Bei ihr stehen die Kunden täglich Schlange: Hamburgs beliebteste Konditorin hört auf
Mehr als 40 Jahre lang versorgte sie Hamburger mit den vielleicht besten Kuchen und Brötchen der Stadt. Die winzige „Karen’s Konditorei“ war ein echter Geheimtipp. Nun hört die Inhaberin, die einst die jüngste Konditormeisterin der Hansestadt war und nun eine der ältesten ist, auf. Karen Özer geht in Rente – und Eimsbüttel verliert sein süßes Herz.
Ein Sonntagvormittag im Dezember. Wie an jedem Wochenende hat sich eine lange Schlange vor „Karen’s Konditorei“ am Schlump gebildet. Geduldig warten die Menschen darauf, noch welche von den knackigen Junggesellen-, den körnigen Kamika- oder weichen Sonntagsbrötchen zu ergattern. Nur wer schlau ist, hat die Frühstücksration schon vorbestellt und darf an der Schlange vorbeihuschen, um sich die noch warme Tüte herauszuholen.
Beliebte Konditorei in Hamburg: Inhaberin Karen Özer aus Eimsbüttel geht in Rente
Plötzlich geht ein Raunen durch die Menge. Eine Schock-Nachricht verbreitet sich von der Spitze der Schlange bis zum Ende: Karen hört auf! „Nein“, rufen die einen. „Das geht nicht!“, konstatieren die anderen, welche die Abschiedsausstellung mit alten Fotos und Zeitungsartikeln im Verkaufsraum noch nicht gesehen haben. Für alle Wartenden sind die süßen und salzigen Teilchen aus der stets betriebsamen Backstube, deren Tür immer offen steht, ein unverzichtbarer Bestandteil des Frühstücks an den arbeitsfreien Tagen.
Wie wichtig sie für die Anwohner ist, ist der Namensgeberin der Konditorei nur so halb bewusst. „Ich bin anscheinend eine Institution“, sagt Karen Özer bescheiden, wie sie ist, und fast verwundert. Zeit, darüber nachzudenken, hat sie ohnehin nicht. Die Frau, die man permanent zwischen den Öfen hin und her rotieren sieht, arbeitet trotz ihrer 64 Jahre noch immer 70 Stunden die Woche. Am Wochenende schläft sie im Keller unter der Backstube, weil der nächste Tag schon um vier Uhr morgens beginnt.
Karen’s Konditorei in Eimsbüttel: Am Wochenende bilden sich lange Schlangen vor der Tür
Angefangen hatte Karen Özer, die damals noch Meier hieß, mit 16 in einer Volksdorfer Konditorei. Nach der Ausbildung machte sie ihren Meister und gründete im Alter von nur 23 Jahren ihre erste eigene Konditorei an der Ludolfstraße, direkt gegenüber der Eppendorfer Kirche.
1996 übernahm sie zusammen mit Ehemann Sadullah Özer die Traditionsbäckerei Grothusen an der jetzigen Adresse. Grothusens Schwäbische Apfeltorte gibt es bis heute zwischen Karens eigenen, in liebevoller Handarbeit gefertigten Kreationen wie der Friesentorte, der Créme-Brûlée-Torte mit Erdbeeren oder dem Schoko-Kirsch-Kuchen. Einer der größten Renner sind die hausgemachten Baumkuchen.
Nach der Trennung von ihrem Mann strich Karen das „Özer“ aus dem Namen der Konditorei. „Das klang vielen zu sehr nach Gemüseladen“, lacht sie. Sie selbst behielt den Nachnamen aber. Schließlich heißen auch ihre beiden Kinder so.
Karen’s Konditorei: Neue Inhaberin startet mit eigenem Programm
Sowohl die Tochter als auch der Sohn gehörten jahrelang zum freundlichen Gesicht des Familienbetriebs. Doch mehr als aushelfen kam für beide nicht infrage. „Sie haben gesehen, was es bedeutet, selbstständig zu sein, und gehen lieber ihre eigenen Wege“, sagt Karen Özer.
Als Nachfolgerin für ihr Geschäft konnte sie eine ehemalige Auszubildende gewinnen, die im Januar ihren Job antritt. Mit Sonntagsbrötchen und Friesentorte ist es dann allerdings vorbei. Die Neue bringt ihr eigenes Programm mit.
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Ob sie selbst in Zukunft noch backen wird, weiß Karen Özer noch nicht. „Ich muss erst mal schauen, wie gut mein Backofen zu Hause überhaupt ist“, sagt sie. Am meisten freut sie sich darauf, Dinge zu tun, für die sie bisher nie Zeit hatte: Ausflüge ins Umland, schwimmen gehen – und am Sonntag in die Kirche gehen. „Das konnte ich bisher nur an Feiertagen“, sagt Karen Özer. „Die Kirche ist meine Seelennahrung.“