15-Jähriger sticht auf 13-Jährigen ein: Warum Kinder zu Gewalttätern werden

Messerstecherei Flottbek
Vor der Stadtteilschule Flottbek: Mitarbeiter der Kriminaltechnik untersuchen den Tatort nach einem Messerangriff vor der Stadtteilschule Flottbek. Ein 15-Jähriger hat dort kurz zuvor einen 13-jährigen Mitschüler mit einem Messer lebensgefährlich verletzt.

Es ist ein Fall, der einfach nur sprachlos macht. Tatort Stadtteilschule Flottbek, es ist der 30. März. Gegen 13.51 Uhr kommt es vor dem Schulgelände an der Ecke Osdorfer Weg/Ohlenkamp zunächst zu einer Prügelei zwischen einem 13-jährigen Schüler und einem älteren Jugendlichen (15). Auslöser sollen schlimme Beleidigungen gewesen sein. Die beiden schlagen aufeinander ein, um sie herum stehen Jugendliche und sehen zu. Keiner greift ein.

Dann eskaliert die Situation vollends. Plötzlich soll der Ältere, Omar A., ein Messer in der Hand gehabt und damit auf seinen Kontrahenten eingestochen haben. Der 15-Jährige flüchtet, sein Opfer bleibt blutend liegen. Als die Retter eintreffen, bietet sich ihnen ein furchtbares Bild: Die Klinge soll Herz und Leber des 13-Jährigen getroffen haben. Dass der Junge überlebt, grenzt an ein Wunder.

Jugendgewalt in Hamburg: 1998 wurde Willi Dabelstein von einem 16-Jährigen getötet

Gewalt unter Kindern und Jugendlichen ist in Hamburg kein neues Thema. Schon Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre beherrscht sie die Debatte in der Stadt. Fast jeder erinnert sich noch an den Mord an Willi Dabelstein. Am 29. Juni 1998 überfallen zwei 16-Jährige den 73-jährigen Lebensmittelhändler in seinem Laden in Tonndorf. Während der eine die Kasse plündert, sticht der andere mit einem Messer auf den alten Mann ein. Die Tat wird zum Fanal.

Willi Dabelstein
Der Mord an Willi Dabelstein machte 1998 Schlagzeilen. Zwei 16-Jährige hatten den Lebensmittelhändler in seinem Laden in Tonndorf überfallen und erstochen.

Nach dem Mord an Dabelstein und vielen ähnlich gelagerten Taten unternimmt Hamburg große Anstrengungen, um der Kinder- und Jugendgewalt Herr zu werden. Die Stadt baut ihre Strategien Schritt für Schritt aus, später gebündelt im Senatskonzept „Handeln gegen Jugendgewalt“. „Dabei spielt auch der polizeiliche Jugendschutz eine wichtige Rolle“, sagt Polizeisprecherin Nadia Papist. „Er setzt auf einen zielgerichteten und offenen Dialog zwischen den Jugendlichen und der Polizei. Das Konzept versteht sich dabei als moderne Straßensozialarbeit, wobei Prävention an erster Stelle steht.“

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Doch nun, mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Dabelstein-Mord, registrieren Fachleute eine alarmierende Trendumkehr. Die Zahl der Gewaltdelikte, die von Kindern und Jugendlichen begangen werden, steigt wieder. Auffallend ist: Die Täter werden immer jünger. Von 2023 auf 2024 stieg die Zahl der tatverdächtigen Gewalttäter unter 21 Jahren von 2154 auf 2245, ein Plus von 4,2 Prozent. Noch heftiger fällt der Zuwachs bei den Kindern unter 14 aus. Hier kletterte die Zahl der Verdächtigen von 585 auf 681 – also um 16,4 Prozent. Verglichen mit der Lage vor zehn Jahren ist die Zahl der Kinder, die einer Gewalttat verdächtigt werden, sogar um 52,7 Prozent gestiegen: von 446 auf 681.

Das Deutsche Jugendinstitut mahnt allerdings zur Vorsicht. „Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt nur das Hellfeld, also das, was angezeigt und registriert wird. Steigende Zahlen bedeuten deshalb nicht automatisch, dass Kinder- und Jugendgewalt plötzlich explodiert.“ Der Anstieg könne auch damit zusammenhängen, dass genauer hingeschaut und häufiger angezeigt wird. Auch die Hamburger Polizei mahnt zur Nüchternheit und weist darauf hin, dass 97,6 Prozent der Hamburger unter 21 Jahren 2024 eben nicht kriminalpolizeilich in Erscheinung getreten seien.

