13.000 Euro pro Tier: Im Hamburger Tierheim stapeln sich die „Kampfhunde“

Kampfhund
Hunde wie Staffordshire-Mischling Diva dürfen in Hamburg nicht gehalten werden.

Ein American Bully XL hat im Kreis Vechta seinen Halter beim Gassigehen mit Bissen in den Kopf getötet. Die Attacke löste bundesweit erneut Diskussionen um gefährliche Hunde aus. Auch im Tierheim Süderstraße leben 28 „Listenhunde“, viele ohne Chance auf Vermittlung, da sie in Hamburg nicht gehalten werden dürfen. Jeder einzelne von ihnen kostet die Stadt jährlich etwa 13.000 Euro. Die MOPO sprach mit Janet Bernhardt, Vorsitzenden des Hamburger Tierschutzvereins (HTV), über Kosten, Resozialisierung und Einschläfern von gefährlichen Hunden.

Frau Bernhardt, in Niedersachsen hat ein gefährlicher American Bully XL seinen Halter totgebissen. Der Hamburger Tierschutzverein setzt sich dafür ein, dass die Rasselisten für gefährliche Hunde in Hamburg abgeschafft werden. Aber lässt Sie ein solcher Vorfall nicht an der Forderung zweifeln?

Janet Bernhardt: Nein, gar nicht. Wir wissen nicht, wieso das passiert ist, aber es lag nicht daran, dass der Hund einer bestimmten Rasse angehört. Nur weil ein Hund ein bestimmtes Aussehen hat und zu einer Rasse gehört, ist er nicht automatisch gefährlich. Auf der Hamburger Rasseliste stehen vier Rassen: American Pit Bull Terrier, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier, Bullterrier. Mit Bullterriern etwa gab es seit Jahren keinerlei Vorfälle. Mit Schäferhunden, Huskies oder Weimaranern schon. Da müssten Sie also alle großen Hunde auf die Rasseliste schreiben. Deshalb nützen Rasselisten nichts.

Bei dem Hund aus Lohne gibt es ja sogar eine aus Hamburg angestoßene Petition mit bereits 62.000 Unterschriften, die verhindern soll, dass das Tier eingeschläfert wird, falls es den Wesenstest nicht besteht.

Solche Petitionen gibt es ja fast bei jedem schweren Beißvorfall, auch von Leuten, die den Hund dann aufnehmen wollen. Ich denke dann immer, die können ja gern mal bei uns vorbeikommen, wir haben sehr viele Listenhunde, die ein Zuhause suchen.

Wie viele Listenhunde haben Sie aktuell im Tierheim und wo kommen die überhaupt her?

Wir haben zurzeit 28, die vermittelt werden dürfen. Das sind Hunde, die von der Stadt beschlagnahmt wurden, weil sie in Hamburg nicht gehalten werden dürfen. Die können einfach zufällig wegen ihres Aussehens aufgefallen und beschlagnahmt worden sein, oder sie waren an einer Beißerei mit anderen Hunden beteiligt oder haben eine Katze gebissen und sind so auffällig geworden. Einzelne Tiere haben vielleicht auch einen Menschen gebissen.

28 sind wirklich viele! Aber es gibt doch Zuchtverbote …

Für das Tierheim ist das keine ungewöhnlich hohe Zahl. Diese Hunde werden in Deutschland illegal gezüchtet und teils auch aus dem Ausland mitgebracht. Darunter sind auch viele Mischlinge, aber sobald eine der vier Rassen drinsteckt, fallen sie auch unter das Verbot.

Diese beschlagnahmten Hunde dürfen Sie dann aber vermitteln?

So einfach ist es nicht. Erst einmal muss geklärt werden, ob der Halter den Hund nicht zurückbekommt. Das geht auch oft vor Gericht und es vergehen teils Monate. Manche Halterinnen und Halter behaupten, der Hund gehöre ihnen gar nicht, sondern Verwandten außerhalb Hamburgs. Dann wird das Tier zurückgegeben. Wenn wir als Tierheim das Okay bekommen, ihn zu vermitteln, dann ist zunächst bei jedem dieser Listenhunde ein Wesenstest vorgeschrieben. Wenn der Hund ihn besteht, darf er vermittelt werden. Aber eben nicht in Hamburg, selbst wenn es noch ein Welpe ist. Wir müssen Interessierte aus anderen Bundesländern finden, was die Vermittlung für uns sehr schwer macht.

