Bedrohung, Polizeischutz, Pöbeleien: In diesem Wahlkampf liegen die Nerven blank

Thering
Trritt nur noch mit Bodyguards im Wahlkampf auf: CDU-Spitzenkandidat Dennis Thering am Winterhuder Marktplatz.

CDU-Wahlhelfer werden bepöbelt, Plakate angezündet, und eine Farbattacke auf die CDU-Parteizentrale am Leinpfad gab es auch schon. Auf dem Isemarkt soll sogar eine Frau mit einem Einkaufsbeutel nach Spitzenkandidat Dennis Thering geschlagen haben. All das hat Konsequenzen: Bei öffentlichen Auftritten wird Thering inzwischen von Personenschützern des LKA begleitet.

Wahlkampf in Hamburg. So aufgeheizt war die Atmosphäre in der Politik lange nicht. Noch zwei Wochen sind es bis zur Bundestags-, drei bis zur Bürgerschaftswahl. Die MOPO nahm das zum Anlass, sich den Straßenwahlkampf der Parteien aus nächster Nähe anzusehen. Und stellte fest: Die Leute sind besorgt. Um die Demokratie. Der Grund: Friedrich Merz’ CDU peitschte einen Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik mit Hilfe der AfD durch den Bundestag – auch die FDP stimmte dafür.

„Geht demokratisch wählen! Wir wollen keine Rechtsextremisten in der Bürgerschaft haben!“

Kazim Abaci
Kazim Abaci (59), migrationspolitischer Sprecher der SPD, kämpft um den Wiedereinzug in die Bürgerschaft.

Dienstagfrüh, 7.15 Uhr. Bei minus drei Grad stehen die beiden SPD-Politiker Mithat Capar (45) und Kazim Abaci (59) vor dem S-Bahnhof Holstenstraße und verteilen Flyer. Während Capar, stellvertretender Landesvorsitzender der SPD, den Ehrgeiz hat, den Wahlkreis Altona zu gewinnen, kämpft Abaci, migrationspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, um den Wiedereinzug in die Bürgerschaft. „Geht bitte wählen!“, ruft Abaci den Passanten zu, um dann zu präzisieren: „Geht demokratisch wählen! Wir wollen keine Rechtsextremisten und Faschisten in der Bürgerschaft haben!“

Beide, Capar und Abaci, haben ihre Wurzeln in der Türkei. „Seitdem die AfD die sogenannte ,Remigration‘ ganz offiziell ins Parteiprogramm aufgenommen hat, sind viele Menschen mit Migrationshintergrund in großer Sorge“, sagt Capar. „Viele schreiben mir, dass sie Angst haben, in ein paar Jahren, wenn vielleicht die AfD am Ruder ist, ausgewiesen zu werden.“

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Aber nicht nur Migranten sind besorgt. Ein Passant berichtet, er sei 75 Jahre alt, habe 40 Jahre lang christdemokratisch gewählt, „aber das ist jetzt vorbei. Ich traue Merz nicht mehr. Jetzt wähle ich lieber die SPD, da weiß ich, die Demokratie ist in guten Händen.“

Personenschützer, eine Polizeistreife – für CDU-Spitzenkandidat Dennis Thering (40) ist das die neue Realität. So auch am Mittwochnachmittag, als sich Thering mit seinem Team neben einer Haspa-Filiale an der Alsterdorfer Straße (Winterhude) aufstellt. „Ab Mittwoch vergangener Woche ist die Stimmung auf der Straße gekippt“, sagt Thering. Das war der Tag, an dem die Union im Bundestag mit der AfD stimmte. Kurz darauf ereignete sich der Farbanschlag auf die Parteizentrale am Leinpfad. Als Landesverband kriege man eben auch Unmut über die Bundespartei ab, sagt Thering.

Capar
Dienstagfrüh, 7.15 Uhr. Bei minus drei Grad steht der SPD-Politiker Mithat Capar (45) vor dem S-Bahnhof Holstenstraße und verteilt Flyer. Der städtische Angestellte will den Wahlbezirk Altona unbedingt gewinnen und in die Bürgerschaft einziehen.

