchens. Darin ein gemeinsames Foto mit den Worten: „Dilar, meine Heldin“. Da wurde ihr klar: Es geht längst nicht mehr nur um ihren eigenen Kampf.
Haspa unterstützt Boxerin in ihrem Kampf um Teilhabe
Gutes verdient Unterstützung. Mit der Aktion „Die Bessermacher“ wollen wir nicht nur engagierte Menschen zeigen. Die Projekte bekommen auch finanzielle Hilfe und langfristige Unterstützung.
Vor Jahren machte Dilar ein Boxtraining in einer Haspa‑Filiale. Der Kontakt blieb. Heute ist sie ehrenamtlich im Beirat der Region West tätig. „Dilar engagiert sich für ein wichtiges Anliegen. Diese Mission unterstützen wir aus voller Überzeugung“, so die Haspa-Regionaldirektoren Metta Schade und Carsten Blöß.
Die Boxerin bekommt für ihre Projekte auch finanzielle Hilfe. Sie braucht Boxhandschuhe, Medizinbälle und möchte T-Shirts mit dem Aufdruck „Du kämpfst“ anschaffen. Die Haspa kümmert sich um die Finanzierung aus den Mitteln des Haspa-Lotteriesparens.
LotterieSparen für den guten Zweck
Jedes Jahr werden über das Haspa LotterieSparen rund 2,3 Millionen Euro für gemeinnützige Einrichtungen in und um Hamburg ausgeschüttet. Die Teilnehmer kaufen Spar-Lose für je fünf Euro. Davon gehen vier Euro direkt auf das Sparkonto, 75 Cent fließen in eine Verlosung mit Geldpreisen bis zu 30.000 Euro – und mit 25 Cent werden gemeinnützige Einrichtungen gefördert.
So können jedes Jahr mehr als 500 Fördermaßnahmen umgesetzt werden. Unterstützt werden Sportvereine, Bildungs-, Pflege- und Senioreneinrichtungen, Hilfsorganisationen, Museen, Theater und viele mehr. Die Teilnahme ist ganz einfach über das Online-Banking und auf haspa.de/lotteriesparen möglich.