Kolumnist Stefan Kruecken

Kolumnist Stefan Kruecken (l.) bei einem Besuch der Seenotretter vom RNLI Foto: Ankerherz/Kruecken

Wenn Lebensretter wegen Menschenliebe bedroht werden

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Sie fahren für Menschen in Seenot raus in den Sturm und riskieren dafür ihr Leben. Sie sind meist Freiwillige, die als Mechaniker, IT-Fachleute oder Krankenpfleger rund um die Uhr bereitstehen, wenn der Alarm kommt. Nun müssen sie sich für ihr Engagement beschimpfen lassen.

Vor dem Hauptquartier der britischen Seenotretter der RNLI im südenglischen Poole haben selbsternannte „Patrioten“ demonstriert. Seltsam gekleidete, unförmige Männer – eingehüllt in den Union Jack und die englische Flagge – forderten, den „Taxi-Service“ für Flüchtlinge auf dem Ärmelkanal zu stoppen.

Hinter jeder Zahl steckt ein Schicksal

„Taxi-Service“: Gemeint sind damit 1371 Menschen, die Crewmitglieder im Jahr 2024 unter zum Teil schwierigen Bedingungen retteten. Dies entspricht einem Anteil von 1,2 Prozent an allen Einsätzen des Jahres. Hinter jeder Zahl steckt ein Schicksal, und die Frage lautet: Was wollen diese Demonstranten? Sollen 1371 Leichen an den Stränden von Dover, Folkestone oder Ramsgate angespült werden?

78 Flüchtende ertranken 2024 im Ärmelkanal. Wie viele Tote von Seenotrettern geborgen wurden, ist offiziell nicht bekannt. Es dürften Dutzende sein, und auch dies ist eine emotionale Belastung für die Ehrenamtler, deren Organisation – wie die deutsche DGzRS – von Spenden der Allgemeinheit getragen wird.


Stefan Kruecken hfr
Stefan Krücken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

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Seit Schmierblätter wie die „Daily Mail“ den Protest aufgriffen, geht die „Diskussion“ in den Kommentarspalten weiter, mit dem Ziel, die finanzielle Grundlage der Rettungen zu entziehen. Um die Flüchtenden in Schlauchbooten ist in Großbritannien längst ein Kulturkampf entbrannt: „Stop the boats“ heißt der Slogan, und manche Rechtsverdrehten träumen sogar vom Schießbefehl gegen die „Invasoren“.

Ausgerechnet die Flüchtlinge in den kleinen Booten – 36.816 waren es 2024 – werden für die wirtschaftlichen Probleme des Landes verantwortlich gemacht. Nicht der Brexit, den viele Wissenschaftler und Wirtschaftsbosse als Ursache sehen, sondern die Schwächsten und Ärmsten einer Gesellschaft. Rechtspopulist Nigel Farage, der Brexit-Strippenzieher, führt derweil in den Meinungsumfragen. Auch deshalb, weil er die Menschen auf den Schlauchbooten zu Schuldigen macht.

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Crewmitglieder der RNLI berichten von Onlinehass und Bedrohungen durch rechtsextreme Gruppen. Das Spendenvolumen ging zuletzt stark zurück. Wir leben in einer komplexen Welt mit Problemen, die sich nicht leicht lösen lassen. Es gibt aber Situationen, die sind einfach zu bewerten. Wer gegen die Rettung von Menschen in Not demonstriert, hat keinen Anstand und ist kein Patriot. Sondern ist nichts anderes ein nichtsnutziger, charakterlich abgeschmierter Lappen.

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