600 Millionen teurer und trotzdem nicht fertig: Luxus-Debakel Überseequartier

Neues Überseequartier
Das Überseequartier in der HafenCity: 170 Geschäfte, 8000 Arbeitsplätze, 40 Gastro-Betriebe, drei Hotels und 520 Wohnungen entstehen hier.

Es ist ein Projekt der Superlative, in bester Lage an der Elbe, mit eigenem U-Bahn-Anschluss und Kreuzfahrtterminal: 8000 Arbeitsplätze, 520 Wohnungen, 170 Geschäfte, 40 Restaurants, drei Hotels, Kino, Kultur – das südliche Überseequartier soll das Herz der HafenCity werden, Touristen aus nah und fern anziehen. Eigentlich sollten schon längst dekorierte Schaufenster und kauffreudige Kunden das Bild prägen – stattdessen wird das riesige Gelände weiter von Bauarbeitern bevölkert. Auch den dritten Eröffnungstermin in diesem Jahr muss der Bauherr Unibail-Rodamco-Westfield (URW) verschieben. Das kostet – und zwar nicht wenig.

Mittwoch, 12 Uhr, im Überseequartier: Pünktlich zur Mittagspause strömen Tausende Bauarbeiter von der Baustelle, um sich belegte Brötchen vom Bäcker oder Supermarkt zu holen. „Nee, im Oktober wird das auf jeden Fall nicht fertig“, sagt einer und zuckt mit den Schultern. Er habe von März oder April nächsten Jahres gehört. „Hoffentlich“, schiebt er hinterher.

Eröffnungstermin am 17. Oktober ist abgesagt

Tatsächlich bestätigte URW am Donnerstag offiziell, dass der für den 17. Oktober geplante Eröffnungstermin wieder platzt. Stattdessen peile man das „späte erste Quartal 2025“ an. Als Gründe für die erneute Verzögerung nennt das Unternehmen etwas umständlich „Brandschutz- und sicherheitstechnische Anlagen sowie andere Systeme der technischen Gebäudeausrüstung“.

„Natürlich ist das erst mal frustrierend“, sagt einer der betroffenen Mieter, Axel Strehlitz, zur MOPO. Der bekannte Gastronom betreibt unter anderem das Klubhaus auf St. Pauli und wird in dem XXL-Einkaufscenter „Lolas Bistro“ eröffnen. „Wir haben ja Kredite aufgenommen und Personal eingestellt.“

Das Problem haben viele Mieter: Sie haben seit April, dem ursprünglich geplanten Eröffnungstermin, komplette Teams eingestellt, die seit Monaten Däumchen drehen. „Ich hoffe, dass sich URW kooperativ bei der Kompensation des für uns entstandenen Schadens zeigt“, sagt Strehlitz.

Gesamtkosten auf 2,16 Milliarden Euro gestiegen

Der Schaden ist auch so enorm: Aus dem Halbjahresbericht von URW geht hervor, dass die Gesamtkosten für das Westfield-Überseequartier wegen der Verschiebung der Eröffnung auf Mitte Oktober um 520 Millionen Euro auf 2,16 Milliarden Euro gestiegen sind. Jeder Tag Verzögerung kostet damit umgerechnet 2,8 Millionen Euro! Die am Donnerstag verkündete erneute Verschiebung auf 2025 soll dafür „nur“ 100 Millionen Euro extra kosten.

Überseequartier
Die beiden markanten Bürotürme an der Elbseite des Überseequartiers in der HafenCity.

Um die finanziellen Auswirkungen abzumildern, verschiebt URW bereits Investitionspläne – und ist offenbar dabei, Standorte zu verkaufen. Das Unternehmen mit Sitz in Paris betreibt weltweit 92 Shoppingcenter, acht davon in Deutschland. Am Mittwoch wurde bekannt, dass URW die „Pasing Arcaden“ in München an die Ikea-Tochter „Ingka Centres“ verkauft, im US-Bundesstaat Maryland wird zudem „Westfield Annapolis“ veräußert.

Doppelt so viel Einzelhandel wie ursprünglich geplant

Ein Selbstläufer war das Überseequartier auch zuvor nie: Während der nördliche Teil 2010 größtenteils fertig war, ruhten die Bauarbeiten im südlichen Teil seit 2011. Die Finanzkrise hatte für große finanzielle Probleme bei den damaligen Bankpartnern gesorgt. Übrig blieb nur eine mit Wasser vollgelaufene Baugrube. 2014 verkündete der damalige Hamburger Bürgermeister und heutige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) dann URW als neuen Investor – er hatte dem Unternehmen kurzerhand doppelt so viel Einzelhandelsfläche zugestanden wie ursprünglich geplant. Dazu kamen Wohnungen, Büros, Hotels und ein Kreuzfahrtterminal. „Hier entsteht ein Quartier, auf das die Hamburger einmal sehr stolz sein werden“, sagte Scholz damals – manch einer dürfte da an den Elbtower nur etwas weiter östlich denken …

Olaf Scholz mit Bauhelm
Da war man noch optimistisch: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) am 4. April 2017 beim ersten Spatenstich für das südliche Überseequartier in der HafenCity

Stattdessen machte die Baustelle zuletzt vor allem wegen angeblicher Sicherheitsmängel Schlagzeilen. Der „Spiegel“ berichtete von fehlenden Evakuierungs-, Brandschutz- und Blitzschutzkonzepten. Bei Starkregen könne Wasser durchs Dach ins Gebäude gelangen und auch von unten Grundwasser eintreten.

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Ein Insider berichtete der MOPO zudem zuletzt von „chaotischen Zuständen“ auf der Baustelle: Weil zum Beispiel Elektroarbeiten an gleich mehrere Firmen vergeben würden, wisse die eine Firma nicht, was die andere tue. Die Installation der Haus- und Anlagentechnik gehe daher nur schleppend voran. Die Baustelle wirke zudem wie ein „rechtsfreier Raum“: Alles, was nicht „niet- und nagelfest“ sei, werde geklaut. Die Sicherheit für die Bauarbeiter habe sich seit dem tödlichen Unfall im Oktober 2023 ebenfalls kaum verbessert. Damals war ein Gerüst im Inneren eines Fahrstuhlschachts zusammengekracht. Fünf albanische Bauarbeiter starben, sie sollen als Schwarzarbeiter beschäftigt gewesen sein.