Hamburg

1610 von ihnen sind gewaltbereit: So groß ist Hamburgs Islamisten-Szene

Februar 2022 auf dem Jungfernstieg: Mitglieder der inzwischen verbotenen Gruppe „Muslim Interaktiv“ haben sich Häftlingskleidung übergezogen, protestieren so gegen die Unterdrückung der muslimischen Uiguren durch den chinesischen Staat.

Die Szene ist klein: Nur acht von 1000 in Hamburg lebenden Muslimen gehören dazu. Dennoch ist sie sicherheitsrelevant, weil ihre Anhänger Demokratie und Rechtsstaat ablehnen und bekämpfen.

Von den rund 240.000 Muslimen in Hamburg werden etwa 0,8 Prozent der islamistischen Szene zugerechnet. Die Szene ist damit zahlenmäßig klein, gilt aber als sicherheitsrelevant: Ihre Anhänger lehnen zentrale Prinzipien von Demokratie und Rechtsstaat ab und wollen Gesellschaft und Politik nach ihren religiösen Vorstellungen verändern.

Insgesamt rechnet der Hamburger Verfassungsschutz 1925 Menschen dem islamistischen Spektrum zu – 25 mehr als im Vorjahr. 1610 von ihnen gelten als „gewaltorientiert“. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie selbst Gewalttaten verüben oder Anschläge planen. Der Begriff umfasst auch Personen und Gruppierungen, die Gewalt befürworten, unterstützen oder als Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele nicht ausschließen.

Die islamistische Szene in Hamburg setzt sich aus unterschiedlichen Strömungen und Organisationen zusammen:

„Muslim Interaktiv“ agierte im Internet, hat es aber auch geschafft, in Hamburg Hunderte Anhänger für ihre Demos zu mobilisieren.

Salafismus: Salafisten folgen einer besonders strengen Auslegung des sunnitischen Islam. Sie wollen eine Ordnung, in der ausschließlich Regeln gelten, die sie als von Gott gegeben betrachten. Demokratie und vom Menschen beschlossene Gesetze lehnen sie ab. Der Verfassungsschutz zählt in Hamburg 450 Salafisten. 221 gehören zur jihadistischen Strömung, die Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele befürwortet. Viele orientieren sich nach Einschätzung der Behörde am sogenannten Islamischen Staat. Dessen Propaganda erreicht vor allem junge Menschen über Kurzvideos, Chatgruppen sowie Plattformen wie TikTok, Instagram und Telegram. Zur Szene gehört auch Dawah Hamburg, ein salafistisches Missionsnetzwerk, das über soziale Medien für Predigten, Seminare und Treffen wirbt.

Hizb ut-Tahrir: Die 1953 gegründete internationale Organisation lehnt Demokratie und Nationalstaaten ab. Ihr Ziel ist ein grenzübergreifendes Kalifat, das nach Koran, Sunna und Scharia regiert wird. Obwohl die Betätigung der HuT in Deutschland seit 2003 verboten ist, rechnet ihr der Hamburger Verfassungsschutz 490 Anhänger zu – 40 mehr als im Vorjahr. Neue Anhänger gewinnt die Organisation häufig über persönliche Kontakte, politische Diskussionsrunden, Sportangebote oder private Schulungen.

Muslim Interaktiv: Das bekannteste HuT-nahe Projekt entstand in Hamburg und richtete sich mit professionell produzierten Videos gezielt an ein junges Publikum. Die Gruppe stellte Deutschland als muslimfeindliche „Wertediktatur“ dar und verbreitete die Forderung nach einem Kalifat. Das Bundesinnenministerium verbot Muslim Interaktiv im November 2025. Nach Auffassung des Ministeriums richteten sich Zweck und Tätigkeit der Vereinigung gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung.

Islamistischer Influencer und selbsternannter Prediger: Raheem Boateng (26) aus Neuallermöhe, das Gesicht der inzwischen verbotenen Gruppe „Muslim Interaktiv“. Die beiden Männer rechts und links halten Zeitungen in die Höhe mit dem Abdruck blutverschmierter Hände.

Furkan-Bewegung: Die aus der Türkei stammende Organisation will eine „islamische Zivilisation“ ohne Trennung von Staat und Religion errichten. In Hamburg werden ihr 265 Anhänger zugerechnet. Die Bewegung bietet Korankurse, Schulungen und Freizeitaktivitäten für Kinder, Jugendliche und Studierende an. Auf diese Weise versucht die Bewegung, junge Menschen frühzeitig an ihre religiös-politischen Vorstellungen zu binden.

Hizb Allah: Der schiitisch-islamistischen Organisation aus dem Libanon werden in Hamburg rund 60 Anhänger zugerechnet. Die Hizb Allah verfügt über politische, soziale und militärische Strukturen und führt ihren Kampf gegen Israel auch mit terroristischen Mitteln. Ihre Betätigung ist in Deutschland seit 2020 verboten.

Der Aufdruck auf diesem Hoodie zeigt, was „Muslim Interaktiv“ will: ein Kalifat, in dem die Scharia, das Gottesrecht, gilt.

Muslimbruderschaft: Rund 60 Menschen ordnet der Verfassungsschutz in Hamburg dieser Bewegung zu. Die 1928 in Ägypten gegründete Organisation setzt nicht auf einen schnellen gewaltsamen Umsturz. Nach Einschätzung der Behörde versucht sie vielmehr, hinter einem moderaten Auftreten über Sozialarbeit, Jugendangebote und Bildung langfristig Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu gewinnen. Hamburgs Verfassungsschutzchef Torsten Voß spricht deshalb von Islamisten „auf leisen Sohlen“. Ziel sei eine Ordnung, in der Recht und Politik an die Scharia gebunden sind.

Die Zahlen der einzelnen Strömungen lassen sich nicht einfach addieren, weil es Überschneidungen zwischen den Milieus geben kann. Auch die Zahl der „gewaltorientierten“ Islamisten ist nicht mit der deutlich kleineren Zahl polizeilicher Gefährder gleichzusetzen. Als Gefährder gelten nur Personen, denen die Polizei konkrete schwere politisch motivierte Straftaten bis hin zu Terroranschlägen zutraut.

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