Aufstand im Seniorenheim: Bewohner demonstrieren gegen Rechts
Sie sind zu alt, um auf die Straße zu gehen. Aber sie haben eine klare Haltung: Mehrere Bewohner des Seniorenheims am Wiesenkamp in Volksdorf haben eine Plakat-Aktion gestartet, um vor den Gefahren von Rechts zu warnen. Ihre Schilder halten sie auf Instagram in die Höhe.
Berbe Westphalen ist 90 Jahre alt. „Ich bin nicht mehr mobil. Zu einer Demo kann ich nicht mehr gehen“, sagt sie traurig. Dennoch wollten sie und einige ihrer Mitbewohner der Residenz am Wiesenkamp gerne etwas tun, um vor dem zu warnen, was sie selbst als Kinder erlebt haben. So wurde die Idee zu der Plakat-Aktion geboren.
90-Jährige erinnert sich an ihre Kindheit während der NS-Zeit – und warnt vor den Gefahren von Rechts
„Ich stamme aus Waren in Mecklenburg“, sagt Westphalen. In ihrer Straße hätte es zwei Mädchen gegeben, mit denen sie immer gespielt habe. „Die waren irgendwann einfach verschwunden. Und niemand hat darüber gesprochen. Ich wusste, dass da etwas nicht stimmte.“
Was dieses „etwas“ war, sei ihr aber erst nach dem Krieg bewusst geworden. Von dem Holocaust und der Deportation der Juden habe sie erst später erfahren. „Einfach furchtbar.“
Den Aufstieg der Rechten überall auf der Welt beobachtet die ehemalige Lehrerin und Mutter von zwei Kindern mit großer Sorge. Und auch, dass sich im Wahlkampf alles auf das Migrationsthema fokussiert habe: „Wie da über Einwanderer gesprochen wird – schlimm ist das. Das sind Menschen!“
Berbe Westphalen hat selbst ein Flüchtlingsschicksal hinter sich
Berbe Westphalen hat am eigenen Leib erlebt, was es heißt, ein Flüchtling zu sein. Sie floh mit ihrer Familie vor den Russen aus dem Osten nach Flensburg. Dort wurde sie von ihren Mitschülern diskriminiert. „Die hatten alles, wir hatten nichts. Immerhin musste ich in kein fremdes Land mit einer fremden Sprache.“ Aber dieses Gefühl, klein zu sein – das hat sie nie vergessen.
Deshalb steht Westphalen jetzt zusammen mit ihren Mitbewohnern, die wie sie den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, auf. Sie wollen daran erinnern, wie viel „unsägliches Leid das Nazi-Terrorregime über Deutschland und Europa gebracht hat“, so der Wortlaut ihres Postings auf Instagram.
Berbe Westphalen hat den Satz „Einmal Rechts reicht!“ auf ihr Schild geschrieben. Auf dem Plakat ihrer Mitbewohnerin Helga Paula O. (88) steht: „Ich möchte das nicht noch einmal erleben.“ Auch Rosemarie P. (88) sagt: „Wir müssen aufpassen, dass das nie wieder passiert“ Etwas kämpferischer tritt Ingeborg A. auf: „Wehrt euch, leistet Widerstand! Gegen den Faschismus hier im Land. Haltet fest zusammen, haltet fest zusammen!“, womit die 89-Jährige einen alten antifaschistischen Protestsong zitiert.
Plakat-Aktion bei Instagram: Hamburger Senioren halten Schilder gegen den Rechtsruck ins Bild
Von allen Residenz-Bewohnern die meisten Erinnerungen an die NS-Zeit hat Horst W., der 1932 geboren wurde. Der 92-Jährige fleht: „Bitte nicht nochmal!“ Und Anke G., Jahrgang 1941, findet: „Nie wieder ist jetzt!“ Sie alle haben aus Sorge vor möglichen Reaktionen aus der rechten Szene darum gebeten, nur mit Vornamen und abgekürztem Nachnamen erwähnt zu werden.
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Die hochbetagten Senioren möchten das Land, ihre Kinder, Enkel und Urenkel vor dem bewahren, was sie selbst durchgemacht haben. Dabei spielt auch die Angst vor einem erneuten Krieg eine große Rolle. Noch in dieser Woche sollen die Fotos von den Bewohnerinnen und Bewohnern der Residenz am Wiesenkamp, die zur Immanuel Albertinen Diakonie gehört, im Eingangsbereich ausgestellt werden. Zur Mahnung an alle Besucherinnen und Besucher.