Abgezockt und ausgenutzt: „So geriet ich in die Fänge von Sylvaina G.“

Samuel O.
Der 34-jährige Ghanaer Samuel O. erhebt schwere Vorwürfe gegen die IMIC-Präsidentin Sylvaina G. (63), die als rechtliche Betreuerin für ihn tätig war. Er hat sie angezeigt wegen Untreue: Sie habe ihm Teile seiner Sozialhilfe einfach vorenthalten.

Viele, die in Hamburg in der Migranten- und Flüchtlingsszene unterwegs sind, kennen Sylvaina G. Gerade in der Politik genießt die Präsidentin des „Interkulturellen Migranten-Integrations-Centers“ (IMIC) hohes Ansehen – bis vor Kurzem gehörte sie sogar dem Integrationsbeirat des Bezirks Wandsbek an. Daher schlug die Nachricht, dass der 62-Jährigen Untreue und versuchter Betrug vorgeworfen werden, wie eine Bombe ein. Während Sylvaina G. weiter ihre Unschuld beteuert, erhebt der Ghanaer Samuel O. schwere Vorwürfe gegen die Frau, die jahrelang seine rechtliche Betreuerin war.

„Sie hat mich ausgenutzt, mir mein Geld vorenthalten, hat mich in ihrem Verein arbeiten lassen, ohne mich zu bezahlen“, so der 33-Jährige. „Sie hat mich jahrelang über den Tisch gezogen.“

Samuel O. holt weit aus, erzählt, wie und warum er 2017 die Flucht aus Ghana ergriff. Seine Hoffnung: Er könnte endlich das Dasein als Hilfsarbeiter hinter sich lassen, in Europa eine Ausbildung machen, einen guten Job ergreifen und ein menschenwürdiges Leben führen.

IMIC
Verleihung des Integrationspreises von DFB und Mercedes-Benz 2010: Sylvaina G. posierte gemeinsam mit Ex-Fußballprofi Oliver Bierhoff für den Fotografen.

Rebellen und Gangster, die Flüchtlinge vergewaltigen, ausrauben, ermorden

Samuel O. bezahlte viel Geld an Schlepper, damit sie ihn von Niger aus mit einem Pick-up durch die Wüste bis zur libyschen Grenze bringen. Er hat furchtbare Dinge erlebt unterwegs, erzählt von Rebellen und Gangstern, die Flüchtlinge vergewaltigen, ausrauben, ermorden. Sein bester Freund sei erschossen worden.

Ab der libyschen Grenze war Samuel O. auf sich alleine gestellt. Er schuftete für Hungerlöhne auf libyschen Baustellen, um sich das Geld für die Überfahrt übers Mittelmeer zu verdienen. Weil er mehrfach ausgeraubt wurde, dauerte es neun Monate, bis die Summe endlich zusammen war: In einem völlig überfüllten Kahn kam er im Sommer 2017 in europäischen Hoheitsgewässern an.

In Italien lebte er zunächst in einem Camp. Er büxte nach einigen Monaten aus, setzte sich in einen Zug nach Deutschland, blieb wie durch ein Wunder unentdeckt und kam in Hamburg an, wo er andere Schwarze ansprach und sich erkundigte, von wem er Hilfe bekommen könne. So geriet er an Sylvaina G.

Samuel O. sagt: „Sylvaina G. hat Teile meiner Sozialhilfe veruntreut“

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Sylvaina G.: Begegnung mit der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Diese Aufnahme entstand am 3. Januar 2011 in Schloss Bellevue.

Anfangs habe er geglaubt, die IMIC-Chefin meine es gut mit ihm. Sie habe sich vom Gericht als rechtliche Betreuerin einsetzen lassen. Sie habe ein Konto für ihn eröffnet, er habe nie selbst Geld abgehoben und auch nie Auszüge gesehen. Allein Sylvaina G. habe über eine Bankkarte verfügt.

Monatlich habe sie ihm 120 Euro bar in die Hand gedrückt. Dass dies nur ein Bruchteil der ihm zustehenden Sozialhilfe war, das habe er nicht gewusst. Sozialhilfebescheide habe er nie zu Gesicht bekommen. Er hätte sie auch nicht verstanden.

