Auf der Suche nach dem Wolf in Hamburg: „Für den ist das hier wie eine Snack-Bar“
Zwei tote Schafe und eine angeblich vom Wolf verfolgte Hundehalterin im Eißendorfer Sunder: Zu Beginn des Herbstes hat sich Deutschlands größtes Raubtier gleich mehrmals in Harburgs Wäldern blicken lassen. Sein Name: Gw3190m – ein allein umherziehendes Männchen auf der Suche nach Nahrung und einer Partnerin. Das macht nicht nur Landwirte nervös, die sich um das Wohlergehen ihres Viehs sorgen. Auch Hundebesitzer fürchten um ihre Vierbeiner. Wer sich in Hamburg Wäldern umsieht und mit den Menschen dort spricht, trifft auf Gerüchte, Ängste, wütende Bauern und einen total entspannten Wolfsexperten, der Spaziergängern mit Hund einen wichtigen Verhaltenstipp gibt.
„Kommen Sie mal mit”, sagt Landwirt Marc Janz, als die MOPO ihn auf seinem Hof in Marmstorf-Lürade trifft. Vorbei an Feldern und Weiden führt er uns zu einer Abbruchkante. Die dahinterliegende Kiesgrube ist umrandet von Wäldern und Wiesen. Mit einer schweifenden Armbewegung sagt Janz: „Sehen Sie sich das Land hier an. Hier gibt es Unmengen an Tieren: Vögel, Dachse, Marder, Rehe – für den Wolf ist das wie eine Snack-Bar.“ Und falls er mal keines der Wildtiere erwischen sollte – das eingezäunte Vieh von Janz steht in unmittelbarer Nähe.
Und so geschah es Ende September: Zwei Schafe verlor Janz an den Wolf. Aber am meisten Sorgen macht er sich um seine teuren Angus-Rinder. Die Landwirte seien finanziell ohnehin schon unter Druck, sagt Janz. Und der Wolf komme als Belastung hinzu. „Wenn der mir eins meiner Kälber reißt, dann sind mal eben 1200 Euro weg.“ Ganz abwegig ist seine Sorge nicht. Erst kürzlich wurde in Cuxhaven ein Schnellschussverfahren für einen Wolf ermöglicht, der sich wiederholt an einer Rinderherde bedient hat.
Aber nicht nur das Nutzvieh scheint durch den Hamburger Wolf in Gefahr zu sein: Ein paar Wochen später begegnete eine Frau, die mit ihrem Hund im Wald spazieren war, einem Wolf und alarmierte die Polizei. Angeblich habe sie sich auf die nahegelegene Reitanlage Rosengarten gerettet. Eine Mitarbeiterin der Reitanlage bestätigt der MOPO gegenüber, dass es zwar ein großes Polizeiaufgebot gab, aber betont: „Wir wissen nicht, wer die Frau gewesen sein soll und auch nicht, ob sie wirklich einem Wolf begegnet ist.“
Beim Gassigehen: Wolf wird durch Hund angelockt
Alles Hysterie? Auch wenn die Wolfssichtung nicht bestätigt werden konnte, allein die Vorstellung seines Verbleibens sorgt für Unruhe. „Ich warte eigentlich nur darauf, dass irgendwann ein Kind angegriffen wird. Erst dann wird sich was ändern“, sagt Janz. Für Umweltschützer ist das Panikmache. Denn seit Rückkehr des Wolfes nach Deutschland im Jahr 2000 hat es keinen Angriff von Wölfen auf Menschen gegeben. Janz fordert, dass der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen wird. „Für mich ist jeder Wolf ein Problemwolf.“
Hamburg: Wann wird ein Wolf zum Problemwolf?
Der Hamburger Wolfsexperte Gunther Esther sieht das völlig anders. „Bei Landwirten kommen da immer viele Emotionen hoch. Zu einem Problemwolf wird einer erst dann, wenn schützende Maßnahmen – wie ein hoher Elektro-Zaun oder Herdenschutzhunde – überwunden werden und es immer wieder zu Rissen durch den gleichen Wolf kommt.“ Und Menschen würden Wölfe sowieso meiden.
Esther ist pensionierter Kriminalbeamter, Jäger und offizieller Wolfsberater der Hamburger Umweltbehörde. Er ist überzeugt: Der Wolf Gw3190m ist längst nicht mehr in der Kiesgrube bei Landwirt Janz unterwegs. Anstatt die Angus-Rinder ins Visier zu nehmen oder Hunden aufzulauern, wird der Wolf weitergezogen sein. Die meisten Tiere passieren Hamburg nämlich nur auf dem Weg nach Dänemark, weiß Esther.
Günstiger Erhaltungsstand: Abschuss rückt in greifbare Nähe
„Die Wahrscheinlichkeit, dass sich überhaupt ein Wolf in Hamburg befindet, geht gegen null“, sagt Esther. Die Umweltbehörde (BUKEA) zählt für das Jahr 2025 nur fünf gesicherte Wolfsnachweise. Trotz des geringen Aufkommens in Hamburg hat die Bundesregierung vor Kurzem einen „günstigen Erhaltungsstand“ der Wolfspopulation in Deutschland gemeldet. Heißt: Die Anzahl der Wölfe gilt als so groß, dass ihr Überleben gesichert ist. Diese Einstufung könnte das Jagdrecht lockern, womit Janz‘ Traum vom Abschuss in greifbare Nähe rückt.
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In Hamburg würde Esther gerne mehr Wölfe sehen, da hier noch kein günstiger Erhaltungsstand erreicht sei. Aus seiner Sicht müssen Mensch und Wolf lernen, zu koexistieren: Landwirte müssen Zäune bauen und Spaziergänger ihre Hunde an der kurzen Leine halten. Denn ein Hund könnte durchaus als Rivale und eine läufige Hündin als potenzielle Partnerin wahrgenommen werden – und einen umherziehenden Wolf anlocken.
Ein paar hundert Meter von Janz‘ Hof entfernt fängt der Wald an. Ob der Wolf noch da ist? Um das herauszufinden, machen wir uns mit Redaktionshündchen „Knöpfchen“ auf die Suche. Obwohl der kleine weiße Hund zum Anbeißen niedlich ist und einem Lamm nicht ganz unähnlich sieht – einen Wolf locken wir mit ihm nicht an. Wahrscheinlich hat Esther recht und der Wolf ist schon fast in Dänemark. Das Einzige, was noch durch Harburgs Wälder zu ziehen scheint, ist der märchenhafte Mythos vom bösen Wolf und eine Urangst der Menschen …