Seebestattung (Symbolbild)

Seebestattung (Symbolbild) Foto: picture alliance / Carsten Rehder/dpa | Carsten Rehder

Rod Stewart als ungeschriebenes Gesetz: Seebestattungen werden immer beliebter

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Seenotretter der Station Norderney haben am vergangenen Wochenende sieben Passagiere und die Besatzung eines Bestattungsschiffs von einer Sandbank vor der Nachbarinsel Juist geholt. Die „Aegir“ – benannt nach dem Riesen in der nordischen Mythologie – war in Wind und bei Strom aufgelaufen und saß fest. Diese letzte Reise endete mit einem Notruf.

Ich dachte darüber nach, wie das Erlebnis wohl für die Trauernden an Bord gewesen sein mag. Entweder machte es einen deprimierenden Tag noch trauriger. Oder es lenkte ab. Vielleicht amüsierte es die Hinterbliebenen auch, wenn sie das „Mayday“ als nachträglichen Abschiedsgruß aus der anderen Ebene interpretierten.

So war es vor einiger Zeit, als ein alter Freund vor dem Hafen von Büsum die letzte Ruhe im Meer fand. Mit einem Mal zog Starkwind auf, die Wellenhöhe nahm rasch zu und heftiger Regen prasselte auf den kleinen Kutter, von dem die Urne in die Nordsee gelassen wurde. An Deck war man sich einig, dass Gert die Angelegenheit mit einem breiten Grinsen beobachtete. Danke dafür, alter Hai.

Seebestattungen werden immer beliebter in Deutschland

Seebestattungen werden immer beliebter in Deutschland. Knapp 20.000 sind es jährlich in der Nord- und Ostsee, was angesichts von knapp einer Million finalen Dienstleistungen noch immer ein kleiner Anteil ist. Immerhin der Tod hat Konjunktur. Etwas mehr als 20 „Beisetzungspositionen“ – wie sie im Amtsdeutsch heißen – gibt es von Emden im Westen bis Usedom im Osten. Dass „Sailing“ von Rod Stewart gedudelt wird, ist ein ungeschriebenes Gesetz.

Als Pionier der Seebestattungen gilt ein Kapitän aus Hamburg: Horst Hahn, Jahrgang 1933, einer der letzten Seeleute, die ich mit dieser Profession in Verbindung gebracht hätte. Wegen seines funkelnden Humors. Hahn aber gründete Anfang der 1970er Jahre die erste Seebestattungsreederei Deutschlands. Sie ging vor Kurzem leider in die Insolvenz.


Stefan Kruecken hfr
Stefan Krücken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

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Hahn erzählte mir von Kapitän Schorse aus Bremen, der in einer vollbesetzten Straßenbahn auf die Frage, welches die nächste Station sei, sein Glasauge rauspulte, es aus der fahrenden Tram hielt und den Namen ausrief. Er erinnerte sich an Schiffskoch „Shang“, einen Chinesen, der auf wundersame Weise immer wieder Hühnchen-Currys zauberte. Bis zu jenem Tag, als auffiel, dass die Rattenplage an Bord beendet war.

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Am besten aber ist seine Geschichte, die in einer sehr betrunkenen Nacht als Akkordeonspieler in der Karibik beginnt. Der Frachter fuhr ohne ihn los. Monatelang schlug er sich als eine Art Hausmeister in einem Puff durch, bis das Schiff wieder zurückkam. Eine wenig romantische, dafür vor allem deprimierende Erfahrung, sagte Hahn, nach der er nie wieder ein Freudenhaus aufgesucht habe.

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