Bahn rasiert Hecke an Lombardsbrücke – für die Forschung wichtige Pflanzen futsch!
Seit 81 Jahren wird an ein und derselben Stelle in Hamburg mithilfe einer Pflanze der Erstfrühling bestimmt. Jens Iska-Holtz kümmert sich seit 42 Jahren ehrenamtlich um diese Aufgabe – auch für den Deutschen Wetterdienst (DWD). Doch als er kürzlich wie gewohnt nach den Forsythien an der Lombardsbrücke sehen wollte, waren sie verschwunden. Abgeholzt von der Deutschen Bahn.
Alles begann vor 81 Jahren. Am 27. März 1945 lief Carl Wendorf durch das zerstörte Hamburg in Richtung Hauptbahnhof. An der Lombardsbrücke blieb er stehen: Dort blühten leuchtend gelb die ersten Forsythien – für ihn ein „Hoffnungsschimmer für den Frieden“, wie er später einmal erzählte.
Von da an notierte er jedes Jahr den Tag, an dem sich erstmals die Knospen öffneten – und damit der Frühling in Hamburg begann. Später wurden diese Daten auch für die Phänologie des Deutschen Wetterdienstes (DWD) genutzt.
Die Phänologie untersucht, wann Pflanzen im Jahresverlauf austreiben, blühen oder ihre Blätter verlieren. Werden diese Entwicklungen über Jahrzehnte hinweg dokumentiert, lassen sich daraus Rückschlüsse auf Klima und Wetter ziehen.
Nach Wendorfs Tod im Jahr 1984 übernahm Jens Iska-Holtz (86) die Aufgabe. Zuvor hatte er seinen Freund fünf Jahre lang begleitet und so die Beobachtung der „Goldglöckchen“ gelernt. So konnte er die jahrzehntelange Datenreihe fortführen.
Wenn es blüht, muss es schnell gehen
Wie der Forsythienkalender funktioniert, erklärt Iska-Holtz im Gespräch mit der MOPO: Im Winter kontrolliert er regelmäßig drei Sträucher an der Lombardsbrücke. Rückt der Frühling näher, schaut er täglich vorbei, um den Moment der ersten Blüte festzuhalten.
Die drei Messpunkte sind wichtig, weil die Pflanzen je nach Sonne und Wind unterschiedlich schnell blühen. Erst wenn die Forsythien an mehreren Stellen aufgehen, gilt der „Erstfrühling“ offiziell als erreicht.
„Dann muss es schnell gehen“, sagt er. Noch vor Ort ruft er die Phänologie-Abteilung des DWD in Offenbach an und meldet den Hamburger Erstfrühling. Das Datum wird wie seit Jahrzehnten im Forsythienkalender vermerkt.
Warum gerade Forsythien geeignet sind, erklärt der Ehrenamtliche so: „Sie spielen für Tiere kaum eine Rolle und werden deshalb weniger von äußeren Faktoren beeinflusst.“ Außerdem schließen sich die Blüten nach dem Öffnen nicht wieder – das Ergebnis wird also nicht verfälscht.
Die seit 1945 geführten Aufzeichnungen sind für die Klimaforschung wertvoll. Sie zeigen etwa, dass der Erstfrühling inzwischen im Durchschnitt 29 Tage früher beginnt. Auch Verschiebungen der Jahreszeiten lassen sich dadurch erkennen.
Die gesamte Fläche abgeschreddert
Doch die fast ein Jahrhundert andauernde, liebevolle Arbeit fand Ende Februar ihr jähes Ende: Ohne Vorwarnung oder jegliche Ankündigung machten von der Deutschen Bahn beauftragte Arbeiter die historischen Sträucher und Bäume platt. Sogar ein Holzschredder war vor Ort, der die lebendigen Pflanzen innerhalb weniger Sekunden zu Holzspänen pulverisierte. „Das war ein Schockmoment: Ich habe gedacht, ich sei in der falschen Straße“, erzählt Iska-Holtz im MOPO-Interview frustriert von dem Moment, als er die Schneise der Verwüstung entdeckte.
Die Bahn begründet den Eingriff knapp. Eine Sprecherin teilte auf Nachfrage mit: „Wir bedauern, dass diese Maßnahme unvermeidbar war. Es ist geplant, ab dem Sommer die Stützwand an der Lombardsbrücke zu erneuern sowie Kampfmittelsondierungen durchzuführen.“
Iska-Holtz erinnert jedoch an eine frühere Bahn-Sanierung im Jahr 1997. Damals wurden die Pflanzen sorgfältig ausgegraben, in einer Baumschule zwischengelagert und nach den Arbeiten wieder eingesetzt. „Heutzutage geht alles nur noch zack, zack, zack. Man hat es nicht zu Ende gedacht“, trauert der damalige Immobilienmakler um seine gelben Blüten. Nicht einmal eine Nachricht habe er bekommen – obwohl er der Deutschen Bahn jedes Jahr Forsythienpost schickt.
„Jetzt ist der Kalender praktisch erledigt“
Nur einer der drei Standorte ist unversehrt geblieben. „Unser Kalender ist jetzt praktisch erledigt“, sagt Iska-Holtz. Was letztlich aus der 81 Jahre alten Tradition wird, ist noch unklar. Ob die Datenreihe mit anderen Forsythien weitergeführt werden darf oder eine andere Lösung gefunden wird, muss die Phänologie des DWD in Offenbach entscheiden.
Das könnte Sie auch interessieren: Nach jahrelanger Baustelle: Hier schwebt die Bahnbrücke der Zukunft in die Schanze
Doch der Forsythienschreiber und seine Freunde können nicht einfach nur tatenlos zusehen: „Wir werden die Stämme ausgraben und wieder einpflanzen, wenn die Bauarbeiten beendet sind.“ Auch die Deutsche Bahn kündigte an, die Fläche ab 2027 wieder begrünen zu wollen – doch 81 Jahre Geschichte lassen sich nicht einfach neu säen.