O du Stürmische: Weihnachten auf See
Seeleuten ergeht es wie den Obdachlosen: Einmal im Jahr, immer in der Weihnachtszeit, erinnert sich das Land daran, dass es sie gibt. Die einen leben am Rande der Gesellschaft, die anderen hinter dem Horizont. Die einen haben als kleines Trostpflaster Frank Zander und seine Armenspeisung, die anderen eine Radiosendung namens „Gruß an Bord“, die der NDR seit 1953 über Kurzwelle über die Wellen schickt.
Weihnachten bedeutet für Seeleute die emotional schwierigste Zeit im Jahr – auch wenn viele Schiffe heute zumindest über das Bordinternet mit der Welt verbunden sind. Selbst Kapitän Charly Behrensen, ein alter Hochseefischer und einer der härtesten Kerle, die ich kenne, wurde beim Thema Heiligabend sentimental. Wie viele Feste er auf See verbrachte? Wusste er nicht.
„Wir waren froh, wenn wir arbeiten konnten“, erzählte er mir. „Dann dachte man wenigstens nicht an die Familie zu Hause.“ Besonders schlimm war es einmal als junger Decksmann vor der Küste Englands, als er die Lichter der Hafenstadt Dover sah, die ihn an Cuxhaven erinnerten.
Zu Weihnachten: Warnungen vor extremem Wellengang
In diesem Jahr wird es für Seeleute, die auf dem Nordatlantik unterwegs sind, ein stürmisches Fest. Seit Tagen ziehen Orkane über die See, und es gibt Warnungen vor extremem Wellengang. Bis zu 16 Meter sollen es nach Angaben mehrerer Wetterdienste sein. Kein Tippfehler: 16 Meter. Das ist gefährlich für Schiffe jeder Größe, die deshalb Ausweichrouten fahren müssen.

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Diese Woche u.a. mit diesen Themen:
- Ausnahme-Winter: Alles rund um die Hamburger „Eiszeit“ – Plus: Die besten Rodelpisten
- Vermisst: Wenn Kinder wie Aaliyah Jolie F. (13) immer wieder abhauen
- Köhlbrand: So soll die neue Brücke aussehen
- Gastro-Mehrwertsteuer sinkt: Wird Essengehen jetzt günstiger?
- Große Rätselbeilage: Knobelspaß für jeden Tag
- 16 Seiten Sport: Das kann die neue HSV-Hoffnung Downs & St. Pauli-Leader Hauke Wahl mit Klartext
- 20 Seiten Plan 7: Was bald in den Museen gezeigt wird, „Die Carmen von St. Pauli“ ist zurück & Abend der Rockgiganten
„Bombogenese“ nennen Fachleute das Phänomen, wenn sich Stürme sehr schnell vertiefen und schnell und brutal über die See ziehen. Ein erfahrener Kapitän der Islandfähre hatte mir beim letzten Brückenbesuch erzählt, dass sie durch den Wandel des Klimas häufiger werden und ihm diese Entwicklung Sorgen bereite. Wissenschaftlich belegen lässt sich die Beobachtung nicht. Mehrere Kapitäne berichteten mir davon.
England: Engpass mit Lebensmitteln
Schiffe werden heute wie Flugzeuge mit Routenberatungen über die Meere gelotst und erhalten präzise Wetterdaten, nach denen der optimale Kurs festgelegt wird. „Bombenzyklone“ aber lassen sich schwer vorhersagen – und niemand möchte hineingeraten.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
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Auf den Isles of Scilly vor der Südwestküste Englands drohte wegen der Stürme nun ein Engpass mit Lebensmitteln. Das Versorgungsschiff wurde durch Seeschlag beschädigt und musste wegen des Schwells umdrehen, weil das Anlegen im Hafen von St. Mary unmöglich war. So flog man mehrere Tonnen Nachschub auf das kleine Archipel.
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Ich wünsche allen Seeleuten ein frohes Fest. Und natürlich auch allen Lesern meiner Kolumne vom Meer. Frohe Weihnachten!
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