„Merz hat einen Fehler gemacht. Die Brandmauer muss halten. Unbedingt.“

An diesem Nachmittag in Winterhude ist die Wut mancher Bürger deutlich spürbar. „Ich paktiere nicht mit Faschisten“, sagt eine Frau im Vorübergehen. Die CDU-Broschüre, die ihr hingehalten wird, lehnt sie ab. Eine andere Frau spricht Thering direkt an: „Merz hat einen Fehler gemacht“, findet die Seniorin. In Hamburg wähle sie immer CDU, auch diesmal. Ob auch bei der Bundestagswahl, wisse sie nicht mehr. „Die Brandmauer muss halten. Unbedingt.“

Aber es gibt auch ganz andere Stimmen. Da nähert sich beispielsweise ein Mann dem CDU-Stand und verlangt: „Ihr dürft nicht mit den Grünen zusammengehen!“ Was in Aschaffenburg passiert sei, das sei es, was ihm Angst mache.

S-Bahnhof Veddel. Mittwochfrüh werben hier ab 7.30 Uhr drei Grüne um die Gunst der Wähler. Bei den drei Frühaufstehern handelt sich um Leon Alam (28), den Landesvorsitzenden seiner Partei, um Sonja Lattwesen (51), Spitzenkandidatin für den Wahlkreis Billstedt/Wilhelmsburg/Finkenwerder, und um den freiwilligen Wahlhelfer Andreas Meyer-Delius (67).

Thering
Beschmierte Plakate sind für die CDU inzwischen Alltag, hier am Grandweg (Lokstedt).

Die Stimmung der drei ist ziemlich gut. Es sei spürbar, so erzählen sie, dass die Grünen im Aufwind sind. Woran das liege? Meyer-Delius antwortet: „Erst mal ist inzwischen jedem klar, wer der Übeltäter war, der alle Vorhaben der Ampel-Regierung blockiert hat – nämlich die FDP. Außerdem hat Friedrich Merz durch die Kooperation mit der AfD seiner Partei schweren Schaden zugefügt. Und von all dem profitieren wir.“

„Immer mehr Menschen sagen einem ins Gesicht, dass sie AfD wählen. Das macht mir Angst“

Was Sonja Lattwesen allerdings ziemlich sorgenvoll stimmt: Dass die Zahl der Menschen zunehme, „die einem direkt ins Gesicht sagen, dass sie blau wählen. Dank TikTok und Telegram glauben viele AfD-Wähler tatsächlich, dass ihre Meinung Mehrheitsmeinung ist.“ Sonja Lattwesen, Besitzerin einer Hardcore-, Heavy-Metal- und Punk-Plattenfirma, schüttelt den Kopf: „Das macht mir Angst.“

Grüne
S-Bahnhof Veddel. Mittwochfrüh werben hier ab 7.30 Uhr drei Grüne um die Gunst der Wähler. Bei den drei Frühaufstehern handelt sich um Sonja Lattwesen (51), Spitzenkandidatin für den Wahlkreis Billstedt/Wilhelmsburg/Finkenwerder, um Leon Alam (28), den Landesvorsitzenden seiner Partei, und um den freiwilligen Wahlhelfer Andreas Meyer-Delius (67).

Langenhorn, Dienstag, 14 Uhr. An der Ecke Ermlandweg/Eekboomkoppel trifft sich die SPD-Bundestagsabgeordnete Dorothee Martin (47) mit ihren Wahlhelfern. Zwei Stunden Tür-zu-Tür-Wahlkampf stehen auf dem Programm. Dorothee Martin geht von Reihenhaus zu Reihenhaus, klingelt, stellt sich vor als „Ihre Bundestagsabgeordnete“, schüttelt da, wo nicht gleich die Tür wieder zugeknallt wird, lächelnd Hände und überreicht ein paar Broschüren.

