Der Wal liegt in Niendorf, einem Ortsteil von Timmerndorfer Strand, im flachen Wasser.

Der Wal liegt in Niendorf, einem Ortsteil von Timmerndorfer Strand, im flachen Wasser. Foto: News5/René Schröder

Wal-Drama in der Ostsee: Eine Frage von Schuld und Düne

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Ob die Rettung eines gestrandeten Wals vor dem Küstendorf Niendorf in der Lübecker Bucht erfolgreich sein wird, steht nicht fest, während ich diese Geschichte des Meeres aufschreibe. Seit Tagen liegt das zehn Meter lange Tier auf einer Sandbank. Mit jeder Stunde, die vergeht, sinken seine Überlebenschancen.

Ein großes Team von Helfern bemüht sich: Walexperten, Behördenvertreter, Feuerwehr, Tierschützer von „Sea Shepherd“, sogar der Umweltminister von Schleswig-Holstein eilte an den Strand. Sie haben zuletzt mit einem Saugbagger versucht, das tonnenschwere Tier – vermutlich ein junger Buckelwalbulle – freizubekommen.

Wal in Timmendorfer Strand: Tier wirkt geschwächt

Wenn er überhaupt freikommen möchte, denn ein Sprecher von „SeaShepherd“ gab an, dass der Wal krank und geschwächt wirkt und dass Tiere manchmal absichtlich zum Sterben an einen Strand schwimmen. Die Überlebenschancen eines Großwals, der falsch in die Ostsee abgebogen war – in der er kaum Nahrung finden kann –, sind gering. Dass die Retter dennoch alles versuchen, ehrt sie.


Stefan Kruecken hfr
Stefan Krücken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

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Das Drumherum allerdings stinkt wie ein vor den Ferien im Schulranzen vergessenes Fischstäbchen. Zuerst kritisierte der zuständige Bürgermeister Voyeure, die sich dem gestressten Tier trotz aller Appelle sogar in Schlauchbooten nähern wollten. Auf den Strand strömten Katastrophentouristen in Scharen. Mancher private Radiosender entblödete sich nicht, den Gaffern Fragen zu stellen, und es fehlte neben dem Imbiss mit Wal-Häppchen eigentlich nur ein Souvenirstand, an dem gestrandete kleine „Willys“ verkauft wurden.

Ein noch unschöneres Sittengemälde von Teilen der Gesellschaft lieferten mal wieder die angeblich sozialen Medien. Faszinierend, wie schnell sich manche in der YouTube-Akademie vom Virologen zum Walforscher mit Bergediplom fortbilden konnten. Was wissen schon Walexperten, Behördenvertreter, Feuerwehr und Tierschützer von „Sea Shepherd“, wenn die Durchblickprofis Moni und Rolf von der Couch in Bad Salzuflen loslegen.

Selbst Bemühungen um einen gestrandeten Wal werden politisiert

Neu ist die Menge von Verwünschungen aus dem rechtsdrehenden Spektrum, die in der schwierigen Rettung ein Scheitern Deutschlands („Dummland“ genannt) sehen. Tenor: zu unfähig und schlecht ausgerüstet, den Wal einfach an der Schwanzflosse ins tiefe Wasser zu ziehen. Dass brutaler Stumpfsinn den Wal schlicht zerreißen würde, wie die Experten in zahllosen Statements versuchten zu erklären: geschenkt.

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Selbst die Bemühungen um einen gestrandeten Wal eignen sich, um politisiert zu werden. Auch für eine Lage, für die niemand etwas kann und die in der Natur vorkommt, muss ein Verantwortlicher her. Ein Schuldiger! Jemand, auf den man die Wut abladen kann, eine Wut auf was auch immer.

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