Ärger um Rollstuhl: Junge kann nicht in Kiez-Club – und soll „nach Dortmund fahren“

Das Gruenspan: Im altehrwürdigen Club an der Großen Freiheit eskalierte die Lage während eines Konzerts.
Das Gruenspan auf St. Pauli

Leano (13) ist zutiefst betrübt: Am 10. März wollte der Junge mit seiner Mutter das Konzert der von ihm heiß geliebten Band HE/RO im „Gruenspan“ besuchen. Doch daraus wird nichts: Weil das Konzerthaus nicht barrierefrei ist, wird dem 13-Jährigen, der im Rollstuhl sitzt, der Zutritt verweigert. Und das Geld gibt es nicht zurück.

Dass das „Gruenspan“ nicht barrierefrei ist, hatte schon in der Vergangenheit immer mal für Probleme gesorgt. Doch im vergangenen Jahr zeichnete sich eine Lösung ab: Aufgrund einer anstehenden Gebäudesanierung in der Großen Freiheit 58 sollte der Musikclub im Herbst 2025 in die Lagerstraße 11 umziehen. Dort sei ein barrierefreier Zutritt möglich, las Leanos Mutter in einer Mitteilung, bevor sie das Ticket für ihren Sohn kaufte.

HE/RO-Konzert in Hamburg: Rollstuhl-Ticket für den Sohn war ein Weihnachtsgeschenk

„Das Ticket war ein Weihnachtsgeschenk für Leano“, sagt Tanja Grafert. Die Kosten von 47,60 Euro für das Ticket sind für die alleinerziehende Mutter von sieben Kindern nicht einfach zu stemmen, zumal noch die Bahnfahrt aus Buxtehude dazukommt.

Umso größer war die Freude des Jungen über das Geschenk. Doch erst jetzt erfuhr Tanja Grafert, dass es Verzögerungen gibt und das „Gruenspan“ gar nicht umgezogen ist. Sie schrieb eine Email an die Verantwortlichen und erklärte die Situation.

Tanja Grafert (56) mit ihrem Sohn Leano (13
Tanja Grafert (56) mit ihrem Sohn Leano (13), der von Geburt an schwerbehindert ist.

Die Antwort des Musikclubs war freundlich: „Für die Enttäuschung und die Umstände möchten wir uns bei euch entschuldigen. Die Rollikarte samt Begleiter bekommt ihr erstattet“, heißt es in dem Schreiben, das der MOPO vorliegt. Für die Erstattung solle Tanja Grafert sich aber an den Veranstalter wenden, der den Kartenverkauf organisiere.

Veranstalter verweigert kostenlose Ticket-Stornierung – und bietet Konzert in Dortmund als Alternative an

Nur: Der Name des Veranstalters, den das „Gruenspan“ samt Link an Tanja Grafert schickte, war nicht der, über den sie gebucht hatte. Und bei Reservix, wo Tanja Grafert gekauft hatte, erhielt sie eine Abfuhr.

„Mir wurde telefonisch angeboten, ich könne mit Leano stattdessen zu dem HE/RO-Konzert in Dortmund fahren. Aber ich fahre doch nicht mit Kind und Rollstuhl quer durch Deutschland! Und dann kämen ja auch noch die Kosten für Bahn und Hotelübernachtung dazu“, sagt Tanja Grafert. Alternativ erklärte Reservix, sie könne das Ticket stornieren – zu Stornogebühren von 20 Prozent.

Rollstuhlfahrer-Ticket für das HE/RO-Konzert
HE/RO-Konzert im „Gruenspan“: Der Veranstalter hatte Tanja Grafert ein Ticket für „Rollstuhlfahrer“ plus Begleitperson verkauft – obwohl der Musikclub gar nicht barrierefrei ist.

Tanja Grafert findet das unmöglich. Schließlich könne sie ja nichts dafür, dass die zugesagte Barrierefreiheit nun nicht mehr gewährleistet wird. Auch der FC Braun-weiße-Vielfalt, offizieller Fanclub von und für Menschen mit Behinderungen beim FC St. Pauli, hat sich in der Sache eingeschaltet.

„Bittere Lektion in Sachen Ausgrenzung“: FC St. Pauli Fanclub kritisiert Profitgier des Veranstalters

„Was derzeit dem 13-jährigen Leano und seiner Mutter Tanja widerfährt, markiert einen traurigen Tiefpunkt im Umgang mit Inklusion in unserer Stadt“, erklärte die Vorsitzende Catharina Trost. Die Familie erlebe eine „bittere Lektion in Sachen Ausgrenzung“.

„Der Veranstalter verkaufte dieses Ticket offiziell, wohlwissend, dass die Barrierefreiheit am Standort nach wie vor nicht gegeben ist“, kritisiert Trost. Und: „Es ist unerträglich, dass im Jahr 2026 Inklusion an der Unflexibilität und Profitgier von Veranstaltern scheitert.“

Das könnte Sie auch interessieren: Krebs-Patientin erhebt Vorwürfe gegen das UKE: „Man sah mir beim Sterben zu“

Auf Anfrage der MOPO ließ Reservix erklären: „Zu konkreten Einzelfällen oder internen Abläufen können und werden wir uns grundsätzlich nicht äußern“, so ein Sprecher. „Wir haben jedoch Verständnis für die geschilderte Situation und bedauern sehr, dass der Konzertbesuch unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist. Unabhängig davon prüfen wir Anliegen dieser Art stets sorgfältig und im Rahmen der geltenden Bedingungen, um faire und verantwortungsvolle Lösungen für alle Beteiligten zu finden.“

Bitter: Es ist schon der zweite Versuch von Tanja Grafert, gemeinsam mit ihrem Sohn ein HE/RO-Konzert im „Gruenspan“ zu besuchen. Auch damals hatte sie Leano den Ausflug und das Ticket geschenkt und erst im Anschluss von der fehlenden Barrierefreiheit des Kiez-Clubs erfahren. „Schon da konnte ich das Ticket nicht zurückgeben und musste es verkaufen.“ Nun scheitert der Konzertbesuch zum zweiten Mal. Die Mutter: „Leano ist tieftraurig und am Boden zerstört.“