Aktuelle Nachrichten aus Hamburg, der Welt, zum HSV und der Welt der Promis.
Abmelden

14.08.1981: Der Tag, an dem der Dom zur Todesfalle wurde

August 1981: Überall liegen Verwundete. Hektik unter den Rettungskräften.

August 1981: Überall liegen Verwundete. Hektik unter den Rettungskräften.

Foto:

Hirschbiegel

Für die Fahrt in den Tod zahlen die Gäste 2,50 Mark. „Skylab“, das Looping-Flugkarussell, steigt höher und höher. Aus dem Lautsprecher tönt der Popsong „Massachusetts“ von den Bee Gees. In den Gondeln: Menschen, die Spaß haben wollen. Paare, die sich küssen, Leute, die schreien – erst vor Begeisterung, dann nur noch vor Schmerz. Metall kracht auf Metall. Es ist der 14. August 1981: Der Hamburger Dom erlebt sein schlimmstes Unglück. Sieben Menschen sterben.

Der Mann, der diese Katastrophe verursacht hat, heißt Norbert Witte, damals 25. Er wird wegen fahrlässiger Tötung zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Der einstige „König der Schausteller“ lebt heute schwer herzkrank auf dem Gelände des früheren DDR-Vergnügungsparks im Ostberliner Plänterwald – in einem Wohnwagen, zwischen verrosteten Karussells und verwitterten Plaste-Dinosauriern. Er blickt auf ein Leben zurück, in dem es so oft auf und ab ging wie bei einer Fahrt mit dem „Katapult“, der bis dahin schnellsten Achterbahn der Welt, die damals die Attraktion ist auf dem Hamburger Dom.

Nachts um eins will Witte die Achterbahn reparieren

In der Nacht, in der sich die Katastrophe ereignet, will Witte einen defekten Motor austauschen. Es ist ein Uhr. Er geht davon aus, dass der Besitzer des „Skylab“ gleich nebenan den Betrieb schon eingestellt hat. Ein folgenschwerer Irrtum. Witte beginnt damit, seinen Teleskopkran auszufahren. Dann geht alles sehr schnell.

Bernd schreit: „Dreh dich nicht um, ich bin verletzt!“

Um 0.50 Uhr soll „Skylab“ die letzte Runde drehen. 30 Menschen steigen ein. Darunter Hedda Ziegelitz, damals 19. Sie erzählt später: „Als die Gondeln hochstiegen, hörte ich plötzlich ein Bersten und Krachen von Metall. Überall stoben die Funken.“ Von hinten schreit Bernd, ihr Freund: „Dreh dich nicht um, ich bin verletzt.“ Dann endlich stoppt das Karussell. Hedda ist geschockt, ihr Freund blutüberströmt.

Beim Zusammenstoß hat der Teleskopkran einige der Gondeln regelrecht aufgerissen: Menschen sind aus großer Höhe auf Metall oder Betonboden gestürzt. Einige der Leichen sind so entstellt, dass es Stunden dauert, sie zu identifizieren. Die Opfer sind zwischen 18 und 21 Jahre alt: Sigrid Christiansen (18) aus Tarup bei Flensburg gehört dazu, eine angehende Kinderkrankenschwester. Gaby Littkewitz (18) wollte eigentlich Apothekenhelferin werden…

Da Wittes Versicherung nicht zahlt, haftet er mit seinem Privatvermögen – und ist pleite. Doch er gibt nicht auf, tingelt mit seinen Fahrgeschäften für einige Jahre durch Italien und Jugoslawien und hat irgendwann die Millionen zusammen, die er braucht, um sich für die Übernahme des einzigen Freizeitparks der DDR zu bewerben. Er träumt davon, aus ihm den schönsten Europas zu machen.

„Flucht!“, titeln die Zeitungen wenig später. Denn 2002 lässt Witte seine Fahrgeschäfte in Container packen und haut ab. 15 Millionen Euro Schulden hinterlässt er angeblich. Das neue Zuhause: Peru! Doch Witte kommt erneut in finanzielle Schwierigkeiten. Um sich daraus zu befreien, lässt er sich mit der Drogenmafia ein. Der Plan: 167 Kilo Kokain über Holland nach Deutschland schmuggeln – versteckt im Stahlmast des „Fliegenden Teppichs“.

2003 wird Norbert Witte in Deutschland, sein Sohn Marcel in Lima verhaftet. Während der Vater mit sieben Jahren davonkommt, werden dem Jungen 20 Jahre aufgebrummt. Er sitzt immer noch in einem peruanischen Gefängnis.

„Ich denke jeden Tag an dieses Unglück“

Der Vater macht unterdessen das, was er immer gemacht hat: Er ist Schausteller. Betreibt eine Schreinerwerkstatt, in der er Jahrmarktsbuden zimmert. Außerdem hat er Würstchenstände und ein Kinderkarussell. Ob er noch manchmal an das Unglück vom August 1981 denkt? „Daran denke ich Tag für Tag“, antwortet er. „Bei allen Pleiten, die ich hingelegt habe – nichts in meinem Leben war so schlimm wie diese Katastrophe.“

nächste Seite Seite 1 von 2