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Cem Ali Gültekin: Vom Spaßmacher zum Bösewicht

Cem Ali Gültekin

Als dreisprachig aufgewachsener Deutscher mit türkischen und syrischen Wurzeln war Cem Ali Gültekin die richtige Besetzung für den IS-Attentäter im „Tatort“ am Sonntag.

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hfr

Auf seinen „Comedy-Tours“ auf dem Kiez bringt er ganze Busladungen zum Lachen – doch im „Tatort“ am Sonntag spielt er den ultimativen Bösewicht: Der Hamburger Schauspieler und Comedian Cem Ali Gültekin (35) verkörpert einen IS-Terroristen, der in Deutschland ein Blutbad anrichten soll. Die MOPO sprach mit ihm über die schwierige Rolle und seine Erfahrungen als Deutscher mit türkisch-syrischen Wurzeln.

MOPO: Sie sind gebürtiger Hamburger, Ihre Eltern sind Türken mit syrischen Wurzeln. Mit welcher Nationalität identifizieren Sie sich?
Cem Ali Gültekin: Deutschland ist auf jeden Fall meine Heimat, und das Gute ist, dass meine Eltern da auch nie eine Trennung gemacht haben. Die haben gesagt, wir leben hier in Deutschland und es ist notwendig, dass du dir die deutsche Kultur, die deutsche Denke aneignest, aber neben der deutschen Kultur gibt es eben auch noch eine weitere. Sie haben es mir überlassen, mir aus den Kulturen das Beste herauszuziehen.

Cem Ali Gültekin

IS-Dschihadist Enis (Cem Ali Gültekin, r.) im Schleuserversteck.

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von der Mehden/HFR

Der „Tatort“-Regisseur Özgür Yildirim kommt wie Sie aus Dulsberg. Kannten Sie sich schon vor dem Dreh?
Nicht persönlich. Özgür hat damals schon geschrieben und sich für Film interessiert. Meine Freunde und ich hingegen hingen immer nur rum, meistens im Haus der Jugend. Damals hatte ich auch gar nicht geplant Schauspieler zu werden, das war eher Zufall. Ich habe als Teil meiner Ausbildung zum Medienkaufmann Kurzfilme gedreht, und einer meiner Dozenten empfahl mir dann, an die Schauspielschule zu gehen.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich beschäftigte mich mit dem Nahen Osten, habe Videos geschaut und Debatten verfolgt, um zu verstehen, was der Antrieb dieser Ideologie ist. Es ging aber nicht um die Frage: „Wie spiele ich einen Terroristen?“

Worum dann?
Die Figur Enis hat große emotionale Probleme. Es ging darum zu zeigen: Was passiert mit diesem Menschen? Was ist sein Antrieb? Wie schaffe ich es, diese Emotionen und Brüche zu spielen? Seine Mutter ist früh gestorben, dadurch ist er in ein Loch gefallen. Er war in einer Jugendbande, und sein Vater war erst stolz auf ihn, als er anfing, in die Moschee zu gehen. Es gibt in den Biografien der Leute, die nach Syrien gehen, viele Parallelen dazu.

Wie geht die Radikalisierung weiter?
Sie fühlen sich in der Gesellschaft nicht aufgenommen, sie bauen viel Mist und geraten dann an jemanden, der ihnen in der Moschee die Hand reicht. Da ist man dann plötzlich in einer Gemeinschaft, wird anerkannt, fasst Vertrauen. Doch irgendwann kommt der Punkt, wo man etwas zurückzahlen soll, und will all das, was man sich aufgebaut hat, nicht mehr aufgeben – und schon ist man in dieser Mühle. So ist es bei Enis auch. Er denkt: Um mein Leben zu retten, muss ich dorthin und für die große Sache kämpfen.

Lässt sich der Terror des IS mit dem Islam begründen?
Dieser ganze Terror hat mit dem Islam gar nichts zu tun. Worauf sich diese Islamisten und Fundamentalisten beziehen, sind oftmals die Hadithe. Das sind Überlieferungen von Dritten über den Propheten Mohammed.

Haben Sie im Alltag das Gefühl, dass Menschen Ihnen als Araber gegenüber misstrauischer sind als noch vor Jahren?
Zum Glück gar nicht. Und auch in meiner Kindheit in Dulsberg habe ich nie Probleme gehabt mit so etwas. Da waren allerdings auch nur zwei Prozent aller Jugendlichen Deutsche und diese zwei Prozent haben fließend Türkisch gesprochen.

Wie sehen Sie die deutsche Willkommenskultur? Sind wir hier oft zu naiv?
Nein, von der Mentalität her finde ich das genau richtig. Schade ist, dass die unzähligen ehrenamtlichen Helfer politisch im Stich gelassen werden. Wie lange soll das auf diesem Level noch so weitergehen?

Wie sollte Integration aussehen? Ist es sinnvoll, Deutschkurse zur Pflicht zu machen?
Egal, in welches Land du gehst – du musst dich immer integrieren und die Regeln im Gastland annehmen. Wer von außerhalb kommt, sollte unbedingt die Sprache lernen. Als wir Kleinkinder waren, haben meine Eltern mit uns erst Arabisch gesprochen, aber sehr früh den Fokus auf Deutsch gelegt.

„Tatort: Zorn Gottes“:  Sonntag, 20.15 Uhr, ARD. Mehr Infos über Cem Ali Gültekin: cemaligueltekin.de