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Alsterdorfer Anstalten: „Sie haben uns behandelt wie Gefangene“

Ein Foto aus den 70er Jahren zeigt die grauenhaften Zustände in den Alsterdorfer Anstalten. Es gab keine Betreuung. Bewohner wurden wie Gefangene behandelt, geschlagen, gequält, zwangssterilisiert.

Ein Foto aus den 70er Jahren zeigt die grauenhaften Zustände in den Alsterdorfer Anstalten. Es gab keine Betreuung. Bewohner wurden wie Gefangene behandelt, geschlagen, gequält, zwangssterilisiert.

Foto:

Birgit Schulz

Wer nicht spurte, wurde geschlagen, isoliert, an Heizkörper oder ans Bett gekettet. Menschen wurden gedemütigt, als billige Hilfskräfte missbraucht, mit Medikamenten vollgepumpt. All das ist in Hamburg in den Alsterdorfer Anstalten passiert. Wer jetzt denkt, hier ist von der Nazi-Zeit die Rede, der irrt. Wir reden von den 50er, 60er, 70er, ja sogar von den 80er Jahren.

Der heute 72-jährige Werner Boyens ist einer von denen, die durch die Hölle gingen. „Mein Leben ist nicht die Hälfte wert“, sagt er. Will heißen: Was ihm widerfahren ist, ist nicht wiedergutzumachen. Zwar hätten sich die Alsterdorfer Anstalten bei ihm entschuldigt, räumt er ein. Aber das will er nicht akzeptieren, denn es hätten sich diejenigen entschuldigen müssen, die ihm das angetan haben. „Aber die leben ja gar nicht mehr“, sagt er.

Die Menschen ans Bett oder an Heizkörper zu fesseln, war bis in die 80er Jahre hinein Alltag in den Alsterdorfer Anstalten. Ein Foto von 1979

Die Menschen ans Bett oder an Heizkörper zu fesseln, war bis in die 80er Jahre hinein Alltag in den Alsterdorfer Anstalten. Ein Foto von 1979

Foto:

hfr

Werner Boyens kam 1947 nach Alsterdorf. Er war ein halbes Jahr alt. Diagnose: Epilepsie, obwohl er, wie er sagt, nie Anfälle hatte. 35 Jahre wurde er in Alsterdorf festgehalten – bis er 1982 floh. Sieben Jahre hatte er seine Flucht geplant. Er wollte endlich sein eigenes Leben leben.

Und das hat er dann auch: Er holte den Hauptschulabschluss nach, heiratete, erlernte zwei Berufe: Bootsbauer und Elektriker. Kinder hätte er gerne gehabt. Ging aber nicht. Weil er in Alsterdorf gegen seinen Willen sterilisiert worden war. Heimlich. Weil irgendwer meinte, er wäre es nicht wert, sich zu reproduzieren.

Karin Schmüser (88) lebt seit 81 Jahren in der Stiftung Alsterdorf: Sie erzählt, dass sie geschlagen wurde. Kontakt mit Männern war verboten. Für „Fehlverhalten“ gab es drakonische Strafen.

Karin Schmüser (88) lebt seit 81 Jahren in der Stiftung Alsterdorf: Sie erzählt, dass sie geschlagen wurde. Kontakt mit Männern war verboten. Für „Fehlverhalten“ gab es drakonische Strafen.

Foto:

Wunder

„Abends wurden wir mit dem Fuß ans Bett angekettet, damit wir nicht weglaufen“, erzählt Boyens. Gebadet wurde nur einmal die Woche. „Und wenn sich einer von uns nass gemacht hat, hat man uns einfach nur ein bisschen mit dem Lappen abgewischt.“ Wer den Pflegern nicht aufs Wort gehorchte, wurde geschlagen. Manche hatten richtig Spaß dabei.

Das Personal hat die „Pflegebefohlenen“, wie die Bewohner genannt wurden, nicht etwa beim Namen gerufen, sondern mit Nummern. „Ich hatte die Nummer 967“, sagt Boyens. Weil er aufsässig war, wurde er oft schwer bestraft. „Packung“, so hieß die Folter. Die Pfleger wickelten ihn ganz dick in Decken, hoben ihn in eine volle Wanne, so dass sich der Stoff vollsog. So legten sie ihn auf ein Bettgestell. 14 Tage blieb er liegen, bis alles trocken war. Dann wickelten sie ihn wieder aus.

