20-Grad-Peitsche für Hamburg: Warum das Winter-Wunder jetzt ganz schnell wegschmilzt
Klirrende Kälte, Schneemassen und Tausalz zwischen den Schuhprofilen: Hamburg ist seit Wochen weiß – der vergangene Januar galt als kältester seit dem Jahr 2010. War es das jetzt endgültig mit dem Schnee und den Minusgraden für diesen Winter? Und wieso werden wir dieses Wochenende einen Temperaturanstieg um 20 Grad innerhalb zwei Tagen erleben? Wir haben den Wetterexperten Frank Böttcher gefragt.
MOPO: Herr Böttcher, wir werden an diesem Wochenende einen extremen Temperatursprung erleben. Wie lässt sich dieser plötzliche Wechsel von zweistelligen Minusgraden zu milden Pluswerten innerhalb von nur 48 Stunden erklären?
Frank Böttcher: Wir hatten eine lange Phase mit sehr kalten Luftmassen aus Nordosteuropa. Jetzt findet eine komplette Winddrehung auf Südwest statt, welche die Kaltluft Richtung Osteuropa wegdrückt. Dabei entsteht eine scharfe Grenze zwischen Luftmassen. Während wir in der Nacht zum Freitag noch bis zu minus zehn Grad im Hamburger Raum haben, bringt uns der Südwestwind am Sonntag bereits zehn Grad. Das ist ein Temperaturunterschied von 20 Grad innerhalb von zwei Tagen, der uns direkt ins Tauwetter führt. Zusammen mit dem angekündigten Regen wird der Schnee Anfang der Woche sehr schnell aus Hamburg verschwunden sein.
„Ein ganz kleines bisschen Frühlingsluft“
Bleibt uns das milde Wetter nun erst einmal erhalten oder müssen wir mit einer schnellen Rückkehr der Kälte rechnen?
Es handelt sich um eine komplette Umstellung der Großwetterlage. Der sogenannte Jetstream – eine starke Windströmung in großer Höhe – lag bisher südlich von uns, verlagert sich nun aber in den Norden. Solange diese Strömung nördlich von uns liegt, bleibt die milde Luft bei uns. Für die gesamte kommende Woche erwarte ich Temperaturen zwischen acht und zehn Grad mit viel Regen. Es wird deutlich weniger winterlich, zwischendurch weht sogar ein ganz kleines bisschen Frühlingsluft durch die Stadt.

Viele Hamburger haben den aktuellen Wintereinbruch als sehr hart empfunden. Ist so ein Winter heutzutage noch ein Normalfall oder bereits eine Seltenheit?
Statistisch gesehen haben wir so einen Winter etwa alle 15 Jahre mal. Sie werden durch den Klimawandel deutlich seltener, treten aber immer noch auf. Im Vergleich zum alten Klimareferenzzeitraum (1961–1990) ist dieser Winter bisher sogar etwas zu mild. Er wirkt nur so untypisch, weil wir in den vergangenen 30 Jahren kaum noch solche winterlichen Ereignisse in Norddeutschland hatten.
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„Ohne Klimawandel wäre der Winter deutlich kälter ausgefallen“
Wie passt diese Kälteperiode mit der globalen Erwärmung zusammen? Hätte es diesen Winter ohne den Klimawandel überhaupt so gegeben ?
Der Klimawandel ist bei jeder Wetterlage als „Hintergrundrauschen“ dabei. Ohne ihn wäre dieser Winter sogar deutlich kälter ausgefallen, mit stärkeren Nachtfrösten und möglicherweise noch intensiveren Schneefällen. Wir beobachten in der Statistik zwar immer seltener extrem kalte Tage, dafür aber eine Zunahme der Tage über 30 Grad.
Können Sie konkret beziffern, was der Klimawandel für die aktuellen Temperaturen in Hamburg bedeutet?
Ohne die globale Erderwärmung wären die mittleren Temperaturen in diesem Winter in Hamburg wohl um ein bis zwei Grad niedriger gewesen. In der Spitze macht das viel aus: Bei den Nachttemperaturen hätten wir durchaus minus 15 Grad statt der gemessenen minus acht Grad erreichen können.
Herr Böttcher, nach dem Schnee sehnen sich viele nun nach der Sonne. Gibt es schon eine erste Prognose für den Hamburger Sommer?
Einige machen das, aber wer jetzt schon seriöse Vorhersagen für den Sommer macht, wäre wahnsinnig. Man kann zum jetzigen Zeitpunkt schlicht noch gar nichts sagen. Erst wenn das Frühjahr weit fortgeschritten ist, gibt es Indikatoren: Ein sehr trockenes Frühjahr würde beispielsweise die Wahrscheinlichkeit für einen heißen Sommer erhöhen.
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