„Arktis‑Biss“ statt Ausverkauf: Arved Fuchs über Grönlands Kampf um seine Freiheit
Grönland zwischen Freiheitsdrang, Klimakrise und Trump‑Imperialismus: Polarforscher und Grönland-Kenner Arved Fuchs erklärt, warum unter dem Motto „Greenland is not for sale“ ein Ruck durchs Land geht, wie Klimawandel und Rohstoffgier das Leben der Menschen im Eis verändern – und was es mit dem „Arktis-Biss” auf sich hat.
MOPO: Herr Fuchs, was fasziniert Sie so an Grönland, dass Sie immer wieder zurückkehren?
Arved Fuchs: Das Land hat etwas mit mir gemacht. Das ist nicht rational erklärbar, sondern emotional. Man nennt das den „Arktis-Biss“: Einmal dort gewesen, zieht es einen immer wieder hin. Grönland ist wie eine riesige Schüssel mit einem gewaltigen Inlandeis in der Mitte und nur an den Küsten bewohnbar. Vom Inlandeis treiben Eisberge ins Meer – eine bizarre, ästhetische Landschaft. Aber es ist nicht nur Schnee und Kälte: Es gibt intensive Jahreszeiten, im Sommer 24 Stunden Tageslicht, dazu Menschen, die sehr eng mit ihrer Natur verbunden sind.
Nur die wenigsten Hamburger haben eine Vorstellung vom Leben dort. Was macht den Alltag aus?
In der Hauptstadt Nuuk leben 20.000 Menschen. Das ist urbanes Leben. Aber wenn man eine Ortschaft verlässt, empfängt einen eine große Wildnis. Es gibt keine Fernstraßen oder Eisenbahnen, sondern nur Boote, Flugzeuge oder Hundeschlitten und Schneemobile. In den einsamen kleinen Dörfern im Norden leben teils nur 45 Menschen, oft traditionell als Jäger. Die Art mit Schnee, Eis und Kälte zu leben und fröhlich dabei zu sein, fasziniert mich.
Nun will Trump dieses Land kaufen. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Das ist völlig absurd und unverfroren. Grönland ist doch keine Immobilie und kein Niemandsland, sondern ein eigenständiges Land. Assoziiert mit Dänemark, aber mit eigener Regierung, Bevölkerung und allem. Trumps Forderung ist Imperialismus im Höchstformat und ein feindlicher Akt. Das darf man nicht hinnehmen.
Was hat das bei den Grönländern ausgelöst?
Ich habe den Eindruck, es hat einen Ruck durchs Land gegeben. Die Ablehnung ist eindeutig. Trumps Vorstoß hat sogar dazu geführt, dass Grönland und Dänemark enger zusammengerückt sind, obwohl Grönland eigentlich unabhängig sein will. Am Wochenende gab es massive Demonstrationen in Nuuk und auch in Kopenhagen sind Tausende Menschen mit grönländischen Flaggen auf die Straße gegangen.
Ein Motto ist „Greenland ist not for sale“. Was sagt das über das Selbstverständnis aus?
Grönländer wollen unabhängig sein und nicht eine Abhängigkeit mit der anderen tauschen. Zudem mögen sie es nicht, wenn man über ihre Köpfe hinweg entscheidet.
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Fühlen sich Grönländer, die Sie kennen, auch als Europäer?
Nein, als Grönländer. Sie haben ihre eigene Identität. Es gibt aber wegen der Nähe zu Dänemark eine größere Bindung an Europa als an die Vereinigten Staaten.
Was haben Europäer nicht an Grönland verstanden?
Für viele Europäer ist Grönland weit weg und irgendwie ein Synonym für Nordpol. Ich glaube, man muss den Grönländern das Gefühl geben, dass sie von Europa als eine Nation anerkannt werden, mit der man auf Augenhöhe Handel treiben und in Austausch treten will.
Haben die Menschen Angst vor einem Angriff der USA?
Ja, weil sie wenig entgegenzusetzen haben. Deshalb wurden die europäischen Soldaten, die schon wieder abgezogen wurden, sehr willkommen geheißen. Trumps Argument, es ginge um nationale und internationale Sicherheit, ist vorgeschoben. Die USA dürfen laut Vertrag von 1951 ohnehin militärische Installationen auf Grönland einrichten. Und der Aussage, es wimmle dort von chinesischen und russischen Schiffen, haben Grönland und Dänemark vehement widersprochen.
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Worum geht es ihm dann?
Er will sein Gebiet erweitern. Und wer Grönland hat, hat auch eine exklusive Wirtschaftszone über 200 Meilen (rund 322 Kilometer, die Red.) drumherum – samt Schürfrechten für Öl, Fischereirechten und Zugang zum arktischen Ozean. Zudem werden durch den Klimawandel die Küstenregionen leichter zugänglich. Das weckt Begehrlichkeiten bei Bodenschätzen. Es soll dort ein großes Vorkommen an seltenen Erden geben.
So befeuert auch der Klimawandel den Konflikt. Wie verändert er Grönland noch?
Grönland ist der Hotspot des Klimawandels. Die Arktis erwärmt sich dreimal so schnell wie der Rest der Welt. Das Meereis bricht früher auf – Jäger können nicht mehr herausfahren. Das Wasser wird wärmer, Fischpopulationen wandern ab, invasive Arten kommen. Und in Nuuk gibt es mitten im Winter plötzlich Regen.
Das bedroht die traditionelle Lebensweise. Gibt es einen gesellschaftlichen Umbruch?
Ja, aber auch weil die kleinen Siedlungen sehr isoliert und einsam sind. Viele junge Menschen fragen sich, ob sie ihr Leben als Jäger führen wollen – was hart, entbehrungsreich und nicht sehr lukrativ ist – oder ob sie für Ausbildung oder Studium lieber in eine Stadt gehen. Ich glaube, Grönland wird urbaner werden, und junge Grönländer werden noch zum Jagen rausfahren, aber nicht mehr als Vollzeitjäger in einem abgelegenen Dorf leben.
Was ist Ihre Hoffnung für das Land?
Dass die Grönländer eine behutsame Entwicklung durchlaufen, nicht beeinträchtigt durch Einflussnahme anderer Nationen. Und dass man sie als Grönländer sieht: als eigene Nation mit eigener Identität.