140 Jahre – und dann Schluss? Hamburgs stille Firmenkrise
Fast 140 Jahre Handwerk, jetzt droht das Aus: Etui-Macher Andreas Ludwig kämpft um die Zukunft seiner Firma. Und fast 25.000 Betriebe in Hamburg haben womöglich bald ein ähnliches Problem.
Es riecht nach Holz, Leim und Leder. In einer Werkstatt in Hamm steht Andreas Ludwig zwischen Werkzeug und Materialrollen und fertigt Etuis: für Schmuck, Besteck, feine Einzelstücke. Handarbeit. Der 58-Jährige führt die Etui-Manufaktur Erich Ludwig in vierter Generation. Den Betrieb gibt es schon seit fast 140 Jahren. Noch.
Denn Ludwig sucht händeringend einen Nachfolger.
Hamburg: So schlägt die Nachfolgelücke zu
Und damit ist er nicht allein. In Hamburg sind Inhaber von rund 24.500 Betrieben 57 Jahre oder älter. Wollen sie, dass der Betrieb nach ihrem Ausscheiden weiterhin besteht, müssen sie die Nachfolge in den nächsten Jahren klären. Dass das schwer werden kann, ist vielen noch nicht klar.
Die Gesellschaft altert, es kommen weniger junge Menschen nach. Neben dem Fachkräftemangel gibt es noch ein weiteres Schlagwort: Nachfolgelücke. Zudem übernehmen Kinder seltener das Geschäft der Eltern. „Sie wollen häufig nicht mehr Tag und Nacht arbeiten oder haben andere berufliche Qualifikationen“, sagt Ayhan Saka. Er ist Teamleiter bei der Unternehmenswerkstatt der Handelskammer. Die Kammern von Handel und Handwerk bieten spezielle Beratungen zum Thema an.
Saka erlebt, dass viele Inhaber zu spät anfangen. „Übergaben sind ein längerer Prozess“, sagt er. Selbst im allerbesten Fall dauere es mindestens ein halbes Jahr – manchmal sogar Jahre.
Das merkt auch Ludwig. Der 58-Jährige kümmerte sich schon früh, denn in dem Beruf wird nicht mehr ausgebildet. Ein Nachfolger muss das Handwerk erst lernen. „Wir machen sehr feine Arbeiten, dafür braucht man ein gewisses Geschick“, sagt Ludwig. „Wissen über Holz, Pappe, Leim wäre gut. Jemand aus dem Buchbinde- oder Modellbaubereich oder Tischler.“ Vier Kandidaten gab es schon – doch es scheiterte: zu anspruchsvoll, nicht anspruchsvoll genug, lieber Studium oder Teilzeit. Langsam werde die Suche ernüchternd.
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Dabei dachte Ludwig selbst lange, er werde nie übernehmen. Er studierte Grafikdesign und Psychologie, wollte in die Werbung. Doch nach einem Unfall des Vaters half er aus. Bis er wieder gesund war, hatte sich Ludwig schon in den Beruf verliebt. Er blieb – über 25 Jahre.
Handwerk in Hamburg: Manufaktur behauptete sich durchs 20. Jahrhundert
Seit 1887 hat sich die Manufaktur immer wieder behauptet. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie ausgebombt. Bei der Sturmflut 1962 stand sie am Nikolaifleet bis an die Decke unter Wasser. Firmenkunden halfen mit Holz und Stoffen aus, damit es überhaupt weitergehen konnte. „Die Firma hat sich immer gewandelt und wir müssen uns auch weiter wandeln“, sagt Ludwig. Manche Produkte verschwanden über die Zeit, andere kamen hinzu. Etwa Innenausstattungen für Besteck, Kristall und Porzellan in VIP-Flugzeugen oder -Yachten.
Die schwache Wirtschaftslage gehe auch an der Etui-Manufaktur nicht vorüber, sagt Ludwig. Doch er ist sich sicher, dass sie wirtschaftlich bestehen kann. Die Nachfrage sei da. „Unsere Nische sind kleine Stückzahlen und eine hochwertige Qualität. Diese Kombination bekommen Kunden sonst nicht.“
Nachfolger gesucht: Daran scheitern Nachfolgen besonders oft
Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen sind von der Nachfolgerlücke betroffen. „Gerade bei kleinen Betrieben fehlen häufig die Zeit oder die Unterstützung, sich durch einen langwierigen Übergabeprozess zu kämpfen“, sagt Saka. Hamburg trifft es besonders: Deutlich mehr als 80 Prozent der rund 180.000 von der Handelskammer vertretenen Unternehmen sind Kleinst- und Kleinunternehmen.
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Diese breite Aufstellung ist eine Stärke der Stadt – gerade im Vergleich zu monostrukturellen Regionen. Umso tragischer, wenn spezialisierte Betriebe verloren gehen und außergewöhnliche Produkte oder Dienstleistungen verschwinden.
Woran Übergaben scheitern? Eine Haupthürde sei der Kaufpreis, sagt Saka: Verkäufer und Interessenten lägen bei den Vorstellungen nicht selten deutlich auseinander. Die Seniorunternehmer sähen ihr „Herzblut“ und Investitionen der vergangenen Jahrzehnte – aber ein Unternehmen bewerte sich nach der Ertragskraft.
Manchmal scheitern sie aber auch an Psychologie. Einige Seniorunternehmer suchten jemanden, der nahtlos an die eigene Führung anknüpfe, aber Nachfolger wollten oft eigene Impulse einbringen. Außerdem müsse ein Unternehmen „übergabereif“ sein: Wenn die Entwicklung und Innovationen vernachlässigt wurden, werde es kaum verkaufbar.
Hamburg: „Es geht wahnsinnig viel Wissen verloren”
Gleichzeitig betont die Handelskammer die Vorteile einer Übernahme gegenüber einer Neugründung: Man übernimmt ein etabliertes Konzept, ein Team, eine Struktur. Typische Anfangsrisiken seien geringer, weil man auf bestehenden Strukturen aufbauen könne – und Banken finanzierten bei soliden Bestandszahlen oft leichter als bei einer Gründung. Nachfolger werden staatlich genauso gefördert wie Neugründer, und Übernahmepreise sind verhandelbar. Trotzdem haben viele junge Menschen Übernahmen gar nicht auf dem Zettel. Wer sich selbstständig machen möchte, denkt oft zuerst an eine Neugründung.
„Dass es mit mir zu Ende gehen soll, finde ich sehr schade“, sagt Ludwig. „Es geht wahnsinnig viel Wissen verloren.“ Was er seinem potenziellen Nachfolger wünscht? „Spaß dran“, sagt Ludwig. Dafür bringe der Beruf alles mit: Vielseitige Tätigkeiten und Materialien und interessante Kunden. „Und ich wünsche ihm den Mut, sich in etwas Neues einzuarbeiten. Es lohnt sich.“