Unter dem Hammer: Die Rettungsweste aus Boot 1 der „Titanic“
Zu den Details, die ich am Untergang der „Titanic“ am spannendsten finde, gehört die Tatsache, dass der Ausguck in der Unglücksnacht kein Fernglas zur Verfügung hatte. Denn der Seemann David Blair, eigentlich 2. Offizier an Bord, war von der „White Star Line“ kurzfristig auf ein anderes Schiff versetzt worden – und hatte den Schlüssel für den Schrank mit den Okularen versehentlich eingesteckt.
An Bord der „Titanic“ traute sich niemand, die Tür aus Edelholz aufzubrechen. So rauschte das Schiff durch die mondhelle Nacht, ohne dass der Ausguck die See mit Hilfsmitteln prüfen konnte. In der Seeamtsverhandlung wurde einer der Matrosen aus dem „Krähennest” gefragt, wie groß der Unterschied gewesen wäre?
„Titanic“: Für den Ausguck gab es kein Fernglas
„Groß genug, um einen Eisberg zu sehen“, lautete die knappe Antwort.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
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Der Schlüssel wurde Anfang des Jahrhunderts bei einer Auktion von einem Diamantenhaus in Antwerpen ersteigert, für umgerechnet 130.000 Euro. Der Mythos „Titanic”, mit dem sich Geld verdienen lässt, ist nie untergegangen.
Rettungsweste in England versteigert
Nun kam im englischen Auktionshaus „Henry Aldridge & Son“ ein „ikonisches Objekt“ unter den Hammer, wie es im Katalog hieß. Eine Rettungsweste aus Segeltuch, gefüllt mit Einlagen aus Kork, getragen von einer Überlebenden aus der 1. Klasse in Rettungsboot Nummer 1.

Laura Mabel Francatelli, damals 32, reiste als Sekretärin der berühmten Modedesignerin Lady Lucy Duff-Gordon und war auf dem Weg nach Chicago. Sie wurde von der Crew der „RMS Carpathia” aufgenommen, die Stunden später am Unglücksort eintraf, und gehörte wie ihre Chefin zu rund 700 Menschen, die den Untergang im eisigen Atlantik überlebten. Insgesamt starben etwa 1500 Menschen.
Um Rettungsboot 1 gab es später Kontroversen: Ausgelegt für 40 Personen, wurde es mit nur mit zwölf Menschen an Bord zu Wasser gelassen. Berichte aus jener Zeit werfen auch die Frage auf, warum das Boot nicht zu den im Wasser treibenden Schiffbrüchigen zurückkehrte. Spielten Zahlungen von Sir Cosmo Duff-Gordon an Besatzungsmitglieder eine Rolle? Die Vorwürfe konnten nie geklärt werden.
Die Weste blieb im Besitz der Familie
Die Rettungsweste – von Francatelli signiert – blieb über Jahrzehnte im Besitz der Familie, bevor sie vor rund 20 Jahren in private Hände überging. Sie wurde zuletzt im grandiosen Titanic-Museum von Belfast ausgestellt.
Nach Angaben des Auktionators Andrew Aldridge existieren weltweit nur noch wenige Rettungswesten, deren Träger bekannt sind. Die meisten befinden sich dauerhaft in Museen und gelten als unverkäuflich. Dem Gewinner der Auktion, der sie per Gebot am Telefon anonym ersteigerte, war sie eine Summe wert, für die sich andere Menschen ein Haus erwerben.
Er zahlte inklusive Gebühren 670.000 Pfund. Das sind umgerechnet 770.000 Euro.
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