Allein und mittellos: Was gibt euch trotzdem Hoffnung zu Weihnachten?
Weihnachten kann so schön sein: Die Wohnung ist mit Lichterketten und Deko geschmückt, an jeder Straßenecke kann man Glühwein kaufen und die Augen der Kinder strahlen, wenn unter dem Tannenbaum am 24. Dezember die Geschenke liegen. Doch für viele ist Weihnachten eine zu große Belastung – finanziell und mental. Die MOPO hat Menschen getroffen, die in prekären Verhältnissen leben, und gefragt: Was wünscht ihr euch?
Die alleinerziehende Mutter Christin Bitter wird ihren beiden Kindern zu Weihnachten nicht alle Träume erfüllen können. Dem psychisch kranken „Flow“ reicht das Geld nicht zum Leben. Und die Ruheständler Christa, Georg und Birgit sind froh, wenn sie im Winter nicht in der Kälte sitzen müssen. „Am 3. April bin ich blank“, sagt Christin Bitter. Die 42-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie von ihren Sorgen berichtet. Noch hat sie einen Job, doch sie verdient nach eigenen Angaben fünf Euro zu viel, um vom Amt unterstützt zu werden. Ende Dezember läuft der Vertrag aus. „Wenn die hohen Kosten kommen, sitze ich mit meinen beiden Kindern in der Arbeitslosigkeit“, sagt sie.
Fast die Hälfte der Alleinerziehenden armutsgefährdet
An teure Weihnachtsgeschenke für ihren 14-jährigen Sohn und ihre 8-jährige Tochter ist nicht zu denken – Christin Bitter ist froh, wenn sie die hohen Energiekosten bezahlen kann. Und so ist es für ihre kleine Hannah eine besondere Freude, dass sie an diesem Tag beim „Wohlfühlmorgen“ der Caritas und des Malteser-Hilfsdienstes von einem richtigen Friseur die Haare gemacht bekommt. „Sie war ganz aus dem Häuschen, als sie von der Möglichkeit erfahren hat“, so die Mutter. Der „Wohlfühlmorgen“ findet zweimal im Jahr in Hamburg statt und ermöglicht armen und wohnungslosen Menschen neben einem üppigen Frühstück kostenlose Frisuren, Maniküre und Pediküre, Massagen, ärztliche Untersuchungen, Sozial- und Rechtsberatungen und eine Brillensprechstunde – alles Dinge, zu denen viele sonst kaum Zugang haben.
Neben dem „Wohlfühlmorgen“ gibt es weitere Unterstützungsangebote und -veranstaltungen wie das Weihnachtsessen „Mehr als eine warme Mahlzeit“ vom Friends Cup oder den Kältebus vom „CaFée mit Herz“ und den Mitternachtsbus von der Diakonie. Laut letzterer leben in Hamburg 19,8 Prozent der Menschen unter der Armutsgefährdungsschwelle (2021). Bei den Alleinerziehenden wie Christin Bitter sind es 46,2 Prozent, bei Senioren 23,2 Prozent.
Zu ihnen zählen Georg (66) und Christa (60). Für das Paar sind Hilfsveranstaltungen nicht nur wegen kostenloser Unterstützung wichtig, sie schätzen auch die Sozialkontakte. „Ich kenne hier viele Leute. Ich bin sonst oft einsam“, sagt Georg. „Die Heizkosten sind ein echtes Problem für mich. Alles ist so teuer geworden. Auch der Strom, die Energie. Ich versuche, so viele Hilfsangebote wie möglich wahrzunehmen. Morgen bin ich bei einer Veranstaltung im Rauhen Haus.“
Armut verkürzt das Leben um bis zu sieben Jahre
Eine besondere Geschichte hat der selbsternannte „FC St. Pauli Flow“ zu erzählen. Der Fußballbegeisterte ist wegen psychischer und körperlicher Erkrankungen mit seinen 48 Jahren eingeschränkt berufsunfähig, darf nur vier Stunden in der Woche arbeiten – und hat jetzt seinen Traumberuf gefunden. „Ich mache eine Nähausbildung beim Projekt „Mittendrin!“ in Bergedorf“, erzählt er und zeigt die Aufnäher auf seiner eigenen Weste. „Ich möchte Fanartikel für den FC St. Pauli herausbringen.“ Doch er komme mit dem Geld nicht zurecht, erzählt der 48-Jährige. Er habe große Angst vor den Heizkosten im Winter. „Manchmal fühle ich mich von der Stadt herumgeschubst“, gibt er zu. „Obwohl ich das Gefühl habe, dass Hamburg in Sachen Sozialhilfe schon ganz gut aufgestellt ist.“
Seit zwölf Jahren ist „FC St. Pauli Flow“ mittlerweile mit der 70-jährigen Birgit Kösper befreundet. Sie hat sich beim Hamburger „Wohlfühlmorgen“ die Haare und eine kostenlose Brille machen lassen. „Ich kann endlich richtig gucken!“, freut sie sich. „Der Zahnarzt hat auch reingeguckt“, berichtet Kösper. „Er war sehr zufrieden.“ Beides kann sich die Seniorin sonst nicht leisten.
Caritas-Sprecher Timo Spiewak berichtet, dass der Rentneranteil unter den 350 Gästen beim Hamburger „Wohlfühlmorgen“ wächst. Laut dem „Deutschen Ärzteblatt“ kann Armut das Leben um bis zu sieben Jahre verkürzen.
Das könnte Sie auch interessieren: Protest vor Bezirksamt: Pfadfinder kämpfen für ihr Heim
An diesem Tag soll aber Hoffnung verbreitet werden. Es geht ausdrücklich nicht nur um überlebenswichtige Angebote für die Bedürftigen – deshalb ist auch eine Fotografin anwesend, die kostenlos Bewerbungsfotos schießt oder einfach Aufnahmen von den Mittellosen macht, auf denen sie sich wohlfühlen. Auch die kleine Hannah und ihre Mutter Christin Bitter werden diese Möglichkeit nach dem Friseurbesuch noch wahrnehmen.