MOPO-Recherchen ergeben, dass Samuel O. unter einer Adresse in Wellingsbüttel gemeldet war – an derselben Anschrift ist übrigens auch Sylvaina G. gemeldet. Von Mai 2022 und Mai 2023 wurde die Miete für Samuel O.s Unterkunft vom Jobcenter gezahlt. Der Haken daran: Samuel O. sagt, er habe dort nie gewohnt. Bis November 2022 habe er die Nächte in den Vereinsräumen von Sylvaina G.s Verein IMIC in Wandsbek verbracht und später in einer Ein-Zimmer-Wohnung an der Bramfelder Chaussee.

Es ist Samuel O. anzumerken: Es ärgert ihn furchtbar, wie Sylvaina ihn jahrelang behandelt habe. Ihm sei ja nicht nur die Sozialhilfe vorenthalten worden. Obendrein habe Sylvaina G. ihn im IMIC-Vereinsbüro auch noch all die Zeit arbeiten lassen, ohne jede Bezahlung.

Samuel O. hat inzwischen einen anderen Betreuer und erstattete Strafanzeige

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Er ist der neue rechtliche Betreuer von Samuel O. und hat seinen Mandanten bei der Strafanzeige gegen Sylvaina G. unterstützt: der Berufsbetreuer Samer El Badawi aus St. Pauli.

Als ihm aufgegangen sei, was gespielt wird, habe er dafür gesorgt, dass er nicht länger von Sylvaina G. betreut wird. Daraufhin habe sie ihn aus der Ein-Zimmer-Wohnung geworfen, in der er wohnte. Er habe nicht mal mehr seine Medikamente an sich nehmen dürfen – dabei sei er schwer krank. Als Folge der Fluchterfahrung leidet er an einer posttraumatischen Belastungsstörung, seine Nieren arbeiten nicht und er muss regelmäßig zur Dialyse.

Inzwischen hat Samuel O. einen neuen Betreuer: Samer El Badawi aus St. Pauli. Als der die Rechnungslegung seiner Vorgängerin überprüfte, stieß er nach eigenen Angaben auf jede Menge Ungereimtheiten und unterstützte seinen Mandanten dabei, Strafanzeige gegen Sylvaina G. zu erstatten. El Badawi ist überzeugt, dass Sylvaina G. eine hohe Summe Geld veruntreut hat. Ein Ermittlungsverfahren (Aktenzeichen 3321 JS 793/23) läuft.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sylvaina G. vorgeworfen wird, ihr Amt als rechtliche Betreuerin zu missbrauchen und sich am Eigentum ihrer Mandanten zu vergehen. Wie die MOPO vergangene Woche berichtete, gibt es gegen die 62-Jährige bereits seit November 2022 eine Anklage der Staatsanwaltschaft wegen versuchten Betrugs, Untreue und Urkundenfälschung (Aktenzeichen 949 DS 113/22). Zur Gerichtsverhandlung ist es bisher nicht gekommen – wegen Überlastung der Gerichte.

Zum Schluss noch ein pikantes Detail. Es ist nichts, wofür sich Sylvaina G. vor Gericht verantworten müsste. Aber interessant ist es schon. Es geht um eine Auszeichnung, die sie 2013 erhielt. Damals wurde sie zum „Ambassador of Peace – Botschafter des Friedens“ ernannt. Der Haken: Die Verleihung fand in den Räumen der Scientology-Kirche in Hamburg statt. Es handelte sich um eine Crossover-Veranstaltung von Scientology und der Universal Peace Federation (UPF), die zur Moon-Sekte gehört … Die Geschichte wird also immer bizarrer.

In der Scientology-Kirche ließ sich Sylvaina G. 2013 zur Friedensbotschafterin ernennen

Sylvaina G.
2013 ließ sich Sylvaina G. in der Hamburger Scientology-Kirche zur „Friedensbotschafterin“ ernennen – hier ist sie in der Scientology-Kirche zu sehen, rechts am Bildrand eine Büste von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard.

Was sagt Sylvaina G. zu all dem? In einem kurzen Telefonat am vergangenen Wochenende beteuerte sie, sie habe sich nichts vorzuwerfen. Sie helfe Menschen, sie habe noch nie jemanden betrogen. Vielmehr sei sie das Opfer einer Rufmordkampagne. Die IMIC-Präsidentin schlug ein persönliches Gespräch vor und versprach, sie werde sich nach Rückkehr von einer Reise am Montagabend bei der MOPO wegen eines Termins melden – was sie jedoch nicht tat.

