Austritt! CDU-Größe Weinberg wirft hin – auch wegen Hamburger Parteifreunden
Er fährt mit einer hippen E-Vespa statt mit Verbrenner-SUV durch die Stadt, wohnt (ohne Trauschein) mit Frau und zwei Kindern in Ottensen, ist St. Pauli-Fan und kämpft schon sein Leben lang für die Schwachen in der Gesellschaft. Bisher war das für Marcus Weinberg (57) kein Widerspruch zu seinem Parteibuch. Doch das hat sich geändert. Der ehemalige Spitzenkandidat der CDU Hamburg tritt aus seiner Partei aus. Und alle fragen sich: Wechselt der Sozialpolitiker jetzt zu den Grünen?
„Es gibt in jeder Beziehung bessere und schlechtere Zeiten“, sagt Marcus Weinberg zur MOPO. „Ich hatte immer noch die Hoffnung, dass meine Zeiten mit der CDU wieder besser werden und die Lage sich dreht.“ Das sei nicht passiert, daher habe er nun den Entschluss gefasst, nach 38 Jahren aus der CDU auszutreten. „Wenn man erkennt, dass man mit seinen liberalen und sozialen Überzeugungen und seinen Ideen auch für die Weiterentwicklung der Stadt nicht mehr durchdringt, dann muss man sich entscheiden.“
Marcus Weinberg: Grenzgänger innerhalb der CDU
„Heute erkenne ich bei der gesellschaftspolitischen Haltung, beim politischen Auftreten und bei der inhaltlichen Positionierung im zunehmenden Maße Linien und Ausrichtungen, die nicht die meinen sind und die ich nicht länger als Mitglied tragen kann“, sagt Weinberg, der sich selbst mit seinen Positionen und Überzeugungen als „Grenzgänger“ und „mal Andersdenkenden“ innerhalb der Partei bezeichnet. Dafür sei heute offenbar kein Platz mehr in der CDU.
Ein entscheidender Moment für große Zweifel dürfte dabei die Wahl von Friedrich Merz zum CDU-Chef und die damit einhergehende Neuausrichtung der Partei gewesen sein. Aber Weinberg betont, dass er nicht nur mit Berlin, sondern auch mit der Hamburger CDU hadert. Insbesondere mit Köpfen wie Christoph Ploß, der sich in der Gender-Debatte sehr aus dem Fenster gelehnt hatte und auf dessen Bestreben hin die CDU das Volksbegehren für ein Gender-Verbot unterstützt.
Marcus Weinberg: Achtung vor Merkel und von Beust
„Ausgleich und Zusammenhalt“ seien ihm hingegen immer wichtig gewesen, so Weinberg. Politiker wie Ole von Beust und Angela Merkel nennt er voller Hochachtung. Heute hingegen werde die CDU zu sehr von Populismus und Polarisierung bestimmt, statt von Ausgleich und Zusammenhalt.
Vor allem populistische Äußerungen wie die von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann zu den angeblich faulen Bürgergeld-Empfängern, denen man das Geld streichen müsste, gehen Weinberg – der lange Landesvorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) war – gegen den Strich. Ebenso die Positionierung für Verbrenner-Motoren und Atomkraftwerke und das starre Festhalten an der Schuldenbremse. Er selbst hingegen wurde mehr oder weniger kaltgestellt, hatte zuletzt auch keinerlei Ämter mehr in der Partei.
„Und wenn man dann sieht, dass man selbst mit seinen liberalen und sozialen Überzeugungen in der CDU gar keine Heimat mehr hat und kein Gehör findet, dann muss man sich entscheiden.“ So habe es in der Hamburger CDU einen regelrechten „Kulturkampf“ gegeben, bei dem Menschen wie er rausgedrängt worden seien. An solchen Punkten wird Weinberg auch mal emotional, obwohl er sichtlich bemüht ist, fair zu bleiben und den Abschied „nicht zu einer bösen Abrechnung“ mit der Partei zu machen.
Ein Jahr vor der Bürgerschaftswahl aus einer Partei auszutreten – das ist noch rechtzeitig, um sich in einer anderen Partei zu profilieren. So hat es gerade Anna von Treuenfels-Frowein gemacht, die von der FDP zur CDU wechselte. Weinberg hingegen will diesen fliegenden Wechsel offenbar nicht. Gegenüber der MOPO schließt er aber nicht aus, dass er nun zu einer anderen Partei wechselt. „Ich werde gucken, wo ich mich politisch engagiere“, sagt er sehr allgemein.
Bundestagswahl 2020: Größte Niederlage für die CDU
Im Jahr 2020 hatte sich Marcus Weinberg für seine CDU quasi selbst zur Schlachtbank geführt und das Amt des Spitzenkadidaten bei der Bürgerschaftswahl übernommen. Damals, als niemand sonst in der Partei dazu bereit war, weil es klar das Karriere-Ende bedeuten konnte. Denn alle wussten, dass die CDU eine Packung kassieren würde. Und so kam es auch. Die SPD gewann die Wahl, die CDU fuhr mit 11,2 Prozent das schlechteste Ergebnis der Geschichte in Hamburg ein.
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Weinberg und seine Mitstreiter waren mit ihrem Konzept der „modernen Großstadt-Partei“ gescheitert – das ist zumindest die gängige Lesart in der CDU und darüber hinaus. Auch das Liebäugeln mit den Grünen als Koalitionspartner war damit vorbei. Und so kam es in Hamburg zur drastischen Abkehr der Politik-Linie und einer Zunahme von „Populismus und Polarisierung statt Ausgleich und politischer Gesamtverantwortung“.
Weinberg saß von 2005 bis 2021 im Bundestag und war zuletzt jahrelang familienpolitischer Sprecher der Unionsfraktion. Er unterlag bei der Bundestagswahl 2021 in seinem Wahlkreis Altona der Grünen Linda Heitmann und verlor das Mandat. Seitdem hat Weinberg kein CDU-Amt mehr und arbeitet heute wieder als Lehrer. Ehrenamtlich engagiert er sich für den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und ist dort Landeschef.