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Nicht jeder reagiert freundlich auf den unangemeldeten Besuch. Einer zischt der Politikerin ins Gesicht: „Die SPD wähle ich nicht, die hat uns nur betrogen und beschissen.“

Insgesamt aber hat die SPD in Langenhorn einen ganz guten Stand. Rentner Klaus Mohwinkel (78) ist überzeugt: „Durch die Abstimmung mit der AfD hat Friedrich Merz ein Eigentor geschossen. Dadurch verliert die CDU sicher viele Stimmen. Mit der AfD gemeinsame Sache zu machen“ – er schüttelt den Kopf – „das geht gar nicht.“

„Ich wollte mir nur mal die letzten vier Mitglieder der FDP ansehen“

Ein paar Häuser weiter wohnt Rainer Steinbach (67), der von sich erzählt, dass er alter SPD-Wähler sei. Mit der Regierung in Hamburg sei er ja zufrieden, aber das Erscheinungsbild der Bundes-SPD sei katastrophal. „Wenn Olaf Scholz seine Politik mal erklären und nicht immer nur schweigen würde, dann sähe es ja schon besser aus“, findet er. Dorothee Martin gibt ihm recht: Kommunikation sei nicht die große Stärke des Kanzlers.

Oetzel
Elbe-Einkaufszentrum (EEZ) in Osdorf am Dienstagvormittag. Hier hat FDP-Bürgerschaftskandidat Daniel Oetzel gemeinsam mit Freiwilligen einen Infostand aufgebaut. Zu den FDP-Hochburgen in den Elbvororten ist es nicht weit.

Elbe-Einkaufszentrum (EEZ) in Osdorf am Dienstagvormittag. Hier hat FDP-Bürgerschaftskandidat Daniel Oetzel gemeinsam mit Freiwilligen einen Infostand aufgebaut. Zu den FDP-Hochburgen in den Elbvororten ist es nicht weit.

Gerade hält ein Bus der Linie 1. Fahrgäste steigen aus und gehen Richtung EEZ. Oetzel, Lehrer an einer Stadtteilschule, schreitet zur Tat, verteilt Flyer und Kugelschreiber. Eine ältere Dame ist an Werbematerial nicht interessiert. „Ich wollte mir nur mal die letzten vier Mitglieder der FDP ansehen“, sagt sie hämisch und geht weiter.

Max Eggert (85), Rentner aus Osdorf, bleibt auf einen Plausch stehen. „Scholz hat so viel kaputt gemacht“, sagt der gelernte Glasschleifer. Früher habe er CDU gewählt. „Aber für Hamburg fände ich die FDP gar nicht schlecht.“ Dass die Partei im Bundestag zusammen mit der AfD für einen Unionsantrag gestimmt hat, ist für ihn unproblematisch.

Dorothee Martin
SPD-Bundestagsabgeordnete Dorothee Martin beim Tür-zu-Tür-Wahlkampf in Langenhorn. Rentner Klaus Mohwinkel (78) ist überzeugt: „Durch die Abstimmung mit der AfD hat Friedrich Merz ein Eigentor geschossen. Dadurch verliert die CDU sicher viele Stimmen. Mit der AfD gemeinsame Sache zu machen“ – er schüttelt den Kopf – „das geht gar nicht.“

Menschenverachtende Politik: Spotaner Protest gegen die AfD auf dem Großneumarkt

Plötzlich wird es ungemütlich am FDP-Stand. „Die Partei der Volksschädlinge!“, ruft ein Mann im Vorübergehen. Die liberalen Wahlkämpfer versuchen den Pöbler zu ignorieren! Oetzel sagt: „Man entwickelt im Laufe der Zeit Gelassenheit.“

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Übrigens: Die MOPO-Reporter hätten gerne auch einen Infostand der AfD besucht – auf eine Anfrage der Redaktion antwortete der Parteisprecher aber mit Bedauern: „Leider gibt es an den Wochentagen keinen Straßenwahlkampf.“ Entweder Irrtum oder Schwindel, denn am Mittwochvormittag warben die „Blauen“ auf dem Großneumarkt um die Gunst der Wähler – dort kam es dann zum spontanen Protest: Drei Dutzend Menschen demonstrierten gegen die menschenverachtende und rassistische Politik der AfD.

CDU-Wahlhelfer werden bepöbelt, Plakate angezündet, und eine Farbattacke auf die CDU-Parteizentrale am Leinpfad gab es auch schon. Auf dem Isemarkt soll sogar eine Frau mit einem Einkaufsbeutel nach Spitzenkandidat Dennis Thering geschlagen haben. All das hat Konsequenzen: Bei öffentlichen Auftritten wird Thering inzwischen von Personenschützern des LKA begleitet.