Verbrecherkeller Hamburg

Postkarte vom „Verbrecherkeller“, einer üblen Spelunke. Foto: hfr

Postkarte aus dem Hamburger „Verbrecherkeller“

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Wie viele Menschen im großen Slum der Hafenstadt hausten, lässt sich nur schätzen. Historiker sprechen von 15.000, andere sogar von 20.000. Die Twieten waren verwinkelt, die Gänge so schmal, dass nicht einmal Handkarren hindurchpassten. In den Rinnen sammelten sich Unrat, Urin und Exkremente. Eine Kanalisation existierte in den Gängevierteln Hamburgs nicht.

Ratten und Mäuse huschten durch die Gassen unweit des Hafens. In den alten, teils schiefen Häusern, innen kalt, schimmlig und klamm, lebten Dutzende Familien von Gelegenheitsarbeitern auf engstem Raum. Es stank beißend nach Fäkalien, die Zustände begünstigten Seuchen. Die Cholera raffte 1892 mehr als 8500 Bewohner dahin – in der reichen Hansestadt, in der soziale Gegensätze schon immer drastisch ausgelebt wurden.

Wer heute durch die Straßen des Kontorhausviertels schlendert, vorbei an Schaufenstern von Möbelhäusern, Galerien und Restaurants, ahnt nicht, dass hier einst ein urbaner Albtraum Realität war. Besonders Kinder litten. Rachitis, eine Mangelerkrankung, die zu schweren Verformungen führt, war verbreitet, ebenso Diphtherie, Scharlach und Masern. Statt in die Schule schickten viele Eltern ihre Kinder zum Betteln oder Stehlen.

Wirt des „Verbrecherkellers“ nutzte den Ruf seines Etablissements für Werbung

Gewalt war allgegenwärtig. Gauner lungerten an den Straßenecken, warteten auf Reisende oder Seeleute, die sich verirrten. Die Opfer wurden in dunkle Twieten gezerrt und zusammengeschlagen. Aussicht auf Strafverfolgung? Die Polizei wagte sich nur mit Verstärkung ins Viertel.

Das Alltagsleben ist kaum dokumentiert, meist nur in Berichten von Behörden wie dem Gesundheitsamt. Einen besonderen Einblick liefert ausgerechnet der Wirt der übelsten Spelunke: der „Verbrecherkeller“. Er nutzte den Ruf seines Etablissements für Werbung!


Stefan Kruecken hfr
Stefan Krücken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

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Auf einer Postkarte steht: „Verbrecherkeller Niedernstraße, Ecke Depenau“. Auf der Rückseite finden sich Informationen in mehr als einem Dutzend Sprachen. Denn Postkarten waren im späten 19. Jahrhundert das Massenmedium, eine frühe Mischung aus Instagram, WhatsApp und E-Mail. In der Kaiserzeit entwickelte sich die Ansichtskarte rasant: 1905 wurden rund 1,5 Milliarden Karten allein im Deutschen Reich verschickt.

Kluge Geschäftsleute nutzten das neue Medium, und so auch der Wirt des „Verbrecherkellers“. Wie der Fotograf die Bilder unverprügelt aufnehmen konnte, ist unbekannt. Vermutlich half „Lütt un Lütt“ – Bier und Schnaps in schneller Folge. Die Aufnahmen zeigen trunkene Gestalten, die sich in den Armen liegen. Zwei Männer beißen in eine Kartoffel, viele Blicke sind glasig. Frauen halten Männer umschlungen – vermutlich Prostituierte.

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Ob die Werbemaßnahme neue Kundschaft brachte? Das ist nicht überliefert. Wohl aber das Ende des „Verbrecherkellers“: Acht Jahre später wurde das gesamte Viertel dem Erdboden gleichgemacht.

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