Schiffbruch vor Irland: Die Helden von Dingle
In Zeiten der Segelschiffe geriet die Navigation nach Tagen im Sturm oder im trüben Wetter zu einer Art Glücksspiel. Ohne Sonne und Sicht auf Gestirne konnten die Kapitäne ihre Position nicht bestimmen. Sturm und Strömung trieben die Schiffe irgendwohin – und wenn dann plötzlich Land auftauchte, wurde es problematisch.
Tausende Schiffe zerschellten an den Küsten von Irland, den Isles of Scilly oder der Südwestküste Großbritanniens. Manche Abschnitte gleichen einem Friedhof: Wrack liegt neben Wrack, ungezählte Seeleute ertranken. Heute gibt es metergenaue GPS-Navigation und starke Motoren und jeder kann die Route der Frachter am Handy nachverfolgen. Doch wehe, wenn die Technik in einer kritischen Lage ausfällt.
„Selbst auf den Klippen war es rutschig und gefährlich“
Der Tiefseetrawler „Fastnet“, 28 Meter lang, Heimathafen A Coruña in Spanien, hatte das Hafenstädtchen im Südwesten Irlands am Sonntag gerade verlassen, als der Motor versagte. Ausfall aller Systeme. Starker Wind und die Wellen trieben das Schiff auf die Klippen zu. Es muss ein furchtbares Gefühl sein, diese Minuten an Bord zu verbringen, hilflos, doch im Wissen, dass nun ein schweres Unglück unausweichlich ist.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
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Um 11.30 Uhr setzte der Kapitän ein „Mayday“ ab. Die irische Coast Guard startete eine Rettungsaktion mit mehreren Booten, doch angesichts des enormen Schwells war schnell klar: Von See aus war den Menschen auf dem Havaristen kaum zu helfen. Eine Leinenverbindung, die mutige Seenotretter der RNLI im Durcheinander der Brecher herstellen konnten, brach. Was nun?
„Selbst auf den Klippen war es rutschig und gefährlich“, erzählte mir Florian Walsh, ein Fotograf, der die Havarie als Augenzeuge verfolgte. Der Sturm trieb muffigen Dieselgeruch auf die Insel, ein Zeichen, dass die Hülle des Schiffs gebrochen war. An Bord der „Fastnet“ harrten 14 Fischer aus. Lebensgefahr!
Rettung kam aus der Luft. Was die Besatzung des Hubschraubers „Rescue 115“ leistete: unglaublich. Trotz des Sturms hielt der Pilot die Position, unbeeindruckt von den Böen. Trotz der Wellen, die das Schiff direkt vor den knapp 30 Meter hohen Klippen tanzen ließen, gelang es dem Team, jeden Schiffbrüchigen aufzuwinschen. Jeden einzeln. Eine gefährliche Operation, denn das Seil hätte sich in den Aufbauten des Trawlers verfangen können. Alle Seeleute überlebten.
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Ob der Trawler in der schweren See auseinanderbricht, bleibt abzuwarten, doch 14 Fischer haben überlebt. In früheren Zeiten wäre ein Unglück wie dieses vermutlich ihr Todesurteil gewesen. Dank der Retter ist es nun ein kleines, vorgezogenes Weihnachtswunder vor Dingle.
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