Helgoland

Blick über Helgoland mit seinen beiden Inseln. Bürgermeister Thorsten Pollmann möchte sie „wiedervereinigen“. Foto: picture alliance / dpa/Stefan Rampfel

Make Helgoland great again?

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Der große Sturm trifft die Insel in der Nacht auf das neue Jahr 1721. Ein Chronist berichtet von „furchtbaren Wellen“, die den Rest des weißen Kliffs wegreißen. Als sich der Orkan legt, erkennen die Helgoländer: Ihre Insel ist nun geteilt. In eine Hauptinsel – und eine vorgelagerte kleine Insel, die heute „Düne“ genannt wird.

Dass der Sturm das „Wittklipp“ wegschwemmen konnte, lag auch daran, dass die Insulaner große Mengen des wertvollen Kalkgesteins abgetragen und verkauft hatten. Für sie bedeutete es eine wichtige Einnahmequelle in Zeiten der Kriege: 1714 hatte Dänemark die Insel militärisch erobert.

Mehr als 205 Jahre später meldet sich nun der Bürgermeister von Helgoland mit einer spektakulären Idee: Thorsten Pollmann schlägt im „Abendblatt“ vor, Deutschlands einzige Hochseeinsel mit gewaltigen Sandvorspülungen „wiederzuvereinigen“.

„Ich sehe keine andere Möglichkeit für die Zukunft unserer Insel“

Neu ist die Idee nicht. 2008 hatte der Hamburger Bauunternehmer Arne Weber den Plan schon einmal angeschoben. Nach jahrelangem, teils schmutzigem Streit lehnten ihn die Insulaner in einer Volksabstimmung mit knapper Mehrheit ab: 54,7 Prozent waren dagegen.

Dass der parteilose Bürgermeister den Vorschlag erneut anstößt – für den er eine persönliche Sturmflut erwarten darf –, ist nicht nur mutig. Es ist aus seiner Sicht unausweichlich. „Ich sehe keine andere Möglichkeit für die Zukunft unserer Insel“, sagt er mir am Telefon.

Die Idee Helgoland ist bedroht

Denn die Idee Helgoland ist bedroht. Insulanern fehlt es an Wohnraum. Touristen mangelt es an Betten. Immer weniger Inselbewohner teilen sich immer höhere Kosten für Infrastruktur. Eine halbe Milliarde Euro ist in den kommenden Jahren fällig, unter anderem, um die maroden Hafenanlagen zu erneuern. „Alle mögen die kleine Welt Düne. Aber was, wenn sie ein reines Naturschutzgebiet wird, weil niemand mehr anlegen kann?“, fragt Pollmann.


Stefan Kruecken hfr
Stefan Krücken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

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Auf dem neu gewonnenen Land könnten Wohnungen entstehen, Hotels, ein Gezeitenkraftwerk und eine Marina für Segler. Die Kosten für die Aufschüttung dürften nach ersten Schätzungen etwa halb so hoch ausfallen wie die Ausgaben für die Erneuerung. Dass es Summen mit vielen Nullen sind, so oder so, steht fest.

Eingeweiht hat der Bürgermeister in seinen Vorstoß niemand, auch, um eine „kleine Schockwelle“ auszulösen. Auf der Insel werde die Idee in ersten Reaktionen „überwiegend positiv aufgenommen“, sagt er mir. In den sozialen Medien meldeten sich sofort die Kritiker, die an einen vorgezogenen Aprilscherz glaubten und gerne hätten, dass „alles bleibt, wie es immer war.“

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Im Juni feiert die Insel 200 Jahre Seebadgeschichte. Sie muss sich neu erfinden, wenn sie nicht untergehen will. Dass der Bürgermeister den Anstoß wagt, statt den „Ist-Zustand“ zu verwalten: Respekt. Die öffentliche Meinung in einem Land hinter sich zu bekommen, das Innovation gegenüber so skeptisch ist, wird für die Befürworter von „Make Helgoland great again“ eine gewaltige Aufgabe.

Fast so schwierig, als wollten sie den benötigten Sand mit Eimerchen und Schaufeln persönlich aufschütten.

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