Ein Jugendlicher erzählt, wie er gewalttätig wurde

Was treibt Kinder und Jugendliche dazu, Gewalt auszuüben? Wir treffen Jonathan. Er ist 18 und macht inzwischen eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Aber lange Zeit hat es nicht so ausgesehen, als würde er einmal ein geordnetes Leben führen. Mit 14 zieht er andere Jugendliche ab, klaut Handys, schlägt zu. „Damals fand ich das cool. Heute weiß ich, wie erbärmlich das war.“

Grafik Gewalt an Hamburgs Schulen
Gewalttaten an Hamburgs Schulen in den vergangenen Jahren. Im Schuljahr 2024/25 kam es zu 208 Gewalttaten. Bei 260.000 Schülern bedeutet das: auf je 10.000 Schüler kamen acht Fälle. Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde: „An den Schulen kommen täglich rund 300.000 Menschen über viele Stunden und auf engem Raum zusammen, da lassen sich Konflikte nicht ausschließen.“

Warum er das alles gemacht hat? Zu Hause gab es jeden Tag Stress, Geschrei. Manchmal verprügelte der Vater die Mutter. „Und dann kam Corona, und alles war noch schlimmer. Ich hing nur noch am Handy. Im Internet habe ich die ganze Zeit Videos gesehen, in denen es nur darum ging, hart zu sein, Respekt zu kriegen und sich nichts gefallen zu lassen. Irgendwann glaubst du so einen Mist. Und dann triffst du Jungs, die genauso drauf sind. Bei denen habe ich mich zum ersten Mal nicht klein gefühlt. Ich wollte dazugehören. Also habe ich gemacht, was die gemacht haben. So einfach und so dumm war das.“

Jonathans Geschichte ist nur ein Fall. Aber sie zeigt, wie schnell Gewalt, Überforderung, Gruppendruck und Perspektivlosigkeit ineinandergreifen.

Dr. Christian Böhm
Dr. Christian Böhm ist Psychologe und leitet seit 2001 die Abteilung Gewaltprävention der Schulbehörde.

Zum Schluss noch einmal zurück nach Groß Flottbek, dorthin, wo ein 13-jähriger Schüler der Stadtteilschule von einem 15-jährigen Jugendlichen niedergestochen wurde. Wie reagiert die Schulbehörde in einem solchen Fall?

Die MOPO-Reporter treffen Dr. Christian Böhm, der seit 2001 die Beratungsstelle Gewaltprävention der Schulbehörde leitet. Er spricht von einem „ganz schrecklichen Ereignis“, das an Hamburgs Schulen nur sehr selten vorkomme. „Natürlich machen wir uns Sorgen, wenn Messer oder andere gefährliche Gegenstände zum Einsatz kommen. Im abgelaufenen Schuljahr hatten wir aber lediglich einen einzigen Messereinsatz. Und jetzt diesen neuen Fall.“

Jeder Hamburger Schulleiter kenne die Notfallnummer der Gewaltprävention, sagt Böhm. Sofort nach der Tat am 30. März sei ein Mitarbeiter aus seinem Team nach Flottbek geeilt, um die ersten Maßnahmen zu planen. Schon ab dem nächsten Tag seien dort ständig acht bis zehn Unterstützungsfachkräfte im Einsatz gewesen. In einem solchen Fall gebe es viel zu tun: „Unsere Mitarbeiter gehen in die Klassen, sprechen mit den Eltern, suchen die Familie des Opfers und des Täters auf.“

Psychologe Christian Böhm: „Welt der Kinder ist unsicherer geworden“

Auch Böhm hält den bundesweiten Anstieg der Kinder- und Jugendgewalt seit 2021 für eine Spätfolge der Corona-Pandemie. Soziale Kompetenzen, die sonst im Schulalltag und in der Gemeinschaft eingeübt worden wären, hätten sich in dieser Zeit nicht so gut entwickeln können. Das erkläre allerdings nicht alles. Kinder, die zu Hause Gewalt erleben, würden häufig selbst zu Tätern. Und auch die vielen Krisen der Welt blieben nicht ohne Wirkung. „Die Welt der Kinder ist unsicherer geworden.“