War 35 Jahre in Alsterdorf gefangen: Werner Boyens (72)

War 35 Jahre in Alsterdorf gefangen: Werner Boyens (72)

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Olaf Wunder

Das alles erinnert an Nazi-Methoden. Und das ist auch kein Wunder: In den 50er und 60er Jahren wurden viele Pfleger und Ärzte beschäftigt, die auch schon vor 1945 in der Einrichtung tätig gewesen waren. Sie selektierten jetzt zwar nicht mehr die Schwächsten zur Tötung aus wie zuvor – zumindest das war vorbei. Aber viele versahen ihren Dienst mit derselben Verachtung und Unmenschlichkeit. Das gilt nicht nur für Alsterdorf. Alles, was sich dort abspielte, spielte sich zeitgleich in vielen Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie ab.

Ein anderes Beispiel: Herbert Reher (85), der mit Schaudern vom riesigen Schlafsaal erzählt, in dem 40 bis 50 Leute übernachteten. Die Bettnässer mussten auf einem Spreusack schlafen. Und als Strafe dafür, dass sie eingenässt hatten, mussten sie mit dem nassen Sack auf dem Hof rumlaufen, bis er trocken war. „Sackhüpfen“ nannte man das.

Reher erzählt auch von geschlossenen Häusern, in denen die eingesperrt wurden, die „Unfug“ gemacht hatten. Behandelt wurden die Patienten wie Gefangene. „Die „Strafjungs“ mussten immer um 6 Uhr ins Bett“, so Reher. „Die Pfleger waren streng. Die haben viel geschimpft und auf die Finger geschlagen mit dem Rohrstock, wenn wir uns nass gemacht haben.“

Unsere dritte Zeitzeugin ist Karin Schmüser (88), die schon seit 1938 in den Alsterdorfer Anstalten bzw. der heutigen Stiftung Alsterdorf lebt. Sie erzählt von Schwester „Tante Anni“, die sie in besonders schrecklicher Erinnerung hat. „Sie hat uns immer ganz schlimm angemeckert, und gehauen hat sie uns auch.“ Wer beim Frühstück keinen Kamm und kein Taschentuch hatte, habe den ganzen Tag in der Ecke stehen müssen und nichts zu essen bekommen. Wer weglief, dem wurden die Haare abgeschnitten. Er musste vier Wochen im „Büßergewand“ im Gottesdienst erscheinen.

Furchtbare Zustände. Und sie dauerten an bis Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Dann wagte es eine Handvoll Alsterdorfer Pflegekräfte aufzubegehren und an die Öffentlichkeit zu gehen. Als Zeitungen berichteten, wurden auf politischen Druck hin zehn Psychologen eingestellt, die die Dinge wieder richten sollten. Darunter Dr. Michael Wunder (67), heute Leiter des Beratungszentrums der Stiftung Alsterdorf. „Ich weiß noch gut: Ich war erstarrt vor Schreck, als ich zum ersten Mal die Zustände hier sah. Allein der Gestank war furchtbar.“

Weitere 30 Jahre dauerte es, nämlich bis 2012, bis die Einrichtung 2012 damit begannen, all das wissenschaftlich aufzuarbeiten, was an Grauenhaftem von den 50er bis in die 70er Jahre dort geschehen war.

Am Mittwoch hat sich Prof. Hanns-Stephan Haas, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, bei den Betroffenen entschuldigt. Großes Leid sei ihnen angetan worden, sagt er.

Jetzt bekommen Opfer Entschädigung

Es hat lange gedauert. Viel zu lange. Jetzt endlich bekommen die Menschen, denen in Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie Unrecht geschehen ist, eine Entschädigung, wenn auch eine sehr kleine. Dafür wurde 2017 die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ ins Leben gerufen. Bundesregierung, Kirchen und Bundesländer haben Geld in einen Fonds eingezahlt, „mit dem nichts wiedergutgemacht werden kann“, wie Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) einräumt. Aber es sei wenigstens ein Zeichen der Anerkennung. Betroffene können eine Einmalzahlung von 9000 Euro erhalten. Wer außerdem in den fraglichen Einrichtungen gearbeitet hat, ohne dass Sozialversicherungsbeiträge abgeführt wurden, kann abhängig von der Dauer der Beschäftigung mit einem Einmalbetrag von 3000 bis 5000 Euro rechnen.

Bundesweit wurden bisher 5000 Anträge gestellt, in Hamburg 300, davon zwei Drittel von Bewohnern bzw. Ex-Bewohnern der Alsterdorfer Anstalten. Da die Zahl der potenziell Anspruchsberechtigten weit höher ist, wurde die Frist bis 31. Dezember 2020 verlängert. Betroffene sollten sich möglichst bald melden bei der Anlauf- und Beratungsstelle des Versorgungsamtes, Adolph-Schönfelder-Straße 5, 22083 Hamburg, Tel. (040) 115 (Mo-Fr 7-19 Uhr), Mail: stiftung-anerkennung-hilfe@ basfi.hamburg.de