Das könnte Sie auch interessieren: Das gilt in Hamburg für die Rasse American Bully XL

Dann bleiben die Hunde sicher teils sehr lange bei Ihnen?

Ja. Manche bleiben ihr Leben lang bei uns. Das sind dann auch mal zehn Jahre. Es gibt Gassi-Gehende, die sich um sie kümmern, aber das ist trotzdem nicht das ideale Hundeleben.

Diese ehemals beschlagnahmten Hunde gehören ja rechtlich der Stadt. Das kostet den Steuerzahler sicher viel Geld.

Ja. Wir bekommen für jeden dieser beschlagnahmten oder sichergestellten Hunde eine Tagespauschale von 35 Euro. Für Fundtiere ebenso, aber die werden meist schneller vermittelt. Bei einem Listenhund, der ein Jahr bleibt, summiert sich das auf 12.775 Euro. Plus Eingangsuntersuchung, Chippen und Wesenstest etc. Und natürlich Tierarztkosten, wenn er im Laufe seines Lebens erkrankt.

Sie sagen, dass Sie gerade 28 dieser Hunde zur Vermittlung haben. Wenn die im Schnitt ein Jahr bleiben würden, wären das knapp 358.000 Euro. Und im Jahr darauf kommen wieder neue Listenhunde, die die gleichen Kosten erzeugen?

So ist das. Für die Stadt ist das ein Kostenfaktor, der in der Höhe nur entsteht, weil die Tiere in Hamburg nicht vermittelt werden können und sehr lange bei uns bleiben.

Das könnte Sie auch interessieren: Hunde aus dem Tierheim? Hamburg schafft Anreiz für Adoption

Bei dem Hund aus Lohne, der seinen Halter getötet hat, gibt es auch viele, die fordern, ihn einzuschläfern. Was sagen Sie dazu?

Wenn er den Wesenstest nicht besteht und auch eine Resozialisierung nicht erfolgreich ist, dann muss man abwägen. Ich habe selbst lange in einer solchen Reso-Abteilung gearbeitet. Es gibt Hunde, die kann man schwer umkrempeln. Aber wenn er so händelbar ist, dass Tierärztinnen und -ärzte ihn untersuchen können, dass er Kontakt zu anderen Hunden haben kann und auch Gassigehen möglich ist, dann ist das Leben noch lebenswert. Wenn das alles nicht geht und der Hund nur noch in der Box sitzt, sich vielleicht aus Stress sogar selbst verletzt, dann guckt sich bei uns im Tierheim eine Ethik-Kommission mit Amtstierärzten und -ärztinnen den Fall an. Dann kann ein Hund im Ausnahmefall auch eingeschläfert werden.

Es gibt auch Länder, in denen gesunde Hunde eingeschläfert werden, wenn sie zu lang im Tierheim sind. Also so wie einige Ihre Listenhunde.

Nur weil ein Hund im falschen Körper geboren wurde und ihm sonst nichts vorzuwerfen ist? Das ist doch Unsinn, das wäre nach deutschem Recht auch gar nicht erlaubt. Da würden wir vom Hamburger Tierschutzverein auch auf die Barrikaden gehen. Keiner von uns würde für eine solche Praxis zur Verfügung stehen.

Was ist die Alternative?

Weg mit der unsinnigen Rasseliste. Wenn diese Hunde behandelt würden, wie alle anderen, wären sie nicht so teuer. Viele Bundesländer haben die Listen ja auch schon abgeschafft. Stattdessen sollte Hamburg lieber von allen Halterinnen und Haltern einen Sachkundenachweis fordern, eine Art Hundeführerschein. Denn meist ist ja die falsche Haltung das Problem und nicht der Hund.