Daraufhin bat die MOPO am Dienstag um eine schriftliche Stellungnahme, stellte eine Reihe von Fragen und bat bis Mittwoch, 16 Uhr, um Antworten. Sylvaina G. kündigte an, ihr Anwalt werde sich bei der MOPO melden – was er bis Redaktionsschluss am Donnerstag aber nicht tat. Erst danach – zu spät, um es in der Print-Ausgabe vom Freitag (18. Juli 2024) noch zu berücksichtigen – kam dann eine Mail, allerdings von Sylvaina G. selbst, in der sie alle Vorwürfe weit von sich weist.

Sie behauptet: Samuel O. habe selbst über die Geldkarte für sein Konto verfügt. Sie schreibt weiter: „Er hat selbstverständlich alle Leistungen erhalten. Die Restbeträge waren vorbehalten für seine HVV-Karte usw. Zusätzlich habe ich ihn sogar noch privat unterstützt.“

Sylvaina G. weist alle Vorwürfe von sich: „Ich habe Samuel O. sogar noch privat unterstützt“

Zur Frage der Meldeadresse sagte Sylvaina G.: „Ja, Herr Owusu war zunächst im XXXweg gemeldet, jedoch wollte er aufgrund seines Gesundheitszustands nicht zur Untermiete wohnen, und ich habe ihm daraufhin eine eigene Wohnung gemietet. Diese Wohnung hat insgesamt etwa 800 Euro gekostet. Das Jobcenter hat ca. 420 Euro übernommen. Die Differenz habe ich selbst privat bezahlt. Das Geld habe ich natürlich nie zurückerhalten.“ Sylvaina G. weiter: „Herr Owusu hat niemals bei IMIC übernachtet, da er eine eigene Wohnung hatte.“ Er habe auch nie für den Verein IMIC gearbeitet. Sylvaina G.: „Herr O. war Asylbewerber und durfte in Deutschland nicht arbeiten.“

Sylvaina G., Vorsitzende des Vereins IMIC, war Gast beim Neujahrsempfang in Schloss Bellevue. Bundespräsident Christian Wulff (l.) schüttelte verdienten Bürgern die Hand. Eine Aufnahme vom 3. Januar 2011.
Sylvaina G., Vorsitzende des Vereins IMIC, war Gast beim Neujahrsempfang in Schloss Bellevue. Bundespräsident Christian Wulff (l.) schüttelte verdienten Bürgern die Hand. Eine Aufnahme vom 3. Januar 2011.

Zur Frage, ob sie dafür gesorgt hat, dass Samuel O. 2023 seine Wohnung verliert und dass er so schnell raus musste, dass er nichtmal seine Medikamente mitnehmen konnte, sagt Sylvaina G.: „Der Vorwurf stimmt nicht. Aufgrund der Kosten, die ich selbst getragen hatte, musste er die Wohnung verlassen. Ich habe ihn persönlich zu seiner neuen Unterkunft mit meinem Wagen gefahren und wir haben damals vier Taschen mit seinen Habseligkeiten mitgenommen. Natürlich hatte er immer die Möglichkeit sein Eigentum und seine Medikamente mitzunehmen.“

Und zur Ernennung zur Friedensbotschafterinin der Scientology-Kirche sagt Sylvaina G.: „Ich wurde damals zu einer Buchpräsentation zu dem Thema Migration eingeladen, welche ich wahrnahm. Dass die UPF mit Scientology kooperiert, wusste ich damals überhaupt nicht. Mich hatte das Thema des Buches interessiert, weil wir ein Migrationsverein sind. Ich möchte und werde immer den Frieden unterstützen. Ich bin natürlich kein Mitglied von Scientology und unterstütze auch keine anderen Sekten. Ich gehöre von Geburt an einer christlichen Gemeinde an.“ Soweit Sylvaina G.

Samuel O. bleibt bei seiner Darstellung. Der MOPO liegt eine Eidesstattliche Versicherung des 33-Jährigen vor.