Hamburg
Alkoholsucht und tödliche Prügel: Zwei tragische Obdachlosen-Schicksale in Hamburg
Mindestens 44 obdachlose Menschen sowie eine unbekannte Zahl Wohnungsloser sind 2025 auf Hamburgs Straßen gestorben. Matze (37) und Marian (65) waren zwei von ihnen. Der eine saß immer mit seinem besten Freund zusammen, der andere verkaufte das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“. Einer erlag seiner Alkoholsucht, der andere wurde zu Tode geprügelt. Die MOPO hat beide Schicksale rekonstruiert.
„Sie leben vor unseren Augen, sterben vor unseren Augen. Plötzlich ist der Mensch weg und niemandem fällt es auf“, sagt Maike Oberschelp vom „CaFee mit Herz“. Wenn obdach- und wohnungslose Menschen sterben, weiß meist kaum jemand, was mit ihnen passiert. Es bedarf eines größeren Aufwandes, die Geschichten der Menschen zu erfahren. Oberschelps Kollegin Annette Kaiser (56) ist hautnah an vielen der Schicksale dran. Sie besucht die Menschen, berät sie und versucht, ihnen alternative Lebenswege aufzuzeigen.
Acht Obdachlose, die Kaiser betreute, sind seit ihrer Einstellung im April 2024 gestorben, häufig an Suchterkrankungen. Gerade der Winter birgt ein Risiko für Obdachlose, wie auch Jörg Sturm (59) vom Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ erklärt. Die Kälte schwächt das Immunsystem. Krankheiten übertragen sich so einfacher. Für das Magazin arbeitete auch Marian. Mithilfe von „Hinz&Kunzt“ hat die MOPO seine Geschichte aufgeschrieben.
Marian – in Altona zu Tode geprügelt
Vor etwa 30 Jahren kam der 65-Jährige von Polen nach Deutschland. Wie er obdachlos wurde, ist nicht klar. 2009 fing er an, „Hinz&Kunzt“ zu verkaufen, 2022 zog er in das Hinz&Kunzt-Haus in St. Georg. Drei Jahre später, Anfang 2025, wurde bei Marian Krebs diagnostiziert, und er musste wegen seines Gesundheitszustands in das Pflegewohnheim für Obdachlose in Niendorf ziehen. Der Pole war alkoholkrank, was den Kontakt zu seiner Familie schwierig machte. Schulden habe er nur selten zurückzahlen können, so heißt es im Nachruf. Für seine Freunde soll Marian aber immer hilfsbereit gewesen sein. Er hörte ihnen zu, ließ sie bei sich schlafen.
Am Abend des 22. Juni 2025 war Marian in Altona unterwegs. Hier wurde er von vier Menschen zusammengeschlagen. Ein Passant fand den 65-Jährigen am Stuhlmannbrunnen und rief die Polizei. Zu dem Zeitpunkt konnte Marian nur noch mitteilen, dass die Tätergruppe aus drei Männern und einer Frau bestand. Dann fiel er aufgrund seiner schweren Verletzungen ins Koma. In der Nacht vom 17. auf den 18. Juli verstarb er.
Annette Kaiser vom „CaFee mit Herz“ hat vor ihrer Arbeit mit Obdachlosen in einem Hospiz gearbeitet und hat daher bereits Berührungspunkte mit dem Thema Tod. Dennoch gehen ihr einige Fälle heute noch nahe. So wie der von Matze. Er war ihr erster Todesfall in der Obdachlosenarbeit.
Matze – mit seinem besten Freund bis zum Schluss
„Er hat Platte zusammen mit seinem allerbesten Freund gemacht. Sie kamen deshalb häufig zusammen ins Café“, erzählt Kaiser. Matze war „Multitox“, das bedeutet, er konsumierte verschiedene Drogen. Sein großes Problem war der Alkohol. „Schon morgens griff er zur Wodkaflasche. Manchmal waren es sechs Flaschen am Tag“, sagt Kaiser.
Wann und unter welchen Umständen der 37-Jährige obdachlos wurde, weiß Kaiser nicht. „Häufig gibt es einen Einschnitt im Leben. Eine Trennung oder den Verlust eines geliebten Menschen. Aus Frust fangen die Menschen dann an zu trinken.“ In vielen Fällen verlieren die Betroffenen als Nächstes ihren Job, erzählt Kaiser. Um die Sucht weiter befriedigen zu können, werden viele kriminell, um an schnelles Geld zu kommen, dann können sie ihre Miete nicht mehr bezahlen, werden aus ihren Wohnungen geworfen. „Aus der ganzen Spirale kommen sie meist nicht mehr raus.“ Doch Kaiser betont auch: „Nicht jedes Schicksal ist gleich.“
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An das Schicksal von Matze erinnert sie gut. Mehrfach versuchte sie, ihn zu einem Entzug zu bewegen, wollte ihn in die Psychiatrie nach Ochsenzoll bringen. Dort hatte Matze jedoch Hausverbot. „Er wurde sehr aggressiv, wenn er getrunken hatte“, erzählt sie. Hinzu kam ein entzündeter Fuß, der hätte amputiert werden müssen. Letztlich sei der 37-Jährige mit der Polizei aneinandergeraten und wurde inhaftiert.
„Seine Postadresse war bei uns“, sagt Kaiser. „Also habe ich mich bei der Polizei gemeldet, um zu fragen, wo ich seine Post hinschicken kann.“ Zurück kam ein großer Umschlag. Auf dem Etikett stand: „Der Mensch ist verstorben.“
Was genau Matze passiert ist, wissen Kaiser und ihre Kollegen bis heute nicht. Sie vermuten, dass sein Gesundheitszustand ihn das Leben kostete. Fest steht nur: Er ist weg. Und sein bester Freund